03.08.2012

Londons Antwort auf das Silicon Valley

Gründer: Im Osten der englischen Hauptstadt wächst seit drei Jahren die „Tech City“. Was mit 15 Dot.coms begann, ist inzwischen zu einer Institution mit über 3000 jungen Firmen geworden. Nirgends in Europa ist die Start-up-Dichte so hoch wie hier. Auch deutsche Gründer haben die Vorteile des Standorts für sich entdeckt.

VDI nachrichten, London, 3. 8. 12, sta

Rund um einen unscheinbaren Verkehrskreisel im Osten von London, im Stadtteil Shoreditch, ist in kurzer zeit ein bunter Strauß Start-ups aus dem Boden geschossen. Alle haben das gleiche Ziel: den großen Durchbruch zu schaffen. Wachstumsunterstützung in finanzieller Form gibt es reichlich. Zum einen tummeln sich am Finanzplatz London fast alle namhaften Investoren. Zum anderen will die Regierung hier die Antwort Großbritanniens auf das amerikanische Silicon Valley geben – und leistet daher Unterstützung. Premierminister David Cameron hat sich mit der Regierungsinitiative „Tech City“ zum Ziel gesetzt, den Osten Londons als ein technologisches Sprungbrett in Europa zu etablieren. Das Projekt bekommt derzeit noch zusätzlichen Auftrieb durch die Olympischen Sommerspiele im Londoner Osten.

Ein anderer zusätzlicher Anstoß kommt von Amazon. Der Online-Riese hat am Silicon Roundabout ein großes Bürogebäude gemietet, um möglichst nahe an den Start-ups zu sein und von den sich hier bietenden technischen Perspektiven so rasch wie möglich zu profitieren.

Eine kleine Gruppe von etwa 15 Internet-Start-ups markierte vor drei Jahren den Anfang des Silicon Roundabout. Inzwischen tummeln sich hier Tausende junger, ambitionierter Firmen. Wie aus einer jüngsten Untersuchung des Centre for London Think Tank hervorgeht ist die „Tech-City“ auch sehr viel größer als ursprünglich angenommen wurde. So werden derzeit um die Kreuzung von Old Street und City Road 3200 eingetragene Jungunternehmen mit 48 000 Mitarbeitern gezählt. In den teils hohen alten Bürogebäuden drängen sich die Nachwuchs-Entrepreneure dicht an dicht. Berücksichtigt man all die kleinen Start-ups, die weniger als 77 000 £ pro Jahr erlösen und damit noch nicht registrierpflichtig sind, dann dürften es noch deutlich mehr sein. Nirgends in Europa ist die Start-up-Dichte so hoch wie am Silicon Roundabout.

„In England gilt es derzeit als richtig cool, ein Start-up zu sein. Jeder redet über sie. Die Regierung ist inzwischen sehr viel aktiver geworden und fördert junge Leute mit Start-up-Ambitionen“, erläutert Toby Coppel vom britischen Venture Capital Unternehmen Virgin Green Fund. Die Briten vergeben beispielsweise ein spezielles Visum für einschlägige Unternehmer aus Nicht-EU-Staaten. Auch wurde im Rahmen des Enterprise Investment Scheme (EIS) der Steuerfreibetrag für Start-ups erhöht. Der Internet-Sektor allein schon wird mit über 200 Mio. £ gefördert. Schließlich wurde Anfang vergangenen Jahres auf Initiative des Premierministers von der staatlichen UK Trade & Investment die Tech-City Investment Organisation (TCIO) gegründet. Geschäftsführer Eric van der Kleij ist davon überzeugt, dass Camerons Silicon-Valley-Vision für London eine reizvolle Perspektive darstellt. „Wir haben eine echte Chance, zum führenden Technikcluster in Europa aufzusteigen,“ so van der Kleij.

Die TCIO unterstützt Start-ups sowohl mit Beratung wie mit Kapital und bringt sie zugleich auch mit potenziellen Geldgebern aus aller Welt in Berührung. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine Gruppe von Investoren einen Rundgang in diesem Londoner Viertel macht.

Auch ganz große Namen sind im Silicon Roundabout zu finden. So hat der Suchmaschinen-Gigant Google Ende März in einer Seitenstraße von Shoreditch eine Art Start-up-Tempel auf sieben Stockwerken eröffnet. Der „Google Campus“ soll kostengünstige Arbeitsräume bieten und kostenlose Beratung von Google-Entwicklern. Es gibt ein Förderprogramm, genannt „Google Springboard“, bei dem Jungunternehmer Geschäftsprogramme unter Anleitung entwickeln können. Sowohl Cisco als auch Intel haben ähnliche Programme angekündigt.

Großbritannien hat sich inzwischen als ein idealer Nährboden für die Hightech-Branche aus aller Welt entwickelt. In den Augen vieler junger Firmengründer sind London, aber auch Cambridge und Oxford mit ihren führenden Universitäten ein Magnet für Kreative. Der Technologiepark von Cambridge wird von vielen ausländischen jungen Unternehmern als einzigartig eingestuft. Auch sei es in Großbritannien einfacher, Finanziers für junge Unternehmen zu finden. Auch in anderen Metropolen Englands haben sich mittlerweile Start-up Enklaven aufgetan. So gibt es neben „Silicon Fen“ in Cambridge, „Silicon Gorge“ in der Nähe von Bristol und „Silicon Beach“ nahe von Brighton.

In Shoreditch sind auch deutsche Jungunternehmer zu finden, die beispielsweise Computerwissenschaften und BWL studiert haben und es trotz verlockender Jobangebote aus der Industrie vorziehen, in einer kleinen Wohngemeinschaft in London zu leben und nach der Killer-Applikation von morgen zu suchen. Aus Kreisen ambitionierter deutscher Jungunternehmer ist zu hören, dass der große Vorteil dieser Londoner Hightech-Enklave darin liegt, auf überschaubarem Raum auf Schritt und Tritt Gleichgesinnte zu treffen. Täglich ergebe sich die Chance, den Ratschlag von erfolgreichen Unternehmern wie beispielsweise dem Gründer von Wikipedia, Jimmy Wales, einholen zu können. Wer sich ansiedeln möchte, findet erste Hilfe bei der TCIO (s. Link unten). Hier werden auch Anfragen von Investoren gesammelt. 

Einige Beispiele deutscher Jungunternehmen, die inzwischen am Silicon Roundabout tätig sind: Madvertise aus Berlin eröffnete kürzlich ein Büro in der Old Street. Madvertise ist ein mobiles Werbenetzwerk. Hier werden Werbekunden, Agenturen, Betreiber von mobilen Webseiten und Entwickler von Mobilen Applikationen zusammengeführt. Madvertise hat dazu gerade eine automatisierte Handelsplattform entwickelt, auf der sich Werbeplätze in Echtzeit versteigern lassen.

Bigpoint.com stammt aus Hamburg und ist ein Software-Unternehmen, das sich auf die Entwicklung und den Vertrieb von Browser- und Online-Spielen spezialisiert hat.

Respondi aus Köln ist ein Marketing- und Marktforschungsunternehmen. Die Aktiengesellschaft versteht sich als Bindeglied zwischen Unternehmen und Konsumenten in Europa und stellt für Online-Befragungen Teilnehmer zur Verfügung.

Auch deutsche Unternehmer, die der Start-up-Szene entwachsen sind, sind in Shoreditch aktiv. So hat der Internet-Pionier Stefan Glänzer 2009 das Gewächshaus „White Bear Yard“ gegründet. Das ist ein Verbund von Entrepreneuren, die ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihr Kapital in junge Unternehmern einbringen wollen. PETER ODRICH

www.techcityuk.com

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