02.12.2011
"Wir gehen dorthin, wo sich Märkte entwickeln"
Antriebstechnik: Schwellenländer sind für Antriebshersteller wichtige Wachstumsmärkte. Anlässlich der Messe SPS/IPC/Drives (22. - 24. November) sprachen die VDI nachrichten mit Ralf-Michael Franke, CEO der Siemens-Division Drive Technologies, Nürnberg, über die aktuelle Marktsituation.
VDI nachrichten, Nürnberg, 2. 12. 11, ciu
VDI nachrichten: Herr Franke, Siemens DT baut Produktionsstandorte in den BRIC-Staaten kontinuierlich aus. Wo liegen dabei Ihre Schwerpunkte?
Franke: Grundsätzlich ist in unserer Strategie hinterlegt, dass wir global/lokal aktiv sind. Das heißt, wir gehen mit unseren Werken dorthin, wo sich die Märkte entwickeln. Das hängt aber auch mit unserem Portfolio zusammen, denn einige unserer Produkte sind nicht so einfach transportierfähig.
Unter den BRIC-Staaten hat innerhalb Asiens China für uns eine besondere Bedeutung. Vorletztes Geschäftsjahr 2009/2010 war China bereits zwischenzeitlich unser größter Absatzmarkt. 2010/2011 hat Deutschland die Position zurückerobert. Ich gehe davon aus, dass sich 2012 das Blatt wieder wendet, aber dann nicht mehr zurückwechselt. In schweren Zeiten hat China unser Geschäft z. B. 2008 stabilisiert und in guten Zeiten ist es ein Wachstumsmarkt.
Gibt es typische Produkte, die Sie in den BRIC-Staaten fertigen?
Nein, wir betreiben eine Weltproduktstrategie. Das heißt, das Produkt, welches wir für die hochentwickelten Staaten anbieten, ist auch die Basis für Entwicklungen in den Schwellenländern. Allerdings haben wir gewisse Einstiegsprodukte. Das sind zugeschnittene Produkte, die den besonderen Anforderungen an den Einstieg in eine Technologie gerecht werden. Das bedeutet aber nicht, dass die Produkte zwangsweise einfacher und von minderer Qualität sind. In Bezug auf Robustheit werden teilweise sogar höhere Anforderungen gestellt.
Wie wir das bereits bei der Steuerungstechnik gemacht haben, werden wir das auch bei der Antriebstechnik, also den Umrichtern, in den Schwellenländern entsprechend umsetzen.
Gilt das für Ihr gesamtes Portfolio?
Ja, das gilt zunächst für das ganze Portfolio, allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wenn ich also für Indien ein Windkraftgetriebe entwickle, dann steht dort nicht das Design im Vordergrund, sondern die Lieferkette, die es dort aufzubauen gilt.
Gerade mit Blick auf Brasilien gibt es da teilweise auch ganz andere Anforderungen, lokale Wertschöpfung abzubilden, wo man ohne einen gewissen Anteil lokaler Wertschöpfung gar nicht für die Angebotserstellung zugelassen wird.
Können Sie dort, wo sie schon länger vertreten sind, feststellen, dass die Anforderungen hinsichtlich der Funktionalität und Energieeffizienz ihrer Produkte steigen?
Das ist ja Teil unserer Strategie. Wir versuchen bewusst mit unseren Produkten frühzeitig in diese Staaten zu kommen, wo man Markteinteile vielleicht nicht unbedingt am einfachsten, aber am günstigsten erobern kann. Das hängt auch damit zusammen, dass junge Märkte starke und verlässliche Partner für den Aufbau neuer Technologien suchen.
Da helfen wir dann zunächst einen Einstieg zu finden. Mit einem zunehmenden Reifegrad und in der Übergangszeit zugeschnittenen Lösungen kommen aber auch sie in unsren Standards an. Dann geht es nicht mehr um Produktvergleiche, sondern um Produkte mit Zusatznutzen, wie Energieeffizienz, unseren ganzheitlichen Engineering-Ansatz mit dem TIA-Portal und um Softwareintegration. Ab dann geht es an erster Stelle um Produktivitätssteigerung und an zweiter Stelle um den Preis.
Sehen Sie beim Reifegrad Unterschiede zwischen den BRIC-Staaten?
Sicher gibt es große Unterschiede, die Sie aber teilweise auch innerhalb eines Landes antreffen können. In China findet man heutzutage die komplette Bandbreite. An der Ostküste ist kaum noch ein Unterschied zu Hochtechnologieländern zu erkennen. Je weiter es nach Westen geht, desto stärker wird das Gefälle und Sie enden am unreifsten Entwicklungsstand, den man sich vorstellen kann.
Irgendwo dazwischen ist das demokratische Indien einzuordnen. Indien ist ein sehr vielversprechender Markt, mit vergleichbarem Wachstumspotenzial wie China. Brasilien sehe ich dagegen als Markt mit einer an vielen Stellen schon sehr reifen Industrie. Das ist über die Jahre so entstanden und das Land kann nun mit seiner Kapitalkraft auf einem relativ hohen Niveau agieren, was aber auch höhere Anforderungen an die Marktteilnehmer mit sich bringt.
Fabriken auf der "grünen Wiese" bieten Möglichkeiten, die Sie in Deutschland nicht haben. Wie ist da aktuell die Entwicklung?
Die Fertigungskapazitäten in Deutschland werden wir nicht mehr ausbauen müssen. Wir stellen uns da aber unserer gesellschaftlichen Verantwortung. Da haben wir Sorge dafür zu tragen, dass die Exportstärke der deutschen Wirtschaft sich auch hierzulande positiv auf die Beschäftigungsverhältnisse auswirkt.
Ganz klar findet aber das Wachstum in den "emerging countries" statt, heute stehen die BRIC-Länder im Fokus, künftig sicher auch die Märkte im Nahen Osten.
Oft finden sich Ihre Fabriken in Ballungsräumen, wo auch andere deutsche und europäische Mitbewerber zu finden sind. Tauscht man sich da untereinander aus oder ist der Wettbewerb um gute Mitarbeiter vor Ort dafür zu groß?
Mitarbeiter tauschen ihre Arbeitgeber aus und Arbeitgeber tauschen sich allgemein über dieses Phänomen der gegenüber Deutschland recht hohen Fluktuation aus. Das betrifft uns aber alle, die wir dort tätig sind. Wir tun einiges, um die Mitarbeiterbindung zu verbessern: durch Training und Weiterbildung zur Identifikation mit dem Unternehmen. Dafür gibt es auch gut funktionierende Beispiele.
Allerdings ist in einem Markt wie China die Situation eine besondere. Wer da unterwegs ist, der muss akzeptieren, dass es dort andere Rahmenbedingungen gibt. Da gehört auch dazu, einen frisch ausgebildeten Mitarbeiter an einen Wettbewerber zu verlieren, weil der ein besseres Angebot macht. Es passiert aber auch umgekehrt. Das ergibt insgesamt eine Balance. MARTIN CIUPEK