08.06.2012
"Stellenabbau gefährdet die Energiewende"
Arbeitsmarkt: In einer Kürzung der staatlichen Subventionen sieht Dietmar Schütz, Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE), im Gegensatz zu vielen Politikern keineswegs ein Gesundschrumpfen. Auch bei den erneuerbaren Energien mache sich der Fachkräftemangel bemerkbar. „Besonders eklatant ist das bei der Windenergie.“ Zudem gebe es zu wenige spezifische Studiengänge. „Wir stecken derzeit sehr viel Zeit und Geld in die nachträgliche Qualifikation der Fachkräfte.“
VDI nachrichten, Bochum, 8. 6. 12, ws
VDI nachrichten: Herr Schütz, fast wöchentlich erreichen uns Meldungen von Solarunternehmen, die Konkurs anmelden. Beunruhigt Sie das?
Schütz: Von 110 000 Arbeitsplätzen in der Branche sind etwa 10 000 auf der Kippe, also knapp 10 %. Das ist für jede Branche beunruhigend. Ingenieure, Techniker und Handwerker sind davon allerdings gleichermaßen betroffen.
Welchen Einfluss hat die angekündigte Kürzung der staatlichen Subventionen durch die Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes auf die Branche?
Wir hoffen, dass die Novelle, die vom Bundestag am 29. März beschlossen wurde, zurückgenommen wird. Der Bundesrat hat ja glücklicherweise am 24. Mai den Vermittlungsausschuss angerufen. Die Novelle würde aus unserer Sicht sowohl die Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien infrage stellen als auch die Investitionssicherheit der Branche, und damit eine Vielzahl von Arbeitsplätzen gefährden.
Dennoch dürften die Auswirkungen für den Arbeitsmarkt in der Solarindustrie bereits jetzt schon spürbar sein.
Die Kürzungen würden den Wettbewerb auf dem gegenwärtig angespannten Photovoltaik-Markt verschlechtern. Die Solarbranche ist mittelständisch geprägt, sodass die Unternehmen natürlich weniger Spielraum haben, vorübergehende Krisen zu überstehen. Von einem Gesundschrumpfen, wie vonseiten mancher Politiker oder Wirtschaftsexperten behauptet, kann dabei keine Rede sein. Jeder Arbeitsplatz, der im Bereich der erneuerbaren Energien verloren geht, verlangsamt auch den Prozess der Energiewende.
Die Kürzungen in der Solarbranche bestimmen die öffentliche Diskussion. Leiden aber auch die anderen Sparten der erneuerbaren Energien unter der stockenden Energiewende?
In der Windbranche haben wir weiterhin ein Wachstum, auch in der Solarbranche steigt die Nachfrage. Größere Sorgen bereiten eher die Bereiche Bioenergie und Elektromobilität. Dennoch gehen Prognosen des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit davon aus, dass die Zahl der Brutto-Beschäftigungen von aktuell 380 000 auf bis zu 600 000 im Jahr 2030 steigen wird. Unter Brutto-Beschäftigungen verstehen wir dabei alle Arbeitsplätze in der Branche der erneuerbaren Energien – also auch solche, die nicht neu geschaffen wurden, sondern auch aus anderen Bereichen kommen.
In welchen Bereichen sehen Sie derzeit das größte Wachstumspotenzial für Ingenieure?
Eigentlich in allen Bereichen. Wir haben derzeit eher einen Fachkräftemangel, der sich auch bei den Ingenieuren bemerkbar macht. Besonders eklatant ist das bei der Windenergie. Ein Problem dabei ist, dass wir in der Grundausbildung den Fokus stärker auf die erneuerbaren Energien legen müssen. Die Anzahl der spezifischen Studiengänge ist dabei noch zu gering. Wir stecken derzeit sehr viel Zeit und Geld in die nachträgliche Qualifikation der Fachkräfte.
Hat die Nachfrage sich in den vergangenen Jahren verändert?
Die Zahl der Stellenangebote im Bereich der erneuerbaren Energien hat sich nach einer Untersuchung des Wissenschaftsladens Bonn von etwa 520 im Jahr 2006 auf etwa 2300 im Jahr 2010 vervierfacht. Knapp die Hälfte davon entfiel im Jahr 2010 auf die Solarbranche gefolgt von der Windenergie (etwa 670). Der Rest verteilt sich auf Bioenergie, Geothermie und übergreifende Arbeitsfelder. Der größte Anteil bei den Stellenangeboten lag bei den Ingenieurberufen. 2010 gab es hier etwa 880 offene Stellen. Die Tendenz hält auch weiterhin an.
Unternehmen klagen oft darüber, dass Fachkräfte fehlen. Gibt es besondere Anforderungen, die verlangt werden?
Wir haben festgestellt, dass von den Bewerbern zunehmend eine hohe Reisebereitschaft verlangt wird. Was auch daran liegt, dass viele Unternehmen international aufgestellt sind und deutsche Technologien im Ausland sehr stark nachgefragt werden. Gerade auf dem Feld der Windkraft und der Photovoltaik ist Deutschland nach wie vor sehr gut aufgestellt – wobei in der letzteren Branche China immer weiter aufholt. Nachholbedarf gibt es vor allem im Bereich der Elektromobilität. Dort sind Länder wie Japan, aber innerhalb der EU auch Frankreich, derzeit erfolgreicher.
Wie sieht es bei der Entwicklung neuer Technologien, etwa der Speicherung von Ökostrom im unterirdischen Gasnetz aus sehen Sie dort neue Arbeitsplätze, die entstehen können?
In der Wasserstoffbranche, also dem Bereich der Elektrolyse, sind wir etwas weiter als bei der Methanisierung. Während in der Elektrolyse schon etliche Unternehmen auf dem Markt erfolgreich sind, befinden wir uns bei der Methanisierung noch in der Erforschungsphase. Bei dem Ausbau der Transportnetze für Wind- und Solarstrom werden wir allerdings daran nicht vorbei kommen, sodass wir gerade in dieser Sparte ein starkes exponentielles Wachstum auf dem Arbeitsmarkt für qualifiziertes Fachpersonal erwarten.
Halten die Hochschulen mit ihrer Ausbildung Schritt?
Die Zahl der Studiengänge, die sich mit den erneuerbaren Energien beschäftigen, ist mittlerweile auf mehr als 250 gestiegen. Das ergibt eine aktuelle Studie des Wissenschaftsladen Bonns. Zählt man auch einzelne Spezialvorlesungen dazu, ist das Angebot noch höher. Ein Großteil davon entfällt auf die Ingenieurberufe. Die Universitäten können die Nachfrage für Ingenieure für die Fachgebiete Energie und Umwelt bislang allerdings noch nicht ausreichend abdecken. Die TU Hamburg-Harburg etwa hat erst kürzlich das Angebot um den Masterstudiengang Erneuerbare Energien erweitert. Wir befinden uns hier noch am Anfang der Entwicklung. Hier sind auch die Bundesländer gefragt.
Kommen wir von der Landespolitik noch einmal zum Bund. Glauben Sie, dass sich durch den Wechsel an der Spitze des Umweltministeriums etwas ändern wird?
Herr Röttgen hat für uns gekämpft. Wir hoffen, dass Herr Altmeier daran anknüpft. Um die Energiewende voranzubringen, ist allerdings die gesamte Bundesregierung gefragt. Das anhaltende Störfeuer ist daher völlig inakzeptabel. Hier setzen wir auf die Entschlossenheit innerhalb der Bundesregierung, diese Faktoren zu entkoppeln. Da sehe ich auch die Bundeskanzlerin in der Bringschuld. HOLGER PAULER