10.02.2012

Musik aus dem Netz sucht neue Geschäftsmodelle

Musikmesse Midem: Musik immer und überall auf mobile Geräte zu streamen, das ist in. Da liegt noch einiges an Konfliktpotenzial zwischen Musikindustrie und den Internetgiganten à la Facebook und Google.

VDI nachrichten, Düsseldorf, 10. 2. 12, jdb

Der Siegeszug des digitalen Musikgeschäfts ist unbestritten. 2011, so rechnete der Internationale Verband der Musikindustrie (IFPI) vor, wuchs die Zahl digitaler Downloads um satte 17 % auf 3,6 Mio. Die Einnahmen aus digitalen Kanälen übersteigen in einigen Ländern, etwa auf dem US-Markt (52 %), in Korea (53 %) und China (71 %), die Einnahmen im klassischen Musikgeschäft. Selbst die großen Labels erzielen nun 32 % ihrer Einnahmen aus dem digitalen Geschäft.

Deutschland hängt dabei trotz seiner Bedeutsamkeit als drittgrößter Musikmarkt hinter den USA und Japan digital noch hinterher. 86 %, so bilanzierte Staatssekretär Hans Joachim Otto auf der Musikmesse Midem Ende Januar in Cannes vor dem Fachpublikum, macht die deutsche Branche noch im physikalischen Geschäft. Erst Ende vergangenen Jahres ebnete eine Einigung zwischen dem Branchenverband Bitkom und der Verwertungsgesellschaft Gema über die Abgaben für Downloads und Streaming möglicherweise den Weg für eine Aufholjagd.

Seither bieten Apples iMatch und der aus den USA stammende Streamingdienst Rdio ihre Dienste auch für deutsche Nutzer an. Auch das französische Exportprodukt Deezer, das Nutzern alternativ per Abo oder Werbung finanzierten Musikgenuss aus dem Netz bietet sowie die Erstellung von Playlisten erlaubt, startete im Dezember. Die Gema verriet bei der Midem, dass man auch mit Deezer einen Deal gemacht habe.

Deezer setzt dabei ebenso wie das aus Schweden stammende Spotify, zu dessen Deutschlandstart es bei der Midem noch keine Neuigkeiten gab, auf eine enge Kooperation mit Facebook. Konkret: Ohne Facebook-Konto geht gar nichts mehr bei Spotify und Deezer und damit betritt ein neuer Riese die Musikmarktszene.

Wie viele Leute über Facebook einen Song getauscht hätten, das werde die neue Währung für den Erfolg einer Band, trompetete Dan Rose von Facebook in Cannes; seit vier Monaten seien bereits 5 Mrd. Songs getauscht worden. Auch Googles Musikdienst, mit dem man iTunes etwas entgegensetzen will, ist nach Aussagen von Zahavah Levine, der Verantwortlichen für Inhalte bei Google, auf 215 Mio. Android-Geräten innerhalb kurzer Zeit aktiviert worden und "täglich kommen 700 000 dazu".

Angesichts solcher Zahlen werde der Markt das, was jetzt schon
"Likeonomics" genannt werde, bald gut unterstützen, sagt Gerd Leonhard, Experte fürs mobile Musikgeschäft. Die Nutzer entscheiden über den "Like"-Button mit, wie gut ein Künstler verdient. Leonhard, der als Berufsbezeichnung Futurist angibt, erklärt, die aktuellen Abozahlen der digitalen Diensteanbieter - z. B. 1 Mio. aktive Nutzer bei Sonys Music Unlimited, die bald auch für Apple-Geräte angepasst werden sollen, oder 1,5 Mio. bei Deezer - reichen noch nicht, um genug für den neuen Musikmarkt abzuwerfen.

"Es ist nett, wenn Spotify 3 Mio. zahlende Nutzer hat, aber wir brauchen 900 Mio.", sagt Leonhard. Das funktioniere aber nur über einfache kollektive Lizenzmodelle und die seien gerade in Europa mit seinem traditionellen Musikgeschäft noch nicht in Sicht. Solange man sich hierzulande von den Rechteinhabern noch erpressen lassen müsse, wenn man eine Lizenz haben wolle, stünden die Zeichen schlecht. Leonhard befürchtet, dass in Europa noch eine Menge neuer Musikplattformen pleitegehen werden.

"All die coolen Tools werden wir hier nicht haben", so seine Sorge. Erst wenn die Branche den Karren vollends an die Wand gefahren habe, dürften Nutzer in Europa auf Besserung hoffen. Kleinere Margen bei größeren Nutzerzahlen und eine starke Diversifizierung des Geschäfts entsprächen der Netzökonomie.

"Nutzen Sie Ihre Zeit mehr für Vertragsabschlüsse als für die Jagd nach Piraten", riet Kerstin Jorna, die Vizekabinettschefin von Binnenmarktkommissar Michel Barnier . Zwar sicherte sie Unterstützung im Kampf gegen Urheberrechtsverletzungen zu und auch Staatssekretär Otto versprach eine weitere Runde in der Debatte um mögliche Warnhinweise. "Doch das Geschäft muss die Branche selbst machen", sagte Jorna. 

  MONIKA ERMERT

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