06.05.2011

Zwischen Ausbeutung und Kompetenzgewinn

Praktikum: Die Übernahme in ein festes Arbeitsverhältnis oder eine erste berufliche Orientierung erhoffen sich Hochschulabsolventen von Praktika. Eine Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung ermittelte, dass Praktikanten sich zwischen Ausbeutung und guter Betreuung bewegen.

VDI nachrichten, Düsseldorf, 6. 5. 11, ws

„Praktika sind keine Karrierebremsen, aber auch kein sicherer Einstieg.“ Heidemarie und Boris Schmidt sind sich einig: Praktika sind keineswegs Garanten für einen erfolgversprechenden Karrierebeginn. Die beiden Bildungsforscher haben im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in einer Studie nachgehakt, ob etwas dran ist am Schlagwort der „Generation Praktikum“, deren preiswerte Arbeitspotenziale von Arbeitgebern laut Studie missbraucht würden.

Vorneweg sei betont, dass Ingenieurabsolventen mit einem Anteil von nur 5 % im Vergleich zu Geisteswissenschaftlern mit rund 40 % weit seltener Praktika absolvieren. Hecht und Schmidt befragten Ende 2010 insgesamt 674 Absolventen der Universitäten Hamburg, Rostock, Köln und der FU Berlin. Die Jung-Akademiker hatten ihr Studium drei Jahre zuvor abgeschlossen.

22 % der befragten Praktikanten mit Studienabschluss erhielten nach ihrem Praktikum ein Angebot, in eine unbefristete oder befristete Tätigkeit übernommen zu werden – mehr als doppelt so viele hatten sich das bei Aufnahme des Praktikums erhofft. „Angemessen bezahlt fühlten sich nur 17 %“, heißt es in der Studie. Angemessen betreut fühlten sich lediglich rund 53 %.

Gut die Hälfte aller Praktika wurden von den Hochschulabsolventen als hilfreich für ihre berufliche Entwicklung wahrgenommen. „Vollwertige Arbeit“ und „sorgfältige Betreuung“ bei „zumindest annähernd angemessener Bezahlung“ seien die Charakteristika dieser Arbeitsverhältnisse. „Allerdings wurden auch Praktika ohne Vergütung positiv bewertet – wenn sich die Praktikanten gut betreut fühlten und interessante Tätigkeiten kennenlernen konnten“, befinden die beiden Wissenschaftler.

Immerhin 61 % der befragten Ex-Praktikanten sprechen von einer „guten Möglichkeit, um den Berufseinstieg zu schaffen“. 80 % heben „die Möglichkeit, zusätzliche Qualifikationen zu erwerben“ hervor.

Aber 68 % der Ex-Praktikanten erlebten die Praxisphase nach dem Abschluss als prekäre Beschäftigung, 56 % bezeichnen sie gar als „moderne Form der Ausbeutung“.

Das sieht Ingrid Sehrbrock, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, ähnlich. Man stelle beim DGB fest, dass junge Menschen, die ein Studium abgeschlossen hätten, während ihrer Praktika vollwertige Arbeit leisten, ohne dafür entsprechend honoriert zu werden. „Dabei registrieren wir eine neue Entwicklung“, sagte Ingrid Sehrbrock dem WDR. „Früher wurden junge Leute weit häufiger nach dem Praktikum auf eine unbefristete Stelle übernommen. Unternehmen betrachten diese jungen Menschen offenbar heute als kostengünstige Beschäftigungsalternativen.“

Die Entwicklung, dass hochmotivierte Arbeitskräfte nach Verlassen der Hochschule gegen wenig Geld und mit geringen Perspektiven verpflichtet würden, trage Züge der Ausbeutung, so die Gewerkschafterin – ein Phänomen, das auch in vielen anderen europäischen Staaten zu beobachten sei, vor allem in Italien.

Eine Studie der Hochschul-Informations-System GmbH aus dem Jahre 2007 kommt zu abweichenden Ergebnissen. Bei Praktika nach dem Studium handele es sich nicht um ein Massenphänomen, sodass der Begriff „Generation Praktikum“ nicht gerechtfertigt sei. „Außerdem bleibt festzuhalten, dass die Bewertung des Praktikums nach dem Studium in wesentlichen Dimensionen positiv ausfällt und die Absolventen das Praktikum in den meisten Fällen nicht als Ausbeutung empfunden haben“, hatten die Autoren herausgefunden. Das solle nicht heißen, es gebe keine schwarzen Schafe. Man sei auch auf Praktikanten getroffen, die von „erheblicher Unzufriedenheit“ berichten und sich als günstige Hilfskräfte missbraucht fühlten.

Auch Andreas Eimer, Karriereberater an der Universität Münster, sieht aus eigener Erfahrung keinen Anlass, von der „Generation Praktikum“ zu reden. „Sie hat es in dieser Form nie gegeben. Es gibt keine großen Kohorten von Akademikern, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln.“ Wenn junge Menschen ein Praktikum erwägen, sollte es generell während des Studiums und nicht danach absolviert werden.   W. SCHMITZ

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