01.04.2011
Manchmal braucht es buchstäblich eine lange Leitung
Erdgas: Die Bedeutung Deutschlands als Drehscheibe Europas für den Wachstumsmarkt Erdgas spiegelt sich auf der Pipeline Technology Conference wider. Sie findet im Rahmen der Hannover Messe am 4. und 5. April 2011 statt. Die Konferenz bildet die gesamte Wertschöpfungskette rund um Rohrleitungssysteme ab: Planung, Bau, Betrieb und Instandhaltung von Offshore- und Onshore-Pipelines, Materialfragen, Erneuerung alter Pipelines sowie Sicherheitstechnik.
VDI nachrichen, Hannover, 1. 4. 11, swe
Nach wie vor sind Pipelines die sicherste Lösung zum Transport von flüssigen oder gasförmigen Stoffen. Sie dienen der Versorgung mit Energie wie Erdgas, LNG und Öl, aber auch chemischen Rohstoffen wie Ethylen, CO2, CO oder H2.
Das ehrgeizigste Projekt ist derzeit Nord Stream, die 1224 km lange Leitung vom russischen Wyborg am Finnischen Meerbusen nach Lubmin an der Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern.
Anfang Februar wurden die Arbeiten am ersten Leitungsstrang der Nord-
Stream-Pipeline beendet. Zwei von drei Teilabschnitten der Erdgasleitung durch die Ostsee sind nun fertiggestellt. Dabei wurden mehr als 83 300 Rohre auf einer Strecke von 1000 km auf dem Meeresboden verlegt. „Wir haben die Arbeiten am schwierigsten Teilabschnitt der Pipeline fristgerecht beenden können“, sagt
Ruurd Hoekstra, Deputy Director of Construction der Nord Stream AG.
Um das russische Gas zu den Verbrauchern bringen zu können, sind Anschlussleitungen erforderlich. So haben die Behörden in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen im Februar den Bau der Nordeuropäischen Erdgaspipeline (NEL) genehmigt. Diese soll von Lubmin über 440 km bis nach Rehden südlich von Bremen führen und dort mit dem europäischen Fernleitungsnetz verbunden werden. Die Inbetriebnahme ist für Herbst 2012 vorgesehen.
Die Ostsee-Pipeline-Anbindungs-Leitung (Opal) übernimmt ebenfalls in Lubmin Erdgas und transportiert es über 470 km ins sächsische Olbernhau an der tschechischen Grenze, wo sie an die Sachsen-Thüringen-Erdgas-Leitung (Stegal) anbindet. Die Opal-Inbetriebnahme ist für Oktober 2011 zusammen mit dem ersten Strang der Nord Stream vorgesehen. Mit einem Durchsatz von 36 Mrd. m³/a und einem Durchmesser von 1,40 m ist die Opal die größte in Europa verlegte Erdgasleitung.
Gemeinsam mit der italienischen Eni plant Gazprom ein weiteres Projekt: South Stream soll vom russischen Beregovaya an der östlichen Schwarzmeerküste durch das Schwarze Meer bis nach Bulgarien und von dort aus sowohl nach Österreich als auch nach Griechenland und Italien führen. Der Durchsatz soll bei 31 Mrd. m³/a, später bei 47 Mrd. m³/a liegen. Von Beregovaya aus besteht bereits die in die Türkei führende Blue Stream.
Bei White Stream handelt es sich um ein besonders von der Ukraine unterstütztes Leitungsprojekt, das Gas von Supsa in Georgien durch das Schwarze Meer auf die Krim oder auch direkt nach Rumänien bringen soll. Der Durchsatz soll zu Anfang lediglich 8 Mrd. m³/a betragen und später auf bis zu 32 Mrd. m³/a erhöht werden.
Nabucco ist das wohl am weitesten fortgeschrittene, in der Planung befindliche Pipelineprojekt. Es wird von der EU unterstützt und von einem Unternehmenskonsortium aus Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Türkei geplant. Dazu Michael Rosen von RWE: „Europa braucht Nabucco. Nur mit neuen Gasquellen und neuen Transportwegen erhöhen wir unsere Versorgungssicherheit und schaffen mehr Wettbewerb. Wir rechnen noch in der ersten Jahreshälfte mit konkreten Ergebnissen bei den Verhandlungen mit den Gaslieferländern. Dann ist der Weg frei für eine Bauentscheidung eventuell noch in diesem Jahr.“
Diese Leitung soll Erdgas aus der kas-pischen Region – vor allem Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan – unter Umgehung Russlands quer durch die Türkei über Bulgarien, Rumänien und Ungarn bis nach Österreich bringen. Über die internationale Gasdrehscheibe Baumgarten bei Wien werden dann auch Kunden in Deutschland und Westeuropa Nabucco-Gas beziehen können. Ab 2015 sollen bis zu 31 Mrd. m³/a durch die 3300 km lange Leitung fließen.
Als weitere Pipeline zur Versorgung Europas ist Galsi, die Gasleitung Algerien-Sardinien-Italien, geplant. Sie soll das Mittelmeer von Algerien über Sardinien nach Italien in einer Länge von 900 km durchqueren und die tiefstliegende Pipeline der Welt werden. Nach derzeitigen Plänen soll sie im nächsten Jahr fertiggestellt sein.
Aber Erdgas ist nicht der einzige Energieträger, der Europas Wirtschaft antreibt: Bereits 2008 wurde mit dem Bau der Burgas-Alexandroupolis-Ölpipeline begonnen in diesem Jahr soll sie in Betrieb gehen. Die 279 km lange Leitung verbindet die bulgarische Schwarzmeerhafenstadt Burgas mit dem griechischen Hafen Alexandroupolis an der Ägäis. Sie soll Öl aus Russland, Kasachstan und den Kaukasusrepubliken liefern, um den riskanten Seeweg durch die türkischen Meerengen Bosporus und Dardanellen zu ersetzen.
Wenn zwischen Energievorkommen und Verbrauchern weite Wege liegen, sorgen Pipelines dafür, die Energie an ihren Bestimmungsort zu bringen.
ECKART PASCHE