03.02.2012
Karriere aus tiefer Überzeugung
Erneuerbare Energien: Sie sind längst nicht alles, was die Energien der Zukunft ausmacht. Die Erneuerbaren bilden aber das Herz künftiger Energieversorgung. Auf dem Arbeitsmarkt für Ingenieure sind technische Entwickler, Projektplaner- und -steuerer sowie Marktentwickler gefragt.
VDI nachrichten, Bremen, 3. 2. 12, ws
Kaum ein anderer Wirtschaftszweig hat in den vergangenen Jahren eine derartige Erfolgsgeschichte auf dem Arbeitsmarkt hingelegt wie der Bereich der erneuerbaren Energien. Biogas, Geothermie, Fotovoltaik, Solarthermie und Windenergie: Seit dem Jahr 2000 vervierfachte sich die Zahl der Jobs in der gesamten Branche bundesweit auf rund 364 000. Tendenz: weiter steigend, bereits in acht Jahren sollen es bis zu 560 000 Arbeitsplätze sein.
Gefragt sind Fachkräfte aus allen technischen Bereichen, aber: „Das ist ein Ingenieurarbeitsmarkt“, sagt der Geschäftsführer des Wissenschaftsladens Bonn (WiLaBonn) Theo Bühler, der die Beschäftigungssituation laufend analysiert. Gut ein Drittel aller Stellenangebote richtet sich nach seiner Beobachtung an Ingenieure.
Ob Maschinenbau, Elektrotechnik oder Bauingenieurwesen – der neue Arbeitsmarkt fordert Fachwissen aus allen möglichen Disziplinen. Zudem beschränkt sich das Themenfeld nicht nur auf die Energiegewinnung, sondern umfasst jede Menge weiterer Bereiche von den cleveren Stromnetzen (smart grids) zur intelligenten Steuerung des Strombedarfs über Speichertechnologien bis zum Energiemanagement in Industrie und Gebäudewirtschaft.
Entsprechend vielfältig sind die infrage kommenden Beschäftigungen und die dafür geforderten Qualifikationen. „Den Arbeitskräftebedarf kann man in drei große Gruppen einteilen“, erläutert Bühler: Technikentwickler, Projektentwickler und Marktentwickler bzw. Marktsteuerer. Technikentwickler sind dabei gewissermaßen die Pioniere, die etwa Speichertechnologien bis zur Serienreife vorantreiben.
Projektentwickler kommen bei der Realisierung von konkreten Vorhaben wie beispielsweise von Windparks zum Einsatz; Marktentwickler sind die Wegbereiter des wirtschaftlichen Erfolges. Gefragt seien dabei die unterschiedlichsten Disziplinen, meint Bühler: „Ein Windpark ist ja nicht nur ein Energieprojekt, sondern auch ein Bauvorhaben und erfordert auch planerische und logistische Kompetenzen.“
Das Ausbildungsangebot ist mittlerweile breit gefächert. Mehr als 300 Studiengänge hat der Wissenschaftsladen Bonn erfasst, die im weitesten Sinne zu Qualifikationen für das Themenfeld erneuerbare Energie führen. Überwiegend handelt es sich um Angebote aus den Ingenieurwissenschaften und der Elektrotechnik, es zählen aber auch Masterstudiengänge für Betriebswirte und sogar aus den Sozialwissenschaften dazu.
Laut Bühler haben diese Studiengänge einen regen Zulauf – nicht nur wegen der guten Berufsaussichten. Wer im Bereich der erneuerbaren Energien arbeitet, tut dies nicht nur der Karriere wegen, sondern häufig auch aus innerer Überzeugung: „Die Arbeit ist mit dem Gefühl verbunden, etwas Gutes und Sinnvolles zu tun“, meint Bühler. Der Experte hat einen Motivationswandel festgestellt: „Früher wurde die Ingenieurfachrichtung in erster Linie nach den Rahmenbedingungen in der Branche ausgewählt.“
An einer Zukunftstechnologie zu arbeiten und zur Lösung großer gesellschaftlicher Aufgaben wie Ressourcen- und Klimaschutz beizutragen, tröstete in den Pioniertagen der Wind- und Sonnenkraftnutzung manchen über die damals geringen Verdienstmöglichkeiten hinweg. Die Zeiten, in denen die erneuerbaren Energien mehr das Gewissen beruhigten als das Konto füllten, scheinen allerdings langsam vorbei zu sein. „Wir sind auf dem Weg zu mit anderen Branchen vergleichbaren Gehältern“, hat Bühler festgestellt.
Seit 2004 veranstaltet der Wissenschaftsladen Bonn eine eigene Messe für die Arbeit in den erneuerbaren Energien: Am 4. und 5. Mai präsentieren wieder Unternehmen, Hochschulen und Weiterbildungsträger ihr Angebot auf der „jobmesse-ee“ im Wissenschaftspark Gelsenkirchen.
Auf der Messe soll sich zeigen, was Bühler bereits jetzt beobachtet hat: Für ein Engagement in dem neuen Energiesektor sprechen auch die Karrierechancen. „Für gute und ehrgeizige junge Leute gibt es tolle Perspektiven“, sagt Bühler – internationale Einsätze eingeschlossen. Die Nutzung der Windenergie beispielsweise ist längst kein nationales Thema mehr – Anlagenhersteller und Windparkplaner arbeiten weit über Europas Grenzen hinaus Zukunftsmärkte liegen in Nordamerika ebenso wie in China, Indien oder Brasilien.
Aber nicht nur junge Leute haben gute Aussichten: Angesichts eines wachsenden Fachkräftemangels sind Headhunter in anderen Industriezweigen auf der Pirsch: „Den Unternehmen mangelt es vor allen an branchenerfahrenen Generalisten“, hat Bühler beobachtet.
Vor allem in der Fotovoltaikindustrie zeigen Vorboten, dass diese Generalisten dringend vonnöten sein werden. Der Konkurs einiger Solarunternehmen verdeutlicht, dass die Zukunft vermutlich nicht in der vergleichsweise primitiven Herstellung der reinen Solarzellen liegen könnte, sondern in kompletten solaren Energiesystemen.
WOLFGANG HEUMER/ws
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