24.06.2011
Regierung schreckt vor komplettem Atomausstieg zurück
Kerntechnik: Die Bundesregierung hat den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Doch der Ausstieg ist nur halbherzig: Die Forschung für die Kerntechnik soll erhalten bleiben.
VDI nachrichten, Bonn, 24. 6. 11, has
Der Ausstieg aus der Atomenergie ist formal beschlossen, doch eine entsprechende Korrektur der Energieforschung ist zurzeit nicht geplant. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) erklärte, dass die Kerntechnikforschung erhalten bleiben soll. Und auch Bundesforschungsministerin Annette Schavan, ebenfalls CDU, will an der Kerntechnikforschung nicht wesentlich rütteln.
Kürzlich stellte die Ministerin Journalisten mit dem 6. Energieforschungsprogramm ihre neue Agenda vor, die die Basis für die Energiewende einläuten soll. In Sachen erneuerbarer Energien bezieht sie sich vorwiegend auf Speicher- und Netztechnik sowie Energieeffizienz. Doch die Kerntechnik schluckt noch immer mit Abstand die meisten die Mittel.
Ministeriumssprecher Ferdinand Knauss bestätigte dies: "Wir werden bei der Atomkraft unsere Kompetenz halten, weil die AKW noch zehn Jahre lang laufen werden. Danach müssen wir weiterhin international sprechfähig sein." Der Rückbau werde das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) auch nach 2021 beschäftigen, ebenso die Endlagerproblematik. Auch die nukleare Transmutationsforschung beim KIT Karlsruhe bleibt unangetastet. Knauss: "Es wäre Wahnsinn, wenn wir sämtliche Kompetenzen aufgeben würden."
Der aktuelle Kostentreiber Kernfusion ist zudem kein Bestandteil des 6. Energieforschungsprogramms. Knauss: "Bei der Kernfusion ändert sich nichts wesentlich, aber das Interesse ist nach wie vor, die Kosten zu stabilisieren und einen weiteren Kostenanstieg zu verhindern."
Zwar fördert die Bundesregierung die Entwicklung neuer Reaktortechnologien dezidiert nicht. Doch der größte Brocken der Kerntechnikforschung besteht aus der Kernfusion, deren Ergebnisse frühestens 2050 kommerziell verwertbar sein sollen - also zu einem Zeitpunkt, zu dem die Energiewende nach Plänen der Bundesregierung bereits vollzogen sein soll.
Ein erster Prototyp namens ITER wird derzeit im französischen Cadarache von einem internationalen Konsortium gebaut. Doch erst der Nachfolgereaktor DEMO setzt auf die Technologie, die die kommerzielle Verwertung einleiten soll. Schavans Haushaltsansatz, den sie ebenfalls jetzt vorstellte, zeigt, dass sich an der aktuellen Mittelverteilung in der Energieforschung wenig ändern wird - das Budget wird in der institutionellen Förderung lediglich um 8 % wachsen. In der Projektförderung wird es eine Steigerung von 52 % geben, doch diese beträgt gerade einmal ein Viertel der institutionellen Förderung.
Die Förderung in der Kernfusion steigt dabei noch deutlicher als die der Energieeffizienz. Das BMBF sieht für 2011 insgesamt rund 144 Mio. € für die Kernfusion vor, im Jahr 2012 sollen es bereits 159 Mio. € sein. Den Löwenanteil von 91 % wird hierbei die Helmholtz-Gesellschaft im Rahmen der institutionellen Förderung erhalten.
Im vergangenen Jahr sah die Mittelverteilung auf Bundesebene folgendermaßen aus: 618 Mio. € stellte die Bundesregierung für Energieforschung insgesamt zur Verfügung, das BMBF gab im Vergleich zu anderen Ministerien mit 289 Mio. € die meisten Mittel aus. Aus dem Gesamtbetrag flossen 199 Mio. € in erneuerbare Energien sowie 216 Mio. € in Mittel für Energieeffizienz. Mehr Gelder gingen hingegen in die Kerntechnik: 134 Mio. € wurden in Stilllegung und Rückbau kerntechnischer Versuchsanlagen investiert, die nicht zum Energieforschungsprogramm gezählt werden. Für nukleare Sicherheits- und Endlagerforschung wurden 72 Mio. € und für Kernfusionsforschung 131 Mio. € ausgegeben.
Noch deutlicher ist die Schieflage auf europäischer Ebene. Hier fließt der Löwenanteil in die Kernfusion: Für erneuerbare Energien und Energieeffizienz wurden 126 Mio. € aufgewendet, Forschung für Energiespeicher, Netztechnik, Kohleverstromung, fossile Brennstoffe sowie Kohlendioxid-Abscheidung werden nur mit 74 Mio. € gefördert. In die Reaktorsicherheit und Abfallbehandlung hingegen flossen 32 Mio. €, in die Kernfusionsforschung 488 Mio. €.
Die europäischen Mittel gehen in das Fusionsforschungsprojekt ITER, das mit einer Verdreifachung der Projektkosten sowie einer ersten Finanzierungslücke von 1,3 Mrd. € für 2012 und 2013 bereits unangenehm auffiel. Zurzeit ist die Finanzierungslücke ungedeckt, da sich das Europäische Parlament noch nicht dazu entschließen konnte, das EU-Forschungsbudget dafür um eine halbe Milliarde Euro zu kürzen.
Das Problem: Seit 50 Jahren versprechen Kernfusionsforscher, man werde in 30 Jahren den kommerziellen Durchbruch erreichen. Für den französischen Energieexperten Mycle Schneider ist die Kernfusion daher einfach nur "eine gigantische Geldvernichtung". Dass sie zur Energiewende beitragen kann, glaubt auch die Bundesregierung nicht, die die Kernfusion aus ihren entsprechenden Berichten schon lange konsequent ausklammert.
CHR. SCHULZKI-HADDOUTI