25.11.2011

Öko-Produkte stehen nur am Anfang nachhaltiger Innovationen

Umwelt: Ingenieure haben oft tolle Ideen – etwa die zur Elektromobilität. Doch Menschen finden Gründe, umweltbezogene Entwicklungen zu boykottieren. Wie man Bürger und Entscheider in Firmen und Politik zum Wandel bewegen könnte, diskutierten jetzt Umweltsoziologen in Frankfurt.

VDI nachrichten, Frankfurt, 25. 11. 11, ber

Ob sich umweltfreundlichere Elektromobilität durchsetzt, hängt nicht nur von der technischen Machbarkeit ab, sondern viel mehr von der Bereitschaft des Einzelnen, sich umzustellen, auf Statussymbol oder höhere Reichweite zu verzichten. Was überhaupt nötig ist, damit Menschen umweltschonende Techniken langfristig in ihren Alltag übernehmen, beleuchteten jetzt Umweltsoziologen aus aller Welt in Frankfurt.

„Soziale Veränderungen sind oft viel komplexer als technologische, wir gehen viel zu naiv damit um“, sagt Uwe Schneidewind, Direktor des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Und es fehlten „soziale Innovationen“, um Menschen auf notwendige Veränderungen etwa aufgrund des Klimawandels vorzubereiten und nachhaltige Lösungen voranzutreiben, ergänzt Jürgen Howaldt, Direktor der Sozialforschungsstelle der TU Dortmund.

Dabei gibt es solche Innovationen schon. Managementkonzepte wie Gruppenarbeit oder eine „Corporate Social Responsibility“ von Unternehmen, die auf ein verantwortungsvolles Verhalten mit Blick auf Umwelt und Gesellschaft zielen, zählen genauso dazu wie etwa das Carsharing.

Und auch das Internet schafft neue Möglichkeiten, mehr Bürger zur Veränderung zu bewegen. Darauf ließe sich aufbauen, glaubt Howaldt, doch: „Eine auf praktische Veränderungen zielende Umweltsoziologie steht trotzdem erst am Anfang.“

Die Theorie dahinter ist klar: Problem analysieren, gemeinsam ein Ziel formulieren und dann die Wege zum Ziel beschreiten. Doch konkrete Erfahrungen sind Mangelware. „Es wird zurzeit viel improvisiert“, weiß Klimaschützer Schneidewind.

Ein spannendes Experiment ist die „Innovation City Ruhr – Modellstadt Bottrop“. In Bottrops Süden, wo 70 000 Bürger leben, sollen die Treibhausgasemissionen bis 2020 halbiert werden. Technisch sei das problemlos möglich, sagt Schneidewind. Heizungssysteme lassen sich austauschen, die Verkehrsbelastung kann sinken und die Lebensqualität sich durch mehr öffentliche Plätze und Kulturangebote verbessern.

Dieser Umbau könne aber nur gelingen, wenn Bürger und Unternehmen die Ziele akzeptieren und mitmachen. Doch wie so oft sind auch in Bottrop Widerstände zu erwarten.

„Soziologen können hier gestaltend eingreifen“, glaubt Howaldt. Sie wüssten meist besser als Ingenieure einzuschätzen, wie in einer Stadt diskutiert wird, wie gewachsene Strukturen Veränderungen blockieren.

Dabei sind Klimaschutz und anregendes Leben in Städten kein Widerspruch. „Städter emittieren im Schnitt 15 % bis 20 % weniger CO2 als Menschen auf dem Lande“, so Johannes Schubert von der Uni München. Der Hauptgrund: Häuser auf dem Land sind selten an Gas- und Fernwärmenetze angeschlossen, sie heizen oft mit kohlenstoffintensiveren Brennstoffen. Und die Menschen legen eher größere Entfernungen zur Arbeit und zum Einkauf zurück.

Um Klimawandel, wachsender sozialer Ungleichheit und der Finanzkrise begegnen zu können, wäre mehr Forschung an sozialen Innovationen hilfreich, meint Howaldt. Das böte die Chance, technische Neuerungen aus ihrem wirtschaftlichen Verwertungskorsett zu befreien und für die Gesellschaft zu öffnen.

Dieser Dialog geht in beide Richtungen: Er kann zu einer früheren Akzeptanz führen oder dazu, dass sich eine neue Technik mehr den Bedürfnissen der Menschen anpasst.

Und die Bereitschaft, sich zu ändern, ist durchaus vorhanden. „Wie regelmäßig jemand Biolebensmittel einkauft, hängt nicht von seiner Bildung und seinem Einkommen ab“, hat Wirtschaftswissenschaftler Peter Kriwy von der Uni Erlangen-Nürnberg in einer Kundenbefragung herausgefunden.

Brauchen energieeffiziente Produkte mehr Förderung Richtung sozialer Innovation? Würden Bürger ihr Verhalten eher ändern, wenn man sie bei der Entwicklung einbezöge? Eine klare Antwort fehlte den Fachleuten in Frankfurt – noch, betont Howaldt.

Aber erste Schritte werden gegangen. Das Wuppertal Institut entwickelt mit anderen Forschungseinrichtungen ein Konzept, wie sich der Umbau von Bottrops Süden wissenschaftlich begleiten lässt. Dabei geht es einmal mehr darum, den Prozess zu beobachten und für andere Projekte zu lernen. RALPH AHRENS

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