09.11.2012
Ingenieure entwickeln Helfer für den Alltag
Medizintechnik: Eine starke und beständige Nachfrage aus dem Ausland lässt die deutsche Medizintechnikbranche optimistisch in die Zukunft blicken. Absolventen der inzwischen etablierten medizintechnischen Studiengänge, aber auch Quereinsteiger aus dem Maschinenbau, der Elektrotechnik und nicht zuletzt der Informatik haben beste Karrierechancen.
VDI nachrichten, Velbert, 9. 11. 12, cer
„Die Medizintechnikwirtschaft ist in Deutschland sehr breit aufgestellt, das ist eine ihrer Stärken. In unterschiedlichen Bereichen wie beispielsweise Beatmung, Endoskopie, Prothetik oder Sterilisationstechnik sind deutsche Unternehmen Weltmarktführer“, berichtet Jan Wolter, Leiter des Fachverbandes Medizintechnik bei Spectaris, Verband der Hightech-Industrie. Mit dem Label Made in Germany, das nach wie vor für besondere Qualität stehe, werde in den Auslandsmärkten gepunktet. „In der Medizintechnik bedeutet Qualität nicht nur, dass die Produkte lange halten, sondern es bedeutet auch: Auf diese Produkte ist in jeder Situation Verlass.“
Immer wichtiger sei auch das Drumherum, der Service, dass Ersatzteile schnell zu bekommen seien, die Anwender eine entsprechende Einweisung bekommen und ihre Mitarbeiter geschult werden, bis hin zu Finanzierungsdienstleistungen und anderen Dingen, erklärt Jan Wolter.
„Medizintechnik ist eine unheimlich innovative Branche und hat sich hier in unserem Cluster, im Großraum Tuttlingen, in Richtung Implantate, Operationsleuchten, aber auch medizinische Laser und Hochfrequenz-Chirurgie entwickelt. Das ergibt ein immer breiteres Anwendungsspektrum: in Krankenhäusern, bei den Anwendern, das geht auch in Richtung biofunktionale Implantate und geänderte Behandlungsmethoden“, erläutert Andreas Hupe, kaufmännischer Leiter und Personalverantwortlicher der Gebrüder Martin GmbH & Co. KG.
Sein Unternehmen ist deshalb ständig auf der Suche nach entsprechenden Anwendungsentwicklern, allgemein nach Mitarbeitern mit Ingenieurhintergrund, nicht nur mit einschlägiger Berufserfahrung, sondern auch direkt von den Hochschulen. Bei den Qualifikationen sei die Feinwerktechnik immer noch ein Thema, ebenso die Inhalte der klassischen Studiengänge, die sich z. B. mit Licht beschäftigen.
Ingenieure aus angrenzenden Industrien, beispielsweise von Leuchtenherstellern, seien ebenfalls interessante Kandidaten, denn die Grundlagen seien ja überall die gleichen und die Materialien ähnlich. „Unsere Produkte unterliegen aber einem strengen Genehmigungsprozess.
Das Medizinproduktegesetz in Deutschland muss immer in den Köpfen sein, vom Anfang der Entwicklung bis zu den geforderten Untersuchungen und Studien, die zusammen mit den Kliniken und Ärzten durchgeführt werden. Wer sich durch ein Medizintechnikstudium bereits mit diesen Regularien auskennt, hat wohl doch gewisse Vorteile gegenüber anderen Neueinsteigern“, bemerkt Andreas Hupe.
„Ingenieure im Bereich der Medizintechnik arbeiten zwangsläufig mit Biologen und anderen Naturwissenschaftlern zusammen sowie mit Medizinern, dem Pflegepersonal und nicht zuletzt auch mit den Patienten. Somit müssen Ingenieure im gewissen Sinne auch Kommunikationsmanager sein“, erläutert Thomas Schmitz-Rode, Direktor des Instituts für Angewandte Medizintechnik, das als Helmholtz-Institut an der RWTH Aachen und am Universitätsklinikum Aachen angesiedelt ist. Die Hochschulen bemühten sich, die dafür notwendigen Softskills bereits in den Curricula zu verankern und entsprechend auszubilden.
„Was die Fachkompetenz angeht, wird immer wichtiger dass man sich als Ingenieur auch zunehmend mit IT beschäftigt. Wir suchen beispielsweise Ingenieure, die verstärkt im Bereich Informatik Erfahrungen gesammelt haben, z. B. im Bereich Enterprise IT oder Client-Server-Architekturen. Denn bei einem Teil unserer Lösungen geht es letztendlich darum, dass wir Datenkommunikation sicherstellen und intelligente Netzwerktechnologien haben, die mit unterschiedlichsten Systemen zuverlässig kommunizieren. Gerade im Krankenhaus müssen die Netzwerke sicher funktionieren“, berichtet Sabina Ufferheide, zuständig für das Employer Branding bei der Drägerwerk AG & Co. KGaA.
Ingenieure, die explizite Studiengänge absolviert haben, wären wichtig, denn die hätten meist schon den Klinikalltag kennengelernt. Dräger beschäftige jedoch vor allem die klassischen Ingenieure aus Maschinenbau und Elektrotechnik, im Idealfall mit Qualifikationen in der IT, aber auch klassische Informationstechniker, die ein Händchen für Ingenieuraufgaben haben und sich weiterbilden und weiterentwickeln wollen. „Da die Medizintechnik schon ein sehr komplexes Feld ist, brauchen Einsteiger auf jeden Fall eine Eingewöhnungszeit“, betont Sabina Ufferheide. Dann warten internationale Teams auf die Neulinge und die Aussicht, nach einer gewissen Zeit in Deutschland selbst ins Ausland zu gehen, denn Dräger beschäftigt weltweit rund 12 000 Mitarbeiter und ist in über 190 Ländern der Erde vertreten.
„Das Herz der deutschen Medizintechnik schlägt in Tuttlingen“, erklärt Jan Wolter. Dort seien Hunderte kleine und mittelständische Unternehmen tätig. In Bayern sei die Branche speziell im Münchener Raum gut aufgestellt, in Norddeutschland hätten Hamburg und Lübeck eine besondere Bedeutung, rund um Berlin gäbe es einige Neugründungen und NRW sei schon länger ein starker Standort.
„Für Ingenieure ist es sehr spannend, in der Medizintechnikbranche zu arbeiten. Die Arbeit ist sehr vielfältig und kann sogar dazu beitragen, dass Menschenleben gerettet werden. Diese Konstellation gibt allen Beteiligten eine enorme Zufriedenheit. Die kleinen und mittelständischen Strukturen bringen zudem den Vorteil, dass es keine Hire-and-Fire-Politik in den Unternehmen gibt.“
Ein weites Aufgabenfeld für Ingenieure bietet auch die Pharmaindustrie. Arzneimittel benötigen oft spezielle Produktions- und Verpackungsmaschinen, die besonderen Sicherheitsstandards und neue medizinische Applikationsformen stellen hohe Anforderungen an die Verfahrenstechnik. Auch die Pharmaindustrie ist auf ständige Innovationen angewiesen.
Der Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa) konstatiert, dass rund ein Fünftel der gut 85 000 Beschäftigten ihrer Mitgliedsunternehmen in der Forschung und Entwicklung tätig sind. Die im Jahr 2011 in Deutschland produzierten pharmazeutischen Erzeugnisse im Wert von 28 Mrd. € ergeben gegenüber 2000 eine Steigerung von über 55 %. Das Inland verliert für die Hersteller als Absatzmarkt jedoch stark an Bedeutung. Während 1995 nur ein Drittel aller in Deutschland produzierten Medikamente exportiert wurden, sind es heute bereits zwei Drittel. Die pharmazeutische Industrie ist eine der Branchen, deren Mitarbeiter die höchste Wertschöpfung am Standort Deutschland erwirtschaften, so der vfa. Ingenieure der Pharmatechnik, aus dem Maschinenbau, der Verfahrenstechnik sowie der Biotechnologie haben somit in der Pharmaindustrie alle Möglichkeiten für eine gute Karriere. MANFRED BURAZEROVIC
Kleinunternehmen dominieren
-Die Medizintechnikindustrie beschäftigt laut Bundesverband Medizintechnologie (BVmed) in knapp 1250 Betrieben (mit mehr als 20 Beschäftigten pro Betrieb) über 100 000 Menschen. Hinzu kommen laut BVmed annähernd 10 000 Kleinunternehmen mit rund 75 000 Beschäftigten. Die Kernbranche beschäftigt damit insgesamt in Deutschland über 175 000 Menschen in über 11 000 Unternehmen. Weitere 29 000 Mitarbeiter sind im Einzelhandel für medizinische und orthopädische Güter tätig.BVmed
Auslandsumsatz beflügelt Branche
-2011 erwirtschaftete die deutsche Medizintechnikbranche einen Gesamtumsatz von 21,4 Mrd. €. Das bedeutete einen starken Umsatzzuwachs, der fast ausschließlich durch den um 11 % auf 14,2 Mrd. € gestiegenen Auslandsumsatz erzielt wurde, das Inlandsergebnis stieg um 0,4 % auf 7,2 Mrd. €. Die FuE-Quote am Gesamtumsatz ist mit rund 9 % sehr hoch, folglich arbeiten etwa 15 % der Beschäftigten in der Forschung und Entwicklung. PI