15.08.2008
Sportliches Kraftpaket mit Stromanschluss
Auto: US-Start-up Tesla Motors präsentierte seinen Elektro-Roadster in Berlin - Eine Probefahrt
VDI nachrichten, Berlin, 15. 8. 08, ber - Bei nur 112 cm Höhe schauen Piloten des Tesla Roadster zu allen anderen Verkehrsteilnehmern auf - bis die Fahrt beginnt. Erst geht der Blick nach vorn und dann zwangsläufig in den Rückspiegel. Denn der Elektroflitzer entfaltet vom Start weg sein volles Drehmoment und beschleunigt in 4 s von null auf 100 km/h.
Ist der an? - Wer beim Drehen des Zündschlüssels auf das vertraute Anspringen eines Motors wartet, kann beim Tesla Roadster lange warten. Ein paar Zeichen leuchten im spartanischen Cockpit auf, dann kann die lautlose Fahrt beginnen. Allein der Wind rauscht bei offenem Verdeck.
Es sitzt sich tief in den ledernen Schalensitzen des 1,12 m flachen Elektroflitzers. Der kleine, runde Schaltknauf bietet drei Optionen. Vorwärts, Leerlauf oder rückwärts. Das kleine Lenkrad dreht sich zäh.
Zum Ausrangieren braucht es Kraft. Unterwegs lenkt es sich dagegen präzise. Beim Rantasten ans elektrische Fahren kommt ein Autoscooter-Gefühl auf. Einfach Gas geben und der Wagen fährt. Kinderleicht. Dann das erste Schlagloch. Es lässt den bretthart gefederten Roadster erbeben. Deutlich vernehmbar vibriert die Leichtbaukarosserie aus Carbonfasergewebe.
Roh wirkt dieses Auto. Minimalistisch. Und rasant. Beim Losfahren an der Ampel drängt der Elektromotor nach vorn. Beim Einbiegen auf die Stadtautobahn dann kein Halten mehr. Der Griff ans Lenkrad hilft, die brachiale Beschleunigung zu genießen. Später als Beifahrer fühlt es sich weniger spaßig an, dass der E-Motor aus dem Stand sein volles Drehmoment (380 Nm) entfaltet. Maximal leistet er 189 kW (257 PS) bei 8000 U/min.
Ab 2009 will das kalifornische Start-up Tesla Motors den Roadster auch in Europa verkaufen. Für stolze 99 000 €. Dann kann sich der Besitzer als Pionier einer neuen elektrischen Mobilität fühlen. "Zero-Emission" verspricht der Hersteller - der Wagen hat ja keinen Auspuff. Doch natürlich fallen bei der Stromproduktion Emissionen an.
"Es braucht 70 kWh, um die leere Batterie voll aufzuladen", erklärte Darryl Siry, Marketingchef bei Tesla, am Rande der Präsentation des Roadsters am Montag in Berlin. Die Umweltbilanz hängt also davon ab, wie der Strom erzeugt wird.
Über den Energieaufwand bei der Fertigung der Lithium-Ionen-(Li-Ionen)-Akkus konnte Siry keine Angabe machen. Bosch-Entwickler hatten jüngst bei einem Presseworkshop erklärt, dass die Fertigung großer Li-Ionen-Batterien aktuell mehr Energie vertilgt, als sie später an Kraftstoff einsparen helfen. Siry bezweifelt das. Belegen kann er es nicht.
Genauere Angaben machte er zum Strombedarf. Die Batterie speichert 53 kWh (ca. 20 % gehen beim Laden verloren). Der durchschnittliche Kilometerverbrauch des Roadsters: 154 Wh. Das ergäbe theoretisch eine Reichweite von 344 km. Doch während der Fahrt gewinnt der Flitzer Energie über die Motorbremse zurück. Dadurch steigt die Reichweite im moderaten EPA-Fahrzyklus auf 365 km (kombiniert Stadtverkehr/Autobahn). Gerade in der Stadt fährt der Elektroantrieb seine Stärken aus: Die Reichweite steigt hier sogar auf 371 km. Während der Fahrt durch Berlin zählt das Display die verbleibende Reichweite glaubhaft herunter.
Möglich wird diese Reichweite durch konsequenten Leichtbau. Der Roadster wiegt nur 1220 kg, trotz der fast 500 kg schweren Batterie. Dafür sind Carbonkarosserie und Aluchassis um so leichter. Der Sicherheit tut das keinen Abbruch. Laut Siry erfüllt der Roadster alle US-Crashnormen und hat beim Crashtest auch die für E-Fahrzeuge verschärften Federal-Motor-Vehicle-Safety-Standards eingehalten. Dafür ist die Batterie, die im Kofferraum auf Kopfhöhe hinter Fahrer und Beifahrer ruht, fest in den Alurahmen eingebunden.
"Beim Frontaufprall mit 80 km/h hat sie sich keinen Millimeter bewegt", beruhigte Siry. Auch Fahrer- und Beifahrerairbags sorgen für passive Sicherheit. Dagegen spart Tesla an aktiven Systemen. Für ein Fahrzeug mit dieser Dynamik und in dieser Preisklasse wäre zumindest ein Schleuderschutzsystem (ESP) angemessen. Doch der Roadster hat nur Antiblockiersystem (ABS) und Antischlupfregelung (ASR) zu bieten.
Tesla bringt gerade sein erstes Auto in Serie. Nach zig Terminverschiebungen gelang der Serienanlauf im März. Mittlerweile verstärken erfahrene Manager aus Auto-, Luftfahrt- und IT-Konzernen sowie Finanzexperten aus Top-Beratungshäusern und Banken den Vorstand. Sie haben Großes vor.
"Es wird nicht beim Roadster bleiben", sagte Siry. Die Pläne für einen familientauglichen Viertürer seien bereits weit gereift. Ende 2010 soll er mit Roadster-ähnlicher Reichweite in Serie gehen. "Die Basisversion wollen wir ab 60 000 $ anbieten", so Siry.
Ziel sei es, auf der elektrischen Plattform möglichst viele Modelle aufzusetzen. Auch SUV und Kleinwagen sind vorstellbar. "Langfristig wollen wir in das Preissegment um 35 000 $ und damit in den Massenmarkt vorstoßen", so der Manager. Dafür müssen die Ingenieure die Batterie allerdings gründlich überarbeiten. Der Akku übersteht laut Siry nur 500 volle Ladezyklen. Nach drei bis fünf Jahren müsse er ersetzt werden. Kostenpunkt: 22 000 $. P. TRECHOW
Erratum: Im Beitrag "Auto fahren ohne Kraftstoff" (Nr. 32/08) wurden die Stromkosten falsch angegeben. Nach Expertenangaben betragen diese 0,18 €/kWh.