17.08.2012

Knochencheck vor Implantationen

Investoren aufgepasst: Das Start-up Alveostics hat ein mechanisches Verfahren entwickelt, um die Qualität von Knochensubstanz exakt zu messen. Es könnte Kieferchirurgen und ihren Patienten bei Zahnimplantationen viele Komplikationen ersparen und auch beim Einsetzen künstlicher Gelenke wertvolle Dienste leisten. Das Spin-off der Uni Erlangen-Nürnberg sucht 1,2 Mio. € Startkapital und strebt in fünf Jahren den Break-even an.

VDI nachrichten, Düsseldorf, 17. 8. 12, sta

Heimwerker kennen das Problem: in maroden Wänden hält kein Dübel. Kieferchirurgen geht es zuweilen ähnlich. Stoßen sie bei Zahnimplantationen auf morsche Alveolen – so nennen sie die knöchernen Zahnfächer am Kiefer – wird das Einschrauben der künstlichen Zahnwurzeln problematisch.

„Die Güte des Knochens ist entscheidend für die Wahl des Implantats, die Operationsstrategie und die Einheilphase“, erklärt Matthias Karl, der als Zahnarzt und Dozent an der Zahnklinik II der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg behandelt, forscht und lehrt. Doch es gebe keine praktikable Lösung, um die Knochengüte während der Operation exakt zu messen.

Der Mediziner hat in den letzten fünf Jahren viel Mühe darauf verwandt, diesen Missstand zu beenden. Unter anderem kontaktierte er den benachbarten Lehrstuhl für Technische Mechanik – und traf dort Werner Winter. Der promovierte Ingenieur ist Experte für Werkstoffmechanik und verstand sofort, wonach Karl suchte. Gemeinsam entwickelten die beiden ein kompaktes Gerät, mit dem Chirurgen die Knochengüte im Handumdrehen messen können. Dafür drücken sie einen Messkopf in die ohnehin notwendige Wurzelbohrung. Der zylindrische, etwa 3 mm dicke Kopf ist in vier Segmente unterteilt. Wird er auf den Knochen gedrückt, spreizen diese sich. Das Gerät misst Spreizung und aufgewendete Kraft und schließt von diesen Werten auf die Festigkeit der Knochensubstanz.

„Wir haben unser Verfahren zunächst an Polyurethan-Blöcken und später an Tierknochen und in anatomischen Versuchsreihen ausführlich erprobt – und die Messergebnisse jeweils anhand begleitender Knochenanalysen verifiziert“, berichtet Karl. Für Einsätze an lebenden Patienten sind jeweils zwei Messungen vorgesehen: eine Referenzmessung am Eingang der Bohrung und eine in der Tiefe des Bohrlochs. Die Werte liegen dem Chirurgen sofort vor und erlauben ihm die Optimierung seiner Strategie – angefangen von der Zahl der nötigen und möglichen Bohrungen über die Wahl der Verankerung bis hin zur Festlegung der Einheilzeiten oder zur Einleitung von Knochenaufbaumaßnahmen. Außerdem kann er fundiert entscheiden, ob der Patient zunächst ein Provisorium oder gleich die fertige Krone eingesetzt bekommt.

„Für Patienten verspricht unsere Lösung kürzere Behandlungen mit weniger Sitzungen und Komplikationen. Zudem sinken die Kosten. Und nicht zuletzt bekommen Implanteure mehr Sicherheit, gerade wenn sie noch unerfahren sind“, wirbt Karl, der sein Verfahren künftig im eigenen Unternehmen vermarkten wird. Alveostics heißt es – zusammengesetzt aus Alveolen und Diagnostik. Zur Vorbereitung seiner Gründung nahm der Mediziner am Businessplan-Wettbewerb des Netzwerks Nordbayern teil – und gewann in zweifacher Hinsicht. Einerseits prämierte die Jury sein Projekt mit dem ersten Platz und 10 000 €. Andererseits traf Karl im Lauf des Wettbewerbs seinen Teampartner Bernd Einmeier. Er bringt als gründungserfahrener Kaufmann und Marketingexperte exakt die Kompetenzen mit, die Mediziner Karl und dem Ingenieur Winter fehlten.

Gemeinsam will das Trio schon nächstes Jahr in die Vermarktung des Messgeräts einsteigen. Ihr potenzieller Markt: jährlich 800 000 Zahnimplantate in Deutschland, 3,1 Mio. in Europa und mehr als doppelt so viele weltweit. Einsteigen wollen sie mit den etwa 1000 Praxen in Deutschland, die als Viel-Implantierer gelten. Bald danach soll in Kooperation mit Herstellern von Zahnarztgeräten, externen Vertriebspartnern und über einen eigenen E-Commerce-Kanal die internationale Vermarktung folgen. Ab 2015 sollen dann auch Chirurgen das Messgerät in Orthopädie und Traumatologie nutzen – etwa beim Einsetzen künstlicher Hüftgelenke.

Noch gibt es allerdings einen Stolperstein im Zeitplan. Als medizinisches Gerät braucht die Knochensonde eine CE-Zulassung. Weil Karl umfangreiche Tests an Knochen von Schafen und menschlichen Leichen durchgeführt und dokumentiert hat und zudem kein vergleichbares Produkt im Markt ist, sind die Gründer aber zuversichtlich, dass die Behörden einer schnellen Zulassung auf Basis einer klinischen Bewertung zustimmen. „Die wäre in zwölf Monaten zu schaffen“, so der Mediziner.

Unabhängig vom zeitlichen Verlauf wird sich das Start-up auf Forschung, Entwicklung sowie auf Marketing und Vertrieb konzentrieren und die Fertigung auslagern. Als Geschäftsmodell schwebt dem Team die „Druckertinte-Strategie“ vor. „Wir werden unsere Geräte nahezu zum Selbstkostenpreis abgeben“, sagt Einmeier. Gewinne soll der Verkauf der Messköpfe bringen. Denn diese sind aus hygienischen und technischen Gründen als Einweglösung konzipiert.

Um Zulassung, Fertigung und das schnelle internationale Wachstum zu finanzieren, sucht das Team einen Investor. „Wir haben in den nächsten drei Jahren einen Finanzierungsbedarf von 1,2 Mio. €“, so Einmeier. 2017 soll dann der Break-even erreicht sein. Neben hohen Ambitionen, dem prämierten Geschäftsplan und ihrem erprobten Gerät haben die Gründer ein weiteres Argument auf ihrer Seite: „Wir konnten für unseren Beirat Erich Reinhardt und Thomas D. Taylor gewinnen“, berichtet Karl. Der frühere Siemens-Vorstand Reinhardt leitete jahrelang die Healthcare-Sparte des Konzerns und führte sie an die Weltspitze zurück. Und Taylor gilt in Fachkreisen gar als „Papst der Zahn-Implantologie“. Beide können Alveostics in aller Welt Kontakte vermitteln und Türen öffnen. So gesehen scheint der Zeitplan des Gründertrios durchaus eine knochenharte Basis zu haben.   PETER TRECHOW

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