13.01.2012
Künftig weniger Schadstoffe in Kölns Kindergärten
Gesundheit: Die Stadt Köln hat im Dezember 2011 neue Anforderungen für Spielzeug und Mobiliar in Kölner Kindergärten und Grundschulen festgelegt. Kinder bis etwa zehn Jahre sollen möglichst ohne fortpflanzungsschädigende Phthalate und Bisphenol A aufwachsen.
VDI nachrichten, Köln, 13. 1. 12, ber
„Es geht uns um Schadstoffminimierung“, erklärte Gerhard Wiesmüller. Der Arzt leitet die Abteilung Infektions- und Umwelthygiene des Gesundheitsamtes der Stadt Köln. Die neuen Kriterien zur Beschaffung wurden zwischen dem städtischen Gesundheits-, dem Vergabe- und dem Schul- sowie dem Kinder- und Jugendamt abgestimmt.
Sie gelten für die drei Produktgruppen Möbel, Spielzeug sowie Sport- und Spielgeräte und enthalten Altes und Neues: Die Produkte dürfen wie bisher keine Schwermetalle wie Cadmium, Blei oder Quecksilber enthalten Möbel sollen weiterhin frei von Holzschutzmitteln wie Pentachlorphenol (PCP) sein.
Neu ist, dass diese drei Produktgruppen in städtischen Kitas und Grundschulen frei von Bisphenol A (BPA) und einigen Phthalaten sein sollen. „Unsere Kinder können künftig freier von Schadstoffen spielen und tollen“, sagte Kirsten Jahn, jugendpolitische Sprecherin der Grünen der Stadt und Mutter von drei Kindern. Weiterhin verlangt die Stadt, dass alle bei Möbeln sowie Sport- und Spielgeräten verwendeten Textilien den Kriterien des Öko-Tex-Labels „Textiles Vertrauen“ entsprechen und nur emissionsarme Holzprodukte eingesetzt werden.
„Diese Vorgaben sind meines Wissens einzigartig“, erläuterte Wiesmüller. Sie gelten für 255 städtische Kitas und 141 Grundschulen. Da die Stadt die Einkaufskriterien auf ihrer Webseite veröffentlicht hat, können sich auch private und kirchliche Träger von Kindergärten und Grundschulen sowie Privatleute daran orientieren.
Der Stadt Köln geht es um Vorsorge. BPA und die Phthalate sind akut zwar kaum giftig, wirken aber auf das Hormonsystem, können auch Leber und Niere schädigen und die Entwicklung von Kleinkindern stören. „Sie können schon in geringsten Mengen wirken“, ergänzte Sarah Häuser, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).
Häuser sieht Handlungsbedarf. Hausstaubproben aus 223 Kitas, die der BUND 2010 und 2011 untersuchen ließ, zeigen, dass Kitas im Schnitt fast dreimal so hoch mit Phthalaten belastet sind wie ein durchschnittlicher Haushalt. Die Auswertung zeige, wie die Belastung niedrig gehalten werden kann, so Häuser: „Verzichtet eine Einrichtung etwa auf PVC-haltige Fußbodenbeläge und Einrichtungsgegenstände, finden die Prüfer tendenziell weniger Weichmacher.“
In Köln werden dennoch nicht alle Spielzeuge, Stühle und Turnmatten, die diese Substanzen enthalten, sofort ersetzt. „Die Kriterien gelten für Neuanschaffungen“, erläuterte dies Wiesmüller. Zudem können laufende Rahmenverträge mit Lieferanten nicht nachträglich angepasst werden. So hat die Stadt im September 2011 mit der Firma Wehrfritz im oberfränkischen Bad Rodach einen dreijährigen Vertrag für die Beschaffung von Kita-Möbeln abgeschlossen. Die Firma hält die neuen Kriterien für Möbel nach eigenen Angaben aber von sich aus ein.
Häuser hält die Kölner Vergabekriterien für zukunftsweisend. Sie entsprächen einem fast vollständigen Verbot des Kunststoffs PVC, dem solche Phthalate beigemischt sind. Auch sollten keine Produkte aus Polycarbonat mehr eingekauft werden. „Köln setzt damit den Trend fort, diese hormonell wirkenden Substanzen in Produkten zu verbieten“, sagte Häuser (s. Kasten).
Im Detail kritisieren Umwelt- und Verbraucherschützer aber die Kölner Vergaberichtlinien. „Die Stadt handelt nicht konsequent“, meinte Rolf Buschmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. So wolle die Stadt bei Möbeln sowie bei Sport- und Spielgeräten über alle eingesetzten Stoffe informiert sein, bei Spielzeugen jedoch nicht. Die Stadt jedoch verweist hier auf die EU-Spielzeugrichtlinie, nach der Anbieter Unterlagen vorlegen müssen, die zeigen, dass von den Spielzeugen keine Gefahr ausgeht.
Inkonsequent sei auch der Umgang mit PVC, so Buschmann. Bei Möbeln will die Stadt auf diesen Kunststoff generell verzichten. Bei Spielzeugen will sie ihn erlauben, wenn Vorgaben der Spielzeugrichtlinie erfüllt sind, und bei Sport- und Spielgeräten sieht Köln eine PVC-Freiheit für Turnmatten, Gymnastikbälle und große weiche Bausteine nur „soweit möglich“ vor.
Diese Ausnahmen seien nicht unbedingt notwendig, erklärte Häuser. So vertreibt die Firma Wehrfritz Bauklötze aus Schaumstoff, die mit Polyestergewebe in Kunstleder-Qualität bezogen sind. Diese phthalatfreien Klötze sind 20 % bis 25 % teurer als die mit PVC-Bezug. Bänfer aus dem hessischen Bad Wildungen wiederum verkauft Turnmatten, deren Schaumstoffkern mit Nylon oder Baumwolle bezogen ist. Diese Matten sind bis zu 20 % teurer als die mit PVC-Bezügen.
Häuser weiß, dass in Zeiten klammer Kassen die Versuchung groß ist, vor allem auf den Preis zu achten, doch „die Gesundheit der Kinder sollte es Kommunen wert sein, möglichst schadstofffreie Ausstattungsgegenstände anzuschaffen“.
„Mehr ist aus EU-Vergaberecht nicht möglich gewesen“, meinte Wiesmüller. Er hofft, die Kriterien dennoch so hoch gesetzt zu haben, dass nur „seriöse“ Anbieter an die Stadt herantreten. Und Wiesmüller will mehr. „Wir werden uns auch um andere Gebrauchsmaterialien im Innenraum wie Klebstoffe kümmern.“ Das Ziel ist wieder das gleiche: die Schadstoffeinträge etwa von Lösemitteln so niedrig wie möglich zu halten.
RALPH H. AHRENS
www.stadt-koeln.de/3/gesundheit/infektions-und-umwelthygiene/umwelthygiene/09422
Einsatzverbote für Weichmacher
- Seit September 2011 darf keine BPA-haltige Babyflasche in der EU verkauft werden.
- Seit Januar 2007 verbietet die EU-Spielzeugrichtlinie den Einsatz dreier Weichmacher in Babyartikeln und in Spielzeug: Diethylhexylphthalat (DEHP), Butylbenzylphthalat (BBP) und Dibutylphthalat (DBP).
- Die Spielzeugrichtlinie untersagt zudem, die drei Weichmacher Diisononylphthalat (DINP), Diisodecylphthalat (DIDP) und Di-n-octylphthalat (DNOP) in Produkten einzusetzen, die Kinder in den Mund nehmen. rha