03.02.2012
"Von gleichen Verhältnissen noch meilenweit entfernt"
Wirtschaft: Sowohl bei der Produktion je Einwohner als auch in puncto Produktivität liegen die ostdeutschen Bundesländer noch rund ein Viertel hinter den westdeutschen zurück. Die Angleichung werde noch Jahrzehnte dauern, prognostizieren Oliver Holtemöller und Jutta Günther, die beiden Interimsvorstände des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle/Saale (IWH). Staatliche Förderung allein sei nicht in der Lage, die Lücke zu schließen. Die Ost-Industrie müsse aus sich selbst heraus wachsen und wesentlich innovativer werden.
VDI nachrichten, Düsseldorf, 3. 2. 12, ps
VDI nachrichten: Auch im Jahr 22 der deutschen Einheit sieht es nicht danach aus, dass der Osten wirtschaftlich zum Westen der Republik aufschließt – oder täuscht der Eindruck?
Holtemöller: Nein, absolut nicht. Aus ökonomischer Sicht sind wir noch meilenweit von gleichen Verhältnissen entfernt. Der Aufholprozess vollzieht sich sehr langsam. Die Lücke wird noch lange klaffen, sicher mehrere Jahrzehnte.
Wie weit liegt die ostdeutsche Wirtschaft noch zurück?
Holtemöller: Sowohl bei der Produktion je Einwohner als auch bei der Produktivität erreicht Ostdeutschland derzeit 70 % bis 80 % des westdeutschen Niveaus. Und man weiß aus internationalen Studien, dass sich die Lücke – sofern überhaupt ein Konvergenzprozess, also eine Angleichung im Gange ist – nur um jährlich etwa 2 % schließt. Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg hat es beispielsweise über hundert Jahre gedauert, ehe der Süden auf 90 % des Einkommens des Nordens kam, bei gleicher Gesetzgebung, gleicher Währung usw.
Woran liegt das vor allem?
Günther: Ein Grund ist der unterschiedliche Branchenmix. Die technologieintensiveren Industrien sind in den alten Ländern stärker präsent. In Sachsen-Anhalt dominiert weiterhin die Nahrungsmittelbranche, doch hier ist die Wertschöpfung vergleichsweise gering.
Findet derzeit überhaupt eine Angleichung statt, etwa bei der Produktivität?
Holtemöller: Davon kann man ausgehen. Doch erschwerend wirkt hier auch die unterschiedliche demografische Entwicklung. Deutschland altert insgesamt, der Osten aber deutlich stärker. Selbst wenn die Produktivität weiter konvergiert, nähert sich das Einkommen, das pro Kopf erwirtschaftet wird, nicht in gleichem Maße an. Denn das Verhältnis von Erwerbstätigen zur Gesamtbevölkerung entwickelt sich im Osten ungünstiger.
Günther: Zudem holt Ostdeutschland nur auf, wenn die Produktivität schneller zunimmt als im Westen. Dazu sind vor allem innovative Kräfte und Ideen nötig.
Forschung und Entwicklung findet vor allem dort statt, wo sich große Firmenzentralen befinden. Die haben wir im Osten aber deutlich zu wenig.
Günther: Das ist wahr, dennoch ist für die Weiterentwicklung der ostdeutschen Industrie die Innovationstätigkeit unentbehrlich. Der Osten holt nur auf, wenn sich hier die Wirtschaftsstrukturen weiterhin verändern – sowohl die sektorale Zusammensetzung als auch die Größe der Unternehmen.
Noch dominieren kleine und mittlere Unternehmen, die zudem deutlich weniger internationalisiert sind als in Westdeutschland. Diese Mittelständler müssen nun endogen wachsen, aus sich selbst heraus. Das dauert seine Zeit, ist aber nötig. Denn nur durch Innovationstätigkeit und Technologie verändert sich die Struktur.
Wird in der ostdeutschen Industrie zu wenig geforscht und entwickelt?
Günther: Sicher gibt es eine Forschungslücke zwischen Ost und West. Im Osten gibt die private Wirtschaft knapp 1 % des BIP für Forschung und Entwicklung aus, im Westen sind es rund 2 %, also das Doppelte. Doch die Forschungsintensität ist in den neuen Ländern durchaus strukturadäquat angesichts jener Zusammensetzung der Industrie. Daher nochmals: Die Wirtschaftsstrukturen müssen sich verändern.
Inwiefern spiegelt die Patentintensität dieses Dilemma wider? 2010 wurden bundesweit knapp 60 000 Patente angemeldet. Sachsen steuerte ganze 1100 bei, Thüringen knapp 550, Sachsen-Anhalt 312…
Günther: Patente sind nicht zwangsläufig gleichzusetzen mit Innovationen. Es gibt auch strategische Patente. Zudem werden diese häufig von den Unternehmenszentralen angemeldet, und die sitzen nicht selten in Westdeutschland oder im Ausland. Geht man jedoch nach dem Wohnsitz der Erfinder und berücksichtigt wiederum die unterschiedlichen Strukturen, ist die Lücke gar nicht so groß.
Dennoch muss die ostdeutsche Industrie ganz klar mehr in Forschung und Entwicklung investieren. Derzeit kompensieren die öffentlichen Forschungsausgaben, also die der Universitäten und außeruniversitären Institute, einen großen Teil der fehlenden privaten Investitionen in Forschung und Entwicklung.
Die Wissenschaftseinrichtungen spielen in den neuen Ländern eine sehr wichtige Rolle. Ihre Patentaktivität kann sich durchaus mit den Wissenschaftseinrichtungen in Westdeutschland messen. Dies gilt auch für die sogenannten Ko-Patente, also jene, die die Wissenschaftseinrichtungen gemeinsam mit privaten Unternehmen einreichen.
Wie kann die Politik eingreifen, um den sektoralen Strukturwandel zu befördern?
Holtemöller: Sie muss Rahmenbedingungen schaffen, damit gut ausgebildete junge Menschen im Osten bleiben, Familien gründen und möglichst nach dem Studium innovative Firmen gründen. Nicht als Kernproblem im Osten sehe ich dagegen die öffentlichen Investitionen. Defizite bestehen vor allem im privaten Sektor, gerade bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In Baden-Württemberg liegen diese bei 1100 € pro Einwohner, in Sachsen-Anhalt bei 70 €.
Günther: Wichtige Standortfaktoren bilden, wie wir aus Befragungen ausländischer Investoren wissen, die Wissenschaftseinrichtungen vor Ort. Bei der stärkeren Vernetzung der Industrie mit Hochschulen und Instituten kam man auch in Ostdeutschland in den letzten 15 Jahren gut voran.
Gerade in der außeruniversitären Forschung tat sich viel, z. B. bei den zahlreichen Fraunhofer Instituten, die ja sehr industrienah arbeiten. Zudem spielen externe Industrieforschungseinrichtungen in den neuen Ländern eine wichtige Rolle als Partner der Industrie. Darüber hinaus gibt es das Instrument der Stiftung von Lehrstühlen durch die Wirtschaft. Auch die Einrichtung mancher Studiengänge orientiert sich am Bedarf der Industrie.
In den Kooperationen sehe ich einen wichtigen Faktor zum technologiegetriebenen Wachstum der kleinen und mittleren Unternehmen. Die Politik ist hier allerdings gut beraten, technologische Investitionen nicht mit der Gießkanne zu fördern sowie ihre Programme technologieoffen zu gestalten. Aber Politik ist kein Allheilmittel. Vieles hängt auch von der Initiative der Unternehmen selbst ab.
Wo sehen sie hierfür im Osten die besten Beispiele?
Günther: Vorzeigestandorte, die sich durchaus mit westdeutschen messen können, sind für die optische Technologie Jena, für Elektrotechnik und Mikroelektronik der Raum Dresden, für Fahrzeug- und Maschinenbau die Region Zwickau/Chemnitz. Ein Bereich, den man schnell mal vergisst, weil man damit normalerweise Lowtech verbindet, ist die textilverarbeitende Industrie um Chemnitz und Zwickau. Hier gibt es technologisch sehr anspruchsvolle Innovationen, auch in Kooperation mit den Forschungseinrichtungen.
Die Automobilstandorte in Sachsen bilden sind heute eher die verlängerte Werkbank. Da wird geschraubt, montiert, lackiert. Reicht das aus?
Holtemöller: Eine verlängerte Werkbank verkörpert natürlich kein Zukunftsmodell. Das ist Verharren im Status quo. Weiterentwicklung findet nur statt, wenn auch hier die originäre Innovationskraft der Unternehmen selbst gesteigert wird. Anders geht es nicht.
Bleibt angesichts dieser vagen Perspektiven der Osten nicht auf Dauer das deutsche Mezzogiorno?
Günther: So würde ich nicht argumentieren. Punktuell und regionenspezifisch gibt es in Ostdeutschland große Erfolge. Ich denke, man muss sich von dieser pauschalen Trennung in Ost- und Westdeutschland verabschieden.
Es gibt auch in den alten Ländern strukturschwache Regionen, etwa Ostfriesland oder die Eifel. Wir werden künftig weder im Osten noch im Westen durchweg gleiche Strukturen und Wohlstandsregionen haben. Es wird auch in Zukunft regionale Disparitäten zwischen Ost und West aber auch zwischen Nord und Süd geben.
Die Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft verkündete dieser Tage, man wolle auf absehbare Zeit ohne Subventionen auskommen. Ist das realistisch?
Holtemöller: Natürlich kann man breite Subventionen nicht auf Dauer anlegen. Es ist zumeist eine gute Idee, sie degressiv zu gestalten und von allein auslaufen zu lassen. So ist das ja auch beim Solidarpakt. Ob hierfür 2019 wirklich der richtige Zeitpunkt ist, kann keiner genau sagen. Doch angesichts des zähen politischen Verhandlungsprozesses sage ich, man soll diesen nicht wieder aufnehmen. Jeder kann sich langfristig darauf einstellen. Auch angesichts der Entwicklung in manchen Regionen Westdeutschlands führt daran kein Weg vorbei.
Glauben Sie, dass es 2020 gar keine regionale Förderung mehr gibt?
Holtemöller: Nein. Wir brauchen dann eine Förderung strukturschwacher Regionen in Ost wie in West, die sich an der Sache orientiert: Worin ist die Schwäche begründet? Was ist das richtige Mittel dagegen? Viele zu fördernde Gebiete werden auch dann noch im Osten liegen. Doch man wird die Förderung nicht mehr mit Ost und West begründen.
Einige Ostländer bereiten sich darauf vor, indem sie staatliche Mittel in neue Technologien, neue Industrien stecken, die noch nicht durch westdeutsche Unternehmen besetzt sind. Beredtes Beispiel ist die Photovoltaik. Doch die kriselt momentan beträchtlich. War es ein Fehler, sich derart festzulegen?
Holtemöller: Könnte man Marktprozesse prognostizieren, brauchte man keine Märkte, sagt ein britischer Ökonom. Also, wir wissen nicht, was die zukunftsträchtige Technologie ist. Niemand weiß es. Deshalb spricht einiges dafür, nicht mit staatlichem Geld zu sehr auf bestimmte Technologien zu setzen.
Andererseits besagen Forschungsergebnisse Ihres Institutes zur Transformation früherer Planwirtschaften, dass die Steigerung der Innovationskraft einer Region nicht von allein geschieht. Es bedürfe staatlicher Impulse.
Holtemöller: Richtig. Wie bringt man beides also zusammen? Wir wissen nicht, was die zukunftsträchtige Technologie ist und womit wir eines Tages wettbewerbsfähig sind. Wir brauchen aber eine Förderung. Also muss man sich sogenannte anreizkompatible Mechanismen überlegen. Es darf auf keinen Fall sein, dass sich eine Industrieansiedlung nur trägt, weil der Staat zubuttert.
Es muss jedoch in bestimmten strukturschwachen Regionen staatliche Anreize geben, um eben hier zu investieren – aber nur in Bereichen, in denen Unternehmen auch allein investieren würden, wenngleich sonst woanders. Hüten soll sich aber der Staat, die Themen zu bestimmen. Öffentliche Förderung ist nur angebracht, wenn die Konvergenz strukturschwacher Gebiete politisch gewünschtes Ziel ist.
War die starke Konzentration staatlicher Mittel in die Solarindustrie Sachsen-Anhalts, Thüringens oder Sachsens also zu riskant, zu blauäugig, gar Wunschdenken?
Holtemöller: Wunschdenken ist ja nicht schlecht. Ich bewundere Politiker, die eine Vision haben und diese vorantreiben. Nur muss man eben aufpassen, dass man dabei nicht dogmatisch wird, zu lange an Sachen festhält. Bei der Photovoltaikindustrie sehe ich es kritisch, dass die Art der Förderung nicht zielführend war. Man hat sehr stark die Nachfrageseite stimuliert, was letztlich dazu führte, dass nun Solarzellen aus China gekauft werden.
Günther: Hinterher ist man immer klüger. Wichtig ist der Blick nach vorn. Die derzeit rund 75 Produzenten der Solarindustrie in Deutschland müssen ihre Strategie zukünftig so ausrichten, dass sie nicht nur im Bereich des Produktes, also den Solarzellen innovieren und technologisch führend sind, sondern auch Prozessinnovationen vorantreiben, um kostengünstiger zu produzieren.
Was raten Sie nun einem regionalen Wirtschaftsförderer?
Günther: Das gleiche wie einem Unternehmer: Seien Sie mutig und innovativ, nutzen Sie die traditionelle Stärken des Standorts, aber haben Sie auch den Blick für gänzlich Neues. Sorgen Sie für ein kooperationsfreudiges Klima zwischen Unternehmen, Wissenschaft und Administration.
Holtemöller: Ich plädiere dafür, mit Wirtschaftsförderung nicht die Wettbewerbskräfte außer Kraft zu setzen, sondern Anreize für Investitionen in Forschung und Entwicklung zu schaffen.
Gesetzt den Fall, wir sitzen in fünf Jahren wieder zusammen: Was wird sich bis dahin beim ostdeutschen Aufholprozess getan haben?
Günther: Fünf Jahre sind eine sehr kurze Frist für den Strukturwandel. Ich denke, dass wir auch dann nicht über revolutionär andere Themen sprechen. Hier würde ich als realistischen Zeitraum eher 20 Jahre ansetzen. Bis dahin können sich etwa Industriezweige entwickeln, die wir heute noch gar nicht kennen. Vielleicht tun sich in der Biotechnologie oder bei Umwelttechnologien ganz neue Dimensionen und Chancen auf.
Holtemöller: Ich glaube, in den nächsten zwei, drei Jahren stehen andere Probleme stärker im Mittelpunkt. Wir haben jetzt die große europäische Krise, und wir müssen uns jetzt darüber unterhalten, wie wir auf dem Kontinent Rahmenbedingungen für makroökonomische Stabilität gestalten. Und gegeben, wir schaffen das, dann sind wir auch mit der Ost-West-Frage ein kleines Stück weiter. Doch die gegenwärtigen ostdeutschen Defizite verbessern sich nur sehr langsam. HARALD LACHMANN
Jutta Günther
-Die 44-Jährige stammt aus Hückeswagen in Nordrhein-Westfalen. Von 1994 bis 1999 studierte sie Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Oldenburg, Osnabrück sowie der State University New York at Albany. 2002 Promotion an der Universität Osnabrück.
-Anschießend begann sie am Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Seit 2008 ist sie Chefin der Abteilung Strukturökonomik. hl
Oliver Holtemöller
-Der 40-Jährige, der im hessischen Lich aufwuchs, studierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen Volkswirtschaftslehre, Angewandte Mathematik und Praktische Informatik.
-Seit August 2009 ist Holtemöller Professor für Volkswirtschaftslehre – insbesondere Makroökonomik – an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Leiter der Abteilung Makroökonomik am IWH. hl