01.04.2011
Zu viel Feinstaub in Europas Städten
Umwelt: Rußpartikel aus Diesel-Lkw und -Pkw gefährden die Gesundheit. Die Städte sollen sich an positiven Beispielen orientieren, fordern Umweltverbände. Und die EU-Kommission will die EU-Luftgesetzgebung verbessern.
VDI nachrichten, Brüssel, 1. 4. 11, ber
Wer längere Zeit näher als 50 m an viel befahrenen Straßen wohnt, lebt ungesund. Dann kann er häufiger an Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen leiden und im Schnitt früher sterben als jemand, der weiter entfernt lebt. Ursachen sind Feinstaub etwa aus Diesel-Pkw und -Lkw, aber auch Stickstoffoxide (NOx), wie die aktuelle „Feinstaubkohortenstudie Frauen in NRW“ des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz mit Sitz in Recklinghausen zeigt.
Ausgewertet wurden die Krankheits- und Sterbegeschichten von 4752 älteren Frauen (Jahrgänge 1929–1942). NRW-Umweltminister Johannes Remmel ist alarmiert und begrüßt den Vorstoß, ab 2012 eine Umweltzone für das gesamte Ruhrgebiet einzurichten. Remmel spricht sogar von fehlender Umweltgerechtigkeit: „Wer sozial schwächer gestellt ist, hat oft keine andere Wahl, als an Orten zu wohnen, an denen der Lärmpegel und die Schadstoffbelastung hoch sind.“
Feinstaub ist kein deutsches Phänomen: In der EU sterben deswegen jährlich rund 350 000 Menschen vorzeitig. Die EU hat 1999 daher den Tagesgrenzwert von 50 µg Feinstaub/m³ eingeführt. Er ist seit 2005 einzuhalten und darf an 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Viele Städte haben sich lange Zeit nicht sehr um diese Vorgabe gekümmert, sodass der Grenzwert 2010 an 57 Messstellen in 39 deutschen Städten zu oft überschritten wurde.
Doch viele Städte versuchen, die Feinstaubbelastung zu senken. Die aktivsten Städte wollen der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und andere Umweltverbände hervorheben. Sie bereiten ein Städteranking vor.
Auf der Veranstaltung „Air Quality in European Cities – lessons learnt and ways forward“, die kürzlich in der NRW-Vertretung der EU in Brüssel stattfand, stellte BUND-Verkehrsfachmann Werner Reh fünf Städte vor, von denen andere heute schon viel lernen könnten: Es sind Berlin, Kopenhagen, Stockholm und Wien sowie Zürich.
Die 88 km² große Umweltzone innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings hält Reh für eine Erfolgsgeschichte. „Hier sind deutlich mehr saubere Fahrzeuge mit grünen Plaketten unterwegs als in anderen deutschen Städten.“ Mehr als 60 000 Dieselfahrzeuge wurden mit Rußfiltern nachgerüstet, sodass die Dieselflotte in der Umweltzone 2010 etwa 40 % weniger Staubpartikel und 19 % weniger Stickoxide (NOx) als 2009 emittierte.
Dennoch wurde der Tagesgrenzwert 2010 an sieben Messstellen überschritten. Das liegt für Martin Lutz von der Senatsverwaltung für Gesundheit daran, dass die Feinstaubbelastung sich nur teilweise durch lokale Fahrverbote senken lässt. Er verweist auf die frostige Wetterlage im Januar und Februar 2010 sowie auf stete Ostwinde, die Schadstoffemissionen aus südpolnischen Industriegebieten nach Berlin wehten.
In Kopenhagen fahren immer weniger Fahrzeuge. „Ein Grund ist die konsequente Parkraumpolitik und die Radverkehrsförderung“, so Reh. Bürgersteige wurden verbreitert, Radspuren und Stellplätze für Fahrräder eingerichtet, Poller verhindern falsches Parken und hohe Parkgebühren schrecken Pendler und Touristen ab. 2009 legten die Menschen 38 % aller Wege mit dem Fahrrad zurück. Die Stadt hat sich zum Ziel gesetzt, dass es 2015 mindestens 55 % sein sollen.
In Stockholm sorgt der gut ausgebaute öffentliche Nahverkehr dafür, dass Menschen mehr als die Hälfte ihrer Wege mit Bus und Bahn zurücklegen. Bis 2020 will die Stadt weitere 10 Mrd. € in S-Bahnen, Straßenbahnen und Busse investieren. Seit 2007 müssen Autofahrer zudem eine Citymaut bezahlen, die den Pkw-Verkehr in der Stadt deutlich gesenkt habe. Heute werden in Stockholm nur 19 % der Wege mit dem Auto zurückgelegt.
Auch die Stadt Wien will den Nahverkehr weiter ausbauen. Sie geht zudem konsequent gegen eine weitere Feinstaubquelle vor: Seit 2006 müssen alle Baumaschinen ab einer Leistung von 37 kW mit Staubfiltern ausgerüstet sein, seit 2008 alle Baumaschinen ab 18 kW. Auch in Zürich müssen alle Baufahrzeuge mit einer Leistung von mehr als 18 kW mit Staubfiltern arbeiten. Reh verweist hier auf Stuttgart und die Deutsche Bahn: „Die bisherigen Arbeiten am Stuttgart-21-Projekt wurden alle von Baumaschinen ohne Filter ausgeführt.“
Umweltkommissar Janez Potocnik, der an der Veranstaltung in der NRW-Vertretung teilnahm, freute sich über die große Zahl positiver Beispiele. Er lehnte Ausnahmen für Städte wie Graz, Mailand oder Stuttgart ab, die wegen des geringeren Luftaustauschs aufgrund ihrer geographischen Lage benachteiligt sind.
„Alle Bürger haben den gleichen Anspruch auf eine hohen Gesundheitsschutz“, so Potocnik. Er kündigte zudem an, bis 2013 die Luftqualitätspolitik zu überarbeiten: „Wir wollen uns dabei an neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren.“ Schärfere Standards seien möglich. RALPH AHRENS
www.lanuv.nrw.de/veroeffentlichungen/fachberichte/fabe31/fabe31start.htm
EU-Kommission droht mit Strafzahlungen
-Die EU-Kommission kümmert sich seit 2008 um die Einhaltung des Feinstaubgrenzwertes und gewährt vielen Städten eine Fristverlängerung bis 11. Juni 2011 für das Ergreifen von Maßnahmen, um die Belastung zu verringern. Nach diesem Stichtag entscheidet die Kommission über neue Fristverlängerungen. Mehr Zeit werden nur jene Städte erhalten, die glaubhaft belegen, dass sie alles tun, die Belastung zu senken.
-Gehen Städte aus Sicht der Kommission nicht ernsthaft genug gegen Staub vor, drohen drastische Strafen. So hatte die Kommission 2009 Deutschland Strafzahlungen von bis 50 000 € täglich angekündigt, weil Leipzig 2009 nicht einmal einen Aktionsplan vorgelegt hatte. Die Drohung wirkte: Im März dieses Jahres führte Leipzig eine Umweltzone ein. ra