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Standpunkt: Die Informationsgesellschaft muss ressourceneffizienter werden, um zu einer wirklichen "Green IT" zu kommen

"Das Internet hat einen Rucksack"  

VDI nachrichten, Wuppertal, 11. 4. 08, swe - Endlich werden die Umwelteinwirkungen von Informationstechnik (IT) wieder deutlich wahrgenommen: Die Medien berichten vom "heimlichen Stromfresser Server" oder von Computern, die "so schädlich wie Geländewagen" seien. Michael Kuhndt, Geschäftsführer des UNEP/Wuppertal Institute Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP), schreibt im folgenden Text, wie weit die IT-Branche in puncto "Green IT" ist und wo sie hin muss.

Sorgen über die Umweltfolgen der Informationstechnik (IT) sind berechtigt: Der gesamte Energieverbrauch von Infrastruktur und Endgeräten steigt weiterhin. Nach einer Studie vom November 2007 verbrauchten alleine die Server 2006 in Europa bereits 14,7 TWh - hierbei ist der sonstige Energieverbrauch von Serverparks nicht berücksichtigt.

Machen wir weiter wie bisher, das "business as usual"-Szenario der Studie, steigt dieser Wert bis 2011 auf 31 TWh, was der Energieerzeugung von 3,5 Atomkraftwerken entspräche. Auch trotz weiterer Anstrengungen für mehr Energieeffizienz würde der Energieverbrauch steigen - auf 17 TWh ("forced efficiency scenario") bis 23,5 TWh ("moderate savings scenario").

Jedes Endgerät hat einen ökologischen Rucksack. Dieser umfasst die Summe alle natürlichen Ressourcen, die bei der Herstellung, dem Gebrauch und der Entsorgung eines Produktes verbraucht werden. Der Rucksack geht also weit über den direkten Energieverbrauch hinaus. Der ökologische Rucksack wird umgerechnet in Masseeinheiten und kann ein Vielfaches der Masse der Geräte, in Abhängigkeit der Gerätetypen in der Größenordnung 60 bis 500 betragen. So verbraucht die Herstellung einer Workstation inkl. Monitor etwa 1,2 t bis 1,5 t Material.

Kleinere Geräte sind zwar leichter und haben einen insgesamt reduzierten Ressourcenverbrauch. Aber die Materialintensität ist höher: Je kleiner das Gerät, desto problematischer werden die eingesetzten Komponenten.

Die Produktion elektronischer Geräte verbraucht eine bedeutsame Menge an abiotischen Rohstoffen. Dies ist auch ein Ergebnis der Nutzung von Funktionsmaterialien. Diese Materialien, zu denen zum Beispiel die Prozessoren oder die Flüssigkristalle in LCDs gehören, haben einen höheren Ressourcenverbrauch als Konstruktionsmaterialien (Gehäuse, Schalter etc). Für elektronische Produkte ist der Anteil an erneuerbaren oder recycelten Rohstoffen allgemein noch sehr gering.

Knackpunkt des ökologischen Rucksacks ist die Nutzungsphase der IT-Geräte: Der Energieverbrauch in der Nutzungsphase eines Einzelgeräts kann zu einem erheblichen Teil beitragen.

Dabei verbraucht allein ein angeschlossenes, nicht genutztes Ladegerät des Notebooks mehr als 3 W. Nach Angaben des Umweltbundesamts betragen diese Leerlaufverluste jedes Jahr 4,4 % des Gesamtstromverbrauchs in Deutschland - und kosten Unternehmen und Haushalte etwa 4 Mrd. €.

Der Ansatz der "Green IT" wird oft zurzeit nur ökonomisch diskutiert. Aber auch das Internet hat einen Rucksack, eben einen ökologischen. Der ökonomische Ansatz greift daher zu kurz und ist langfristig auch ökonomisch nicht nachhaltig. Folgende zehn Punkte würden zu einer "Green IT" führen.

1. Die IT muss energie- und ressourceneffizient werden. Dies erfordert Prozessdenken.

2. Die IT muss wertschöpfungskettenweit denken. Erst dann lassen sich Umweltauswirkungen auch im Voraus wirklich abschätzen.

3. Stoffstrombilanzen sollten auf IT-Produkte und -Prozesse angewandt werden - und dann IT-Herstellern und -Dienstleistern als Entscheidungskriterium dienen.

4. Die IT muss ökologische Kriterien bei Geräteentwicklung berücksichtigen, Stichwort: Green Design.

5. Die IT muss vom Anwender her gedacht werden: Was braucht der Anwender an Leistung für Büro- und Heimanwendung?

6. Anwender, ob Endverbraucher oder professionelle Nutzer, gehören informiert (Verbraucher) bzw. geschult in Sachen "Green IT": Was können sie tun?

7. Die IT muss von der Software her denken: Kann man IT-Geräte und Netzwerkstrukturen modular der Software anpassen?

8. Die IT muss die Lebensdauer ihrer Produkte erhöhen: Wie kann man vermeiden, dass alle zwei bis drei Jahre die Rechner ausgetauscht werden?

9. Die IT muss vom Ende her denken: Was machen mit dem Elektroschrott?

10. Bestehende Techniken mit geringeren ökologischen Auswirkungen gehören konsequent angewandt, Stichwort Virtualisierung, Shared Use, Application Service Providing u. v. m.

Verglichen mit dem anfangs geschilderten Status quo muss die IT-Branche ihre heutigen Ansätze und Konzepte ändern, um gemessen an den genannten zehn Orientierungspunkten wirklich zu einer "Green IT" zu kommen.

Zur Berücksichtigung ökologischer Kriterien bei der Geräteentwicklung gehören Aspekte wie Langlebigkeit, Aufrüstbarkeit sowie der Einsatz angemessener Geräte. Viele der heute verkauften und genutzten Geräte verfügen über Eigenschaften, die für die geplanten Anwendungen nicht nötig sind.

Angemessenheit bedeutet: Für die Büro- oder Internetanwendung sind z. B. in der Regel nicht die leistungsfähigsten Geräte notwendig. Büro-PCs können mit einem erheblich geringeren Stromverbrauch auskommen als leistungsfähige Spielecomputer.

Dass an Benutzerbedürfnisse angepasste Produkte möglich sind, zeigt das Interesse an einer neuen Generation von Mini-Laptops, wie dem ursprünglich für Entwicklungsländer geplanten "One Laptop per Child" (OLPC) oder dem Asus Eee PC, der auf der CeBIT 2008 in einer neuen Version vorgeführt wurde.

Wegweisend sind innovative Modelle zur flexiblen Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT), z. B. durch "lean clients" oder Virtualisierung von IKT-Ressourcen. Sie können helfen, den Bedarf an physischen Geräten und Komponenten zu verringern. Im Dienstleistungssektor führen Internetanwendungen vor allem dann zu Ressourceneinsparungen, wenn diese nicht als ausschließlich zusätzlicher Vertriebsweg aufgebaut werden. Parallel sollte in den klassischen Vertriebskanälen der ökologische Rucksack verringert werden.

Die Angewohnheiten und das Bewusstsein für mögliche Umwelteinflüsse seitens der IT Anwender im Hinblick auf einen systemweiten Ressourceneinsatz ist ein entscheidender Faktor von "Green IT". So hebt die Re-Materialisierung von digitaler Information den Effizienzgewinn wieder auf. Beispiel: Wird jede E-Mail ausgedruckt, so werden weder Papier noch Druckmaterialien eingespart, ihr Verbrauch wird nur örtlich verlagert.

Das nennt man Reboundeffekt. Informationen darüber sollten schon frühzeitig in die Designphase der Produkte oder Dienstleistungen integriert werden. Forschung in Zusammenarbeit mit Unternehmen ist wichtig, um eine Art "frühen Rebound-Check" zu entwickeln, der als Instrument in die Designphase eingebaut werden kann. Es wird aber auch notwendig sein zu untersuchen, wie IKT insgesamt die Konsummuster beeinflussen wird.

Zur Beurteilung und Optimierung des "Gesamtsystems Internet" sind sowohl die Auswirkungen seiner Anwendungen (indirekte Effekte) wie auch die ausgelösten Veränderungen des Konsumverhaltens und der Lebensgewohnheiten (verhaltensbedingte Effekte) einzubeziehen. Diese Veränderungen haben oft eine größere Bedeutung als die eigentliche IT-Ausstattung und Infrastruktur.

Die öffentliche Verwaltung und Unternehmen könnten Vorreiter sein, indem sie digitale Dienstleistungen zum festen Bestandteil ihrer Verwaltungsabläufe machen. Zahlreiche Dienstleistungen der öffentlichen Verwaltung bieten hier grundsätzlich ein hohes Potenzial, da es in aller Regel ausschließlich um Informationsübermittlung geht. Dabei sollten sie nicht nur als Anbieter von digitalen Dienstleistungen auftreten (push-strategy), sondern könnten, wo immer möglich, auch von ihren Zulieferern Dienstleistungen an Stelle von Produkten nachfragen (pull-strategy). MICHAEL KUHNDT

www.scp-centre.org

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