02.09.2011

Solarforscher sehen "echte weltweite Energierevolution"

Solar: Rund 700 Wissenschaftler aus 70 Ländern kamen in dieser Woche zum Solar World Congress 2011 in Kassel zusammen, dem weltweit größten Expertentreff der Solarenergie. Die Teilnehmer sehen die erneuerbaren Energien deutlicher denn je auf dem Vormarsch, aber auch viel Entwicklungsarbeit vor sich, vor allem im Bereich der Speicherung und dem Zusammenspiel der unterschiedlichen Energieformen.

VDI nachrichten, Kassel, 2. 9. 11, swe

"Wir werden derzeit Zeugen einer echten weltweiten Energierevolution", betonte der Präsident der Internationalen Gesellschaft für Solarenergie (ISES), David Renné, am Montag in Kassel. Industriestaaten wie auch Entwicklungsländer setzten auf den beschleunigten Einsatz erneuerbarer Energien und förderten Energiesparmaßnahmen und eine nachhaltige Energieversorgung.

Eine Leistung von 40 GW war auf Basis der Photovoltaik im Jahr 2010 weltweit installiert. Hinzu kamen 200 GW aus thermischer Solarenergie und Windenergie, gab Klaus Vajen, Kongresspräsident des ISES Solar World Congress 2011, an. Es ginge nicht mehr um die Frage, wann, sondern wie schnell sich die erneuerbaren Energien in Zukunft durchsetzten, betont der Physiker, der an der Universität Kassel das Fachgebiet Solar- und Anlagentechnik leitet.

Die Weiterentwicklung von Speichertechnik und Netzintegration, die Integration von Sonnenenergie in Gebäuden, der Ausbau von Solarthermie zur Wärmeerzeugung und vor allem Effizienzsteigerungen sind für ihn die aktuellen Herausforderungen. Energieeffizienz ist auch für den Direktor des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (Iwes), Jürgen Schmid, "prioritär", wenn es darum geht, in Deutschland eine 100 %ige Energieversorgung mit erneuerbaren Energieträgern zu erreichen.

Nach Überzeugung des Iwes-Chefs könnte dies im Jahr 2050 Realität sein. Rund 600 000 GWh Brutto-
stromerzeugung pro Jahr aus erneuerbaren Energien hält Schmid dann hierzulande für erreichbar. Der Rest des Bruttostromverbrauchs von insgesamt rund 800 000 GWh käme aus Stromimporten auf Basis erneuerbarer Energien.

Im Energiemix der Zukunft würde nach den Erkenntnissen des Iwes die Windenergie den Löwenanteil einnehmen, gefolgt von Photovoltaik und Biomasse. Letztere ist nach Überzeugung von Heinz Kopetz, Vorstandsmitglied der World Bioenergy Association, zwar kostengünstig und "perfekt" mit Solarenergie zu kombinieren, stehe aber nur begrenzt zur Verfügung.

Einen wahren Aufschwung nimmt nach Darstellung von Stefan Gsänger derzeit die Windenergie. Der Direktor der World Wind Energy Association (WWEA) verweist auf den gerade erschienenen Halbjahresbericht seiner Institution. Hiernach wurden in der ersten Hälfte diesen Jahres weltweit 18,4 GW neu installiert, 43,9 GW an neu errichteten Anlagen erwarte man für das Gesamtjahr. Weltweit sei im Juni 2011 eine Windkraftleistung von 215 GW installiert gewesen.

Bei der Windkraft dominiere China den Weltmarkt, gefolgt von den USA und Deutschland, so Gsänger. Auch Märkte wie Osteuropa, Venezuela, Honduras und Äthiopien entwickelten sich nach Aussage des Experten gut oder entstünden gerade. Sie förderten Windenergie durch eine "ehrgeizige" Gesetzgebung wie in Ecuador, Malaysia oder Uganda.

Zukunftsthemen der Windkraftbranche sind laut Gsänger, die Kosten zu verringern, die Windenergieförderung in den Kommunen zu verankern und die Energieform mit anderen erneuerbaren Energien zu kombinieren.

Die ganze Palette an erneuerbaren Energien weiterzuentwickeln hat sich der Forschungsverbund Erneuerbare Energien, dem auch das Iwes angehört, auf die Fahnen geschrieben. Das "Energiekonzept 2050", ein Eckpunktepapier, das der Verbund unter Federführung von Jürgen Schmid erarbeitet hat, sieht dabei ein großes Potenzial in der Solarwärme, die bei der Trinkwassererwärmung und Raumheizung zum Einsatz komme, aber auch für Prozesswärme und Kühlung sorgen könnte.

Eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien ist für den Iwes-Direktor unter ökologischen und klimatischen Gesichtspunkten notwendig sowie auf lange Sicht ökonomisch vorteilhaft und technisch möglich. "Entscheidend ist der politische Wille." Bei optimaler Auslegung werde das Energiesystem 2050 "zumindest nicht teurer als das gegenwärtige", heißt es in dem Papier.

Um die saisonalen Schwankungen bei der Energieversorgung durch erneuerbare Energie ausgleichen zu können, setzen Schmid und seine Kollegen auf Ökostrom aus dem Ausland und die Erzeugung chemischer Energieträger wie Wasserstoff und Methan aus den Überschüssen der Energieproduktion aus Strom und Wind. Diese sollen in Langzeitspeichern zur Verfügung stehen und unter anderem dem Verkehrssektor zur Verfügung stehen. In den Augen des Experten würde dies einen Paradigmenwechsel einleiten: "Erneuerbarer Strom wird damit zur Primärenergie." JUTTA WITTE

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