20.01.2012

Occupy-Aktivisten versus Facebook

Internet: Occupy-Aktivisten berichten von unterdrückten Nachrichten und blockiertem Linksharing bei Facebook. Sie wollen jetzt ein eigenes alternatives Netzwerk entwickeln.

VDI nachrichten, Düsseldorf, 20. 1. 12, pek

Bislang wurde Facebook vor allem durch einen stark verbesserungswürdigen Datenschutz auffällig. Falls das stimmt, was deutsche Occupy-Aktivisten berichten, könnte es Facebook nicht nur mit einer Debatte um mangelhaften Datenschutz, sondern auch Zensur zu tun haben.

Im vergangenen Jahr setzten viele Aktivisten auf Facebook, Twitter & Co. Die erfolgreichen Demonstrationen in Tunesien, Ägypten und anderen arabischen Ländern hatten die Macht der sozialen Netzwerke vorgeführt. Zwar gilt es in westlichen Staaten anders als in den arabischen Staaten keine alternative Öffentlichkeit herzustellen, weil die Massenmedien nicht vom Staat zensiert werden, doch die Netzwerke eignen sich wie kaum ein anderes Internetwerkzeug zur Mobilisierung von Gleichgesinnten. Im Herbst starteten amerikanische und deutsche Occupy-Aktivisten diverse Facebook-Seiten, die rasch viele Fans anzogen.

Im Moment jedoch ist die Begeisterung stark abgeflaut. Die Aktivisten vermuten, dass Facebook ab und zu selbst entscheidet, welche Inhalte gezeigt und welche Nachrichten übermittelt werden sollen. Stephan Urbach vom internationalen Hackernetzwerk Telecomix kennt mehrere Fälle, in denen private Nachrichten von Occupy-Aktivisten nicht zugestellt wurden. Aufrufe in Facebook wurden gelöscht, auch das Teilen bestimmter Links klappte nicht.

Urbach: „Vielen Aktivisten ist nicht klar, dass Facebook über seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen eine Art Hausrecht ausübt.“ Schon im Oktober etwa berichtete ein Blogger auf der Nachrichten-Website Freitag.de, dass Facebook das Teilen der Internetadresse occupydc.org mit folgender Meldung kommentierte: „Hoppla. Etwas hat nicht funktioniert. Wir versuchen dieses so schnell wie möglich zu reparieren.“ Er dokumentierte den Vorgang mit einem Screenshot. Beschwerden, so weiß Urbach, verliefen im Sande: „Facebook reagierte auf Nachfragen nicht.“

Der Sprecherin von Facebook Deutschland, Tina Kulow, ist nicht bekannt, dass der Dienst bestimmte Inhalte nach Stichworten oder Links filtert. Sie weist jedoch darauf hin, dass Nutzer anstößige Inhalte melden können. Ein Facebook-Team entscheidet dann, ob die Inhalte online bleiben. Auch beobachte das Team bestimmte Seiten mit fragwürdigen Themen, dazu zählten etwa die Seiten der rechtsextremen NPD. Auch gäbe es eine Spam-Filterung: Kommentare auf Facebook-Seiten, die das System als Spam erkennt, werden dem Administrator der Seite vorgelegt. Er entscheidet dann, ob er den Kommentar freischalten oder löschen will. Dass private Nachrichten nicht weitergeleitet werden, kann sich Tina Kulow nur mit einer Art System-Schluckauf erklären, der jedoch sehr selten vorkäme.

Tatsächlich gibt es immer wieder verschiedene Unregelmäßigkeiten bei Occupy-Inhalten. So wird etwa beim Teilen von Links wie http://
occupydc.org ab und zu die übliche grafische Vorschau nicht angezeigt, sondern nur der dürre Link gepostet – der für wenig Aufmerksamkeit sorgen dürfte. Informatiker Carlo von Loesch administrierte eine Event-Seite für eine Occupy-Demonstration vor dem Bundestag und erlebte auch hier einige Merkwürdigkeiten: „Ich musste den Event noch mal anlegen, weil Facebook uns verbat, das Datum einfach nach vorne zu verlegen und damit die Einladungsliste beizubehalten.“ Dies war damals jedoch eine übliche Praxis. Mehrere Monate später existierte die Seite für den Event nicht mehr. „Meine Partys von vor drei Jahren kann man immer noch angucken gehen, aber eine große Occupy-Demo vor dem Bundestag ist einfach weg“, so von Loesch.

Auch Occupy-Einladungen kommen seiner Beobachtung nicht mehr durch, erinnert sich von Loesch: „Für den 15. Januar war eine Demo geplant, aber ich sah nur Flyer und Texte dazu – keine Event-Einladungen.“ Die Texte sehe er auch nur, wenn er die entsprechenden Seiten wie OccupyBerlinNews und Occupy.Bundestag direkt aufrufe. Für von Lösch sind das „subtile und unfestnagelbare Manipulationen“.

Doch nicht nur Facebook fiel unangenehm auf. Yahoo musste sich jetzt dafür entschuldigen, das sein E-Mail-Dienst E-Mails blockierte, die die Webadresse occupywallstreet.org enthielten. Die Versender hatten automatische Rückantworten von Yahoo erhalten, die darauf hinweisen, dass ihre Nachricht nicht zugestellt wurde, weil „verdächtige Aktivitäten auf Ihrem Account entdeckt wurden“. Yahoo sagte, dies läge an einem falsch eingestellten Spam-Filter. CHR. SCHULZKI-HADDOUTI


Facebook-Zensur 

-Facebook fiel in der Vergangenheit schon mehrfach durch die Anwendung von Sperren auf:

·Im Oktober 2011 berichtete ein amerikanischer Occupy-Aktivist, dass er als Administrator von Facebook-Seiten eine 15-tätige Sperre erhalten hatte.

·Ebenfalls im Oktober beschwerten Atomkraftgegner sich über gesperrte Administratorkennungen. Facebook hielt die Benutzerkontos für gefälscht.

·Facebook sperrte im November 2010 für mehrere Stunden die Verwendung des Mitbewerbernamens „Lamebook“ in Nachrichten und berief sich dabei auf sein Recht, gegen Markenverletzungen vorzugehen. csh

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