06.01.2012

Virtueller Nachbarschaftstreff erleichtert Bauen

Immobilien: Die Zahl regionaler sozialer Netzwerke wächst. Sie verbinden Bauherren in Neubaugebieten und Nachbarn in bestehenden Vierteln. Sie ermöglichen es ihnen u. a., Einfluss zu nehmen auf die öffentliche Wegeplanung. Auch über Heizungssysteme oder Finanzierungsfragen kann auf den Plattformen diskutiert werden.

VDI nachrichten, Düsseldorf, 6. 1. 12, sta

Wer gut informiert ist, kann gemeinsame Interessen besser vertreten, dachte sich Hans-Jürgen Philippi, als er im Frühjahr 2010 die Nachbarschaftsplattform "Apfelbaumgarten.net" im Internet gründete. Seine Familie und elf weitere Bauherren in dem Neubaugebiet Apfelbaumgarten in Weiterstadt, einem Nachbarort von Darmstadt, hatten Probleme mit ihrem Bauträger. Der Abstimmungsbedarf untereinander war groß, um dem Unternehmen Paroli bieten zu können.

Beim Aufbau der Plattform wurde dem Informatiker schnell klar: Wenn man den Themenkreis so erweitert, dass auch die anderen Nachbarn im Wohngebiet einen Mehrwert haben, dann könnte daraus eine Internet-Community entstehen, die weitaus mehr bietet als Facebook & Co.

Vor allem in Großstädten gründen immer mehr Menschen solche Initiativen im Internet, die den Kontakt und die Planung gemeinsamer Aktivitäten mit Menschen aus der unmittelbaren Umgebung erleichtern. "Die Möglichkeiten eines solchen Netzwerks, das einen Bezug zum realen Alltag hat, sind endlos", schwärmt Philippi. Sie reichen vom einfacheren Kennenlernen über das Planen gemeinsamer Aktionen bis hin zur gezielten Nachbarschaftshilfe.

"Jeder aus unserer Siedlung kann mitmachen und seine Idee einbringen", so der Initiator der Web-Community. Bewohner mit Postanschrift aus dem Wohngebiet Apfelbaumgarten erhalten auf Wunsch Zugang mit Schreibrechten und können dadurch aktiv mit eigenen Beiträgen und Kommentaren mitwirken. Aber auch zögerliche Nachbarn, die zunächst mal abwarten wollen, wie sich der Internettreff entwickelt, sind auf der Website willkommen. Öffentliche Beiträge kann jeder Besucher der Website lesen und sich so über das Projekt informieren.

Inzwischen sind 110 Personen - etwa die Hälfte der Bewohner - auf der Nachbarschaftsplattform aktiv. In den Foren diskutieren die Häuslebauer alles, was sie derzeit beschäftigt: Wie man die Gärten gestalten könnte, welche Schulen in der Umgebung die besten sind oder welches Heizsystem am nachhaltigsten ist.

Jedes Mitglied auf der Apfelbaumgarten.net-Plattform stellt sich über sein Profil vor - ähnlich den großen Web-Communities. Das erleichtere auch das Kennenlernen im richtigen Leben, sagt der IT-Fachmann.

Philippi ist sich sicher, dass das virtuelle Nachbarschaftsnetz auch über die Bauzeit hinweg Bestand haben wird. Drei Viertel der Grundstücke sind inzwischen bebaut. Die heutigen Bauthemen würden nach und nach durch andere gemeinsame Interessen ersetzt. Vielleicht gibt es eines Tages Foren über die Nachbarn den gemeinsamen Kauf von Holzpellets, die Planung von Straßenfesten oder die Suche nach Babysittern und Nachhilfelehrern organisieren.

Dass dies durchaus eine realistische Perspektive ist, zeigt die Entwicklung des Internetforums Hafencityleben.de, das Michael Beyer im Juni 2006 für die Bewohner der Hafencity in Hamburg ins Netz gestellt hat. Der IT-Vertriebsberater, der seit Ende 2005 in dem neuen Stadtteil der Hansestadt wohnt, startete die Kommunikationsplattform, um mit seinen Nachbarn über die baulichen Veränderungen zu diskutieren und Einfluss nehmen zu können auf die Planung der Begrünung, die Führung der Fahrradwege oder das Lichtkonzept.

Schnell nutzten die Mitglieder das Forum auch für die Planung von Festen und Trödelmärkten sowie als Kommunikationsplattform für den Austausch der neuesten Gerüchte im Stadtviertel. "Wer wissen will, was in der Hafencity gerade los ist, wird hier garantiert fündig", freut sich Beyer über das große Interesse an der Plattform auch noch vier Jahre später.

Um auch Hamburgern in weiteren Stadtteilen den Kontakt mit Nachbarn und die Planung gemeinsamer Aktivitäten zu erleichtern, haben die beiden Franzosen Babak Ghanadian und Cédric Trigoso Mitte letzten Jahres die Social Media Plattform "Niriu.com" gegründet. Der Name ist eine Abwandlung der Wörter "Near you" - in deiner Nähe.

Das onlinebasierte Schwarze Brett ist eine Kombination aus Tauschring und Verabredungsplattform mit Social Media Komponenten. Ob man sich eine Bohrmaschine ausleihen will oder einen Sportpartner sucht: Hier sollen die Nutzer fündig werden. "Wir wollen die Schnittstelle sein zwischen virtueller Welt und Offline-Realität, die Menschen zu mehr realen Kontakten in ihrer Nachbarschaft animieren?, wünscht sich Ghanadian.

Gestartet haben die beiden Franzosen ihr Angebot zunächst in ausgewählten Hamburger Vierteln. In den ersten Monaten hätten sich bereits über 600 Nutzer angemeldet. Seit November ist die Plattform nun für alle Hamburger Stadtteile frei geschaltet. "Niriu" werde zurzeit vor allem von Studenten und jungen Leuten zwischen 25 und 35 genutzt, so Ghanadian.

Wenn sich das Angebot rumgesprochen habe, hofft der Gründer des Onlinenetzes, dass sich auch mehr und mehr ältere Menschen für die Plattform interessieren. Später wollen die beiden Franzosen "Niriu" auch für andere Städte öffnen. "Damit lassen wir uns aber noch Zeit", so Ghanadian. Zunächst sei es wichtig, das Netzwerk weiter bekannt zu machen und mit Leben zu füllen, damit möglichst viele Nutzer auch langfristig Interesse an der virtuellen Nachbarschaft haben und diese mit möglichst vielen interessanten Angeboten bunt gestalten.   HANS SCHÜRMANN

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