10.02.2012

Individuellere Behandlung auch in der Medizintechnik

Medizintechnik: Im finanziell angespannten Gesundheitssystem könnte personalisierte Medizintechnik die Behandlungen effektiver gestalten. Welche Technologien verfügbar sind und wo Hindernisse in der Finanzierung liegen, erläuterten Experten bei der Vorstellung des VDE-Innovationsreports „Personalisierte Medizintechnik“ in München.

VDI nachrichten, München, 10. 2. 12, ber

Trotz identischer Diagnose reagieren Patienten oft unterschiedlich auf den gleichen Therapieansatz. Wie Biomarker, Bioimplantate, computergestützte Patientenmodelle und Theranostik (Kombination von Diagnostik und Therapie) im Operationssaal künftig helfen können, für jeden Betroffenen die optimale Behandlungsmethode zu finden, zeigt jetzt der VDE-Innovationsreport „Personalisierte Medizintechnik“.

Um Biomarker wie Enzyme, Hormone oder ganze Zellen zeitnah für die Diagnose und Prognose nutzen zu können, müssen Patientenproben schnell und einfach analysiert werden, so ein Ergebnis des Berichts. Hierfür würden neue Verfahren gebraucht, die sich statt im Zentrallabor in räumlicher Nähe zum Patienten durchführen lassen.

Bei biologischen Implantaten kommen die Autoren zu dem Schluss, dass künftig komplexe Gewebe bis hin zu ganzen Organen im Labor hergestellt werden müssen, um den stetig wachsenden Bedarf zu decken. Hierfür sei die Entwicklung einer kapillaren Netzwerkstruktur essenziell, für die der Innovationsreport drei Ansätze aufzeigt.

Einen „Paradigmenwechsel“ im Gesundheitswesen konstatierten die VDE-Experten bei der Vorstellung des Innovationsreports in München. Von der Frage: „Was stimmt nicht mit dem Patienten?“ gehe es hin zu: „Was wird dem Patienten helfen?“, erklärte Michael Meyer, Leiter Market Service Healthcare Sector bei Siemens.

Bislang werden bei gleicher Diagnose häufig gleiche Therapieansätze gewählt, individuelle Faktoren dabei nur wenig beachtet. Die Wirkungsraten der Behandlung von Krebs, Depressionen oder Diabetes sind dementsprechend zum Teil erschreckend gering, wie Meyer darstellte. Untersuchungen zeigten, dass gegenwärtig je nach Erkankung nur 25 % bis 80 % der Patienten eine effektive Therapie erhielten.

Nicht nur bei der Wahl von Arzneimitteln, auch für den Einsatz von Medizinprodukten werde die Individualisierung zunehmend interessant. Diese Produkte seien erforderlich, um personalisierte Medizin in der Theranostik technisch zu realisieren, erklärten die VDE-Vertreter. Ein unverzichtbares Element sei etwa die Bildgebung, die sich mit anderen Analytiksystemen kombinieren lässt.

„Innovative Medizinprodukte zeichnen sich durch einen signifikanten Nutzen für den Patienten aus, sie sollten sicher und schonend in der Anwendung sein und dabei gleichzeitig effizient“, fasste Thomas Schmitz-Rohde, Direktor des Instituts für Angewandte Medizintechnik im Helmholtz-Institut der RWTH Aachen und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik (DGBMT) im VDE, zusammen. „Es gibt eine neue Dimension der Medizintechnik durch die personalisierte Anpassung von Komponenten, Geräten und Systemen.“

Als Katalysatoren des Fortschritts in der Medizintechnik identifizierte die DGBMT vor einigen Jahren die Computerisierung mit Informations- und Kommunikationstechnik, die Miniaturisierung mit Mikrosystemtechnik, Nano- und optischen Technologien sowie die Molekularisierung mit Biotechnologie sowie Cellular- und Tissue Engineering. Hinzu kommt nun die Personalisierung.

Vier besonders innovative Bereiche personalisierter Medizintechnik beschreiben die Autoren im aktuellen DGBMT-Innovationsreport. Dazu zählen neben computergestützten Patientenmodellen und Theranostik im OP auch Biomarker und Bioimplantate.

Beispiel Patientenmodelle: Durch moderne IT können Organe realitätsnah am Computer abgebildet werden. In diese Simulation fließen dann persönliche Daten wie etwa Blutwerte ein, möglicherweise aber auch Ergebnisse empirischer Untersuchungen und physiologische oder chemische Parameter. Ärzte können daraus dann die Auswirkungen einer Therapie ableiten oder Aussagen zum weiteren Krankheitsverlauf treffen.

Im Arbeitsalltag der Mediziner könnten Softwareapplikationen für einen mobilen Zugriff auf Patientendaten sorgen oder dabei helfen einen Befund schneller zu erstellen. Untersuchungen würden effizienter, die Kosten geringer – und der Arzt hätte im Idealfall mehr Zeit für seinen Schützling. Entsprechende Daten seien heute bereits verfügbar, so Meyer – allerdings fehle die Verknüpfung der wissenschaftlichen Ergebnisse mit der Verwaltung. Hier dürften vorhandene Daten für die Versorgungsforschung häufig nicht angewandt werden.

„Für die personalisierte Medizin müssen wir nicht alles umstrukturieren, sondern das Vorhandene neu orchestrieren“, sagte Meyer. Tragfähige Geschäftsmodelle seien derzeit allerdings noch nicht in Sicht, erklärte der Siemens-Vertreter. Darüber hinaus sei zu befürchten, dass diejenigen, die in die Forschung und Entwicklung investiert hätten, nicht unbedingt auch davon profitierten.

Cord Schlötelburg, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE, sprach sich deshalb für ein „Innovationsprogramm zur Erforschung und Entwicklung personalisierter Medizintechnik“ aus, das es in dieser Form noch nicht gibt. Zwar existieren vielversprechende Kooperationsansätze und eine diverse Förderlandschaft für Medizintechnik auf Ebene des Bundes, der Länder und der EU, doch fehlen laut Schlötelburg Programme zur Förderung medizintechnischer Grundlagen oder für die Durchführung innovationsbegleitender Maßnahmen.

Erster Adressat, so Schlötelburg, sei hier das Bundesforschungsministerium sowie das Wirtschafts- und das Gesundheitsministerium. Denn: „Medizintechnik ist längst multidisziplinär und nicht mehr nur ein Zusammenspiel von Ärzten und Ingenieuren“, ergänzte Meyer. SIMONE FASSE

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