18.03.2011
„Software aus einer Hand“ wird beim Mittelstand immer beliebter
Software: Der deutsche Mittelstand setzt in puncto betriebliche Standardsoftware zunehmend auf Individualität, scheut sich aber auch nicht, pauschale Cloud-Angebote von Oracle oder SAP anzunehmen. Auch mobile Nutzer spielen eine immer bedeutendere Rolle. Wer jedoch Maßgeschneidertes möchte, wendet sich an die Partner der Anbieter. Bei den Partnern trennt sich die Spreu vom Weizen.
VDI nachrichten, Düsseldorf, 18. 3. 11, pek
Die Zeiten, in denen sich ein Mittelständler seine betriebswirtschaftliche Software (ERP) von verschiedenen Herstellern zusammenstellte, sind endgültig vorüber. „Die Best-of-Breed-Strategie sehen wir eindeutig nicht mehr“, sagt Gaston Wahl, Geschäftsführer des Anbieters Myfactory International. Gefragt seien umfassende Standardlösungen, die in allen Firmenbereichen eingesetzt werden könnten. Der Vorteil: „So werden Zeit- und Informationsverluste, etwa durch Schnittstellen oder die Replikation von Daten, vermieden.“
Die wichtigste Frage für einen Mittelständler ist jedoch, wie er sich vom Wettbewerb differenzieren kann. Dieses Ziel sollen Speziallösungen erfüllen, die die Partner des jeweiligen Herstellers bereitstellen. „Oft finden sich bei den Partnern spezialisierte Branchenlösungen, für die sie ein besonderes Know-how aufgebaut haben“, erläutert Wahl.
Oracle etwa verlässt sich diesbezüglich auf die Business Accelerators (OBAs). „Dabei handelt es sich um Werkzeuge, Assistenten und vordefinierte Abläufe für eine schnelle Realisierung branchenspezifischer Business-Software-Lösungen, etwa von Partnern“, wie Frank Schönthaler von der Deutschen Oracle-Anwendergruppe (DOAG) erläutert. „Komplexität und Risiken der Implementierung werden durch den Einsatz der Tools drastisch reduziert, und die Partner nutzen sie, um schlüsselfertige Branchenlösungen zu entwickeln.“
Es gibt jedoch einen Haken: „Leider ist Oracle im deutschsprachigen Raum nicht bereit, in die Vermarktung der OBA-Marke zu investieren“, kritisiert Schönthaler, „sondern verlässt sich stattdessen ausschließlich auf die Marketingkraft seiner Partner. Diesen gelingt es aus DOAG-Sicht jedoch nicht, eine ausreichende Präsenz im Markt zu schaffen.“
Ein zweiter Haken: „Viele potenzielle Kunden bemängeln das Fehlen ausreichender Beratungs- und Implementierungskompetenz im deutschsprachigen Markt.“ Genau in diesem Punkt trennt sich also bei den Partnern die Spreu vom Weizen.
Der wichtigste neue Markt für ERP-Anbieter ist jedoch Mietsoftware aus der Cloud. Dass sich die SAP AG mit ihrer Software-as-a-Service-ERP-Suite Business ByDesign (BBD) viel Zeit gelassen hat, ist kein Geheimnis. Erst die Version 2.0 wurde allgemein verfügbar, inzwischen stellt die Version 2.6 erstmals Anwendungsentwicklung bereit. Für Andreas Naunin, Leiter des deutschen Mittelstandsgeschäfts bei SAP, ist BBD vor allem „für Unternehmen mit 100 bis 500 Mitarbeitern interessant, die noch in keine integrierte Geschäftssoftware investiert haben und keine umfassende IT-Abteilung aufbauen möchten“.
„Derzeit wenden wir uns mit SAP Business ByDesign an personalintensive Dienstleister sowie Unternehmen mit einfacher Montage- und Handelsstruktur“, berichtet Alexander Arnold, Geschäftsführer des SAP-Systemhauses Steeb. „Gerade im Umfeld von Ingenieur- und IT-Dienstleistern sowie Werbeagenturen haben wir unsere bisherigen Kunden gewonnen.“ Bei seinen etablierten Kunden mit SAP-Lösungen sei das Interesse an einfachen Anwendungen für kleinere Tochtergesellschaften „sehr groß“.
Steeb lässt sein BBD-Paket im Rechenzentrum von SAP hosten, wobei im Mietpreis der Support, das Release-Management und die Weiterentwicklung enthalten sind. „Das ist weit mehr als Hosting“, betont Arnold. Gerade das Rechenzentrum garantiert für SAP-Manager Andreas Naunin „die Sicherheit der Kundendaten, die für uns von größter Bedeutung ist“. Dieser Aspekt sei sowohl für SAP direkt als auch für seine Partner für alle SAP-Lösungen von „höchster Relevanz“.
Für Myfactory-Chef Gaston Wahl geht an der Cloud kein Weg vorbei: „Wir werden es erleben, dass kaum ein Anbieter ohne entsprechende Angebote bleiben wird.“ Dies trifft auch auf mobile Lösungen zu. Auf der CeBIT 2011 stellte etwa Sage eine iPhone-App seiner Vertriebssoftware Sage CRM vor. „Rund ein Drittel der deutschen Kleinunternehmer“, weiß Peter Dewald, Geschäftsführer der Sage Software GmbH, „scheint inzwischen diesen wichtigen Trend zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung zu erkennen und will 2011 in diese Technologien investieren.“ Dewald sieht allerdings noch Handlungsbedarf in seiner Branche: „Als Software- und IT-Anbieter scheinen wir die Vorteile noch deutlicher darstellen zu müssen.“ MICHAEL MATZER