08.06.2012

"Paternalistische Zuwendungen helfen nicht weiter"

Geldanlage: Mikrokredite wollen nicht nur stabile Renditen für Anleger erzielen. Sie sollen auch Armut bekämpfen, indem sie Gründern in Entwicklungsländern finanziell unter die Arme greifen. Doch lassen sich beide Ziele tatsächlich unter einen Hut bringen? Fragen an einen der führenden Mikrofinanz-Experten Michael P. Sommer, Direktor der Bank im Bistum Essen.

VDI nachrichten, Düsseldorf, 8. 6. 12, ps

VDI nachrichten: Herr Sommer, Banken, die Mikrokredite vergeben, stehen unter Beschuss. Es wird ihnen u. a. vorgeworfen, völlig überhöhte Zinsen zu verlangen. Ist die Kritik berechtigt?

Sommer: Bei Mikrokrediten ist es notwendig, die Endkunden intensiv zu begleiten. Ein Mikrokredit-Sachbearbeiter muss für einen 100 € Kredit mit seinem Moped über Land fahren, den Kunden bei der Erstellung des Business-Plans beraten, seine Glaubwürdigkeit überprüfen, zurückfahren, eine Kreditakte anlegen, nach positiver Entscheidung den Kredit auszahlen und in vierwöchentlichen Raten dann wieder einsammeln mit einer Mopedfahrt pro Rate.

Ich denke, es ist nachvollziehbar, dass ein solcher Aufwand höhere Zinsen erzwingt. Natürlich muss die Zinsgestaltung trotzdem fair sein – aber dazu gehört auch, dass sie kostendeckend ist. Wir überprüfen das regelmäßig bei den Mikrofinanzinstitutionen, die unsere Geschäftspartner sind.

Die Kritik konzentrierte sich in den vergangenen Jahren vor allem auf Indien. Was ist da schiefgelaufen?

Es ging insbesondere um Probleme in Süd-Indien. Sie hatten ihre Ursache nur zu einem Teil im Mikrofinanzsektor. Politiker versprachen vor Kommunalwahlen Schuldenerlasse, Geschäftsbanken wurden angehalten, Mikrokredite zu vergeben, ohne über die dazu erforderliche Philosophie und Kredittechnologie zu verfügen. Kleinbauern mussten ihre Pacht bereits bei Aussaat und nicht erst nach der Vermarktung der Ernte zahlen, Lebensversicherungen zahlten auch bei Selbstmord aus.

Hinzu kamen Mikrofinanzinstitutionen, die sich nicht adäquat verhielten, sodass diese explosive Mischung aus Risiken schließlich im Zusammenbruch des Marktes endete. Aber: Obwohl die Krise regional begrenzt war und sich nicht auf andere Mikrofinanzmärkte ausweitete, hatte sie weltweit positive Effekte im Mikrofinanzsektor. Themen wie Risikomanagement, Verbraucherschutz, Konsumentenkredite und die enge Begleitung der Mikrofinanzkunden werden heute noch einmal deutlich sensibler wahrgenommen und beachtet als zuvor.

Können Mikrokredite denn tatsächlich Armut verringern, die Welt zum Besseren wenden? Oder ist das ein völlig überzogener Anspruch?

Jeder einzelne Kredit, der einem Menschen dazu verhilft, sich eine eigene Existenz aufzubauen, verändert ein Stück weit die Welt. Weltweit gibt es mittlerweile Millionen Mikrokreditnehmer, mehrere Tausend Mikrofinanzinstitutionen und etwa 130 Eigenkapital gebende und refinanzierende Mikrofinanzfonds. Dahinter stehen Millionen von Erfolgsgeschichten.

Malen Sie das Bild nicht ein wenig zu rosig? Viele Gründer scheitern doch auch.

Bei Mikrokrediten gibt es natürlich ebenso wenig eine Erfolgsgarantie wie im Übrigen Wirtschaftsleben. Niemand behauptet, dass Mikrofinanz alleine die Armut in der Welt beseitigt – sie ist aber das potenziell effizienteste und effektivste Instrument der Armutsbekämpfung. Die Welt verändert sich, wenn man Menschen in die Lage versetzt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Paternalistische, bedingungslose Zuwendungen helfen da nicht weiter.

Die Kreditnehmer profitieren also nach Ihrer Einschätzung. Wie sieht das für die Anleger aus?

Mikrofinanzanleger mussten auch in der Krise keine Verluste hinnehmen. Die Quote der pünktlich zahlenden Kreditnehmer liegt im weltweiten Durchschnitt bei erstaunlichen 97 %. Die Fonds hatten eine stabile, vorübergehend abgeschwächte, positive Entwicklung zu verzeichnen.

Zudem ist der Geldkreislauf wie auch die Verwendung des Kapitals gut nachvollziehbar. In keinem anderen Anlagebereich ist die Transparenz so umfassend. In keiner anderen Assetklasse ist das Informationsbedürfnis – und umgekehrt die Informationsmöglichkeit – so groß.

Wie erklären Sie sich die gute Zahlungsmoral der Kreditnehmer?

Die Motivation der Gründer ist sehr hoch. Im Falle des Scheiterns gibt es kein soziales Netz, das sie auffängt. Hinzu kommt der Wille, sich selbst zu helfen und ein eigenverantwortliches Leben zu führen. Voraussetzung sind aber faire Zinssätze, eine gute Begleitung der Kunden, natürlich auch hier betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse – und die notwendige Fortune in der Umsetzung der Geschäftsidee.

Für welche Anleger kommen Mikrofinanzfonds infrage?

Wer mit einer – derzeit über dem Geldmarkt liegenden – Verzinsung von 3 % bis 5 % zufrieden ist, liegt im Mikrofinanzbereich richtig. Wer auf zweistellige Renditen spekuliert oder nur kurzfristig investieren will, gehört nicht in dieses Segment.

Für Kleinsparer bietet Ihr Institut seit Kurzem das „Mikrofinanzsparbuch“ an. Wie ist die Resonanz?

Extrem gut. Immer mehr Kunden wollen Transparenz und möchten wissen, was mit ihrem Geld geschieht.

Was sind das für Kunden, die hier sparen?

Privatkunden, die das Risiko eines Investmentfonds scheuen und risikolos anlegen wollen, aber etwas mit ihrem Geld bewirken wollen.

Wie viel Geld haben Sie schon eingesammelt?

Wir haben bereits Einlagen in Höhe von mehr als 20 Mio. € für unser Mikrofinanzsparbuch erhalten.

Wird es künftig weitere ähnliche Produkte von Ihnen geben?

Ja, ganz neu ist eine Festzinsanlage „Umwelt und Energie“ für Kunden, die in diesem Segment Geld anlegen wollen, aber Sicherheit benötigen.  JÖRG WEBER/ps


Michael P. Sommer 

-Michael P. Sommer ist Direktor der Bank im Bistum Essen (BIB). Der Rechtsanwalt war zuvor viele Jahre stellvertretender Geschäftsführer der bischöflichen Aktion Adveniat und der Kardinal-Hengsbach-Stiftung.

-Für die Bank im Bistum Essen hat er den Mikrofinanz-Bereich aufgebaut. Mit der Stadtsparkasse Düsseldorf hat das Institut einen Mikrofinanzfonds initiiert, der sich seit Gründung 2007 durchgehend positiv entwickelt hat. jw

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