VDI nachrichten, Düsseldorf, 23. 5. 08, ps - Die amerikanische Wirtschaft, lange Jahre Lokomotive der Weltkonjunktur, schwächelt. Die Immobilienpreise sind eingebrochen, Millionen von Hausbesitzern können ihre Hypothekendarlehen nicht mehr bedienen. Nouriel Roubini, einer der renommiertesten US-Ökonomen, fürchtet eine langdauernde Rezession.
VDI nachrichten: Die Kurse an der Wall Street haben Anfang Mai Jahreshöchststände markiert, die Anleger gehen davon aus, dass in der Kreditkrise das Schlimmste vorbei ist. Zu recht?
Roubini: Nach meinem Eindruck nicht. Ich denke, dass dies eine Zocker-Rally ist, die in einem Bärenmarkt stattfindet. Nach meinem Eindruck wird sich die Konjunktur signifikant verschlechtern. Das bedeutet weniger Jobs, weniger private Nachfrage, weniger Produktion, weniger Einkommen und weniger Firmengewinne. Und das wird an der Börse erneut zu fallenden Kursen führen.
VDI nachrichten: Im ersten Quartal 2008 wuchs das Bruttoinlandsprodukt der USA immerhin um 0,6 %. Ist das keine gute Nachricht?
Roubini: Der einzige Grund, warum die Zahl positiv war, sind unverkaufte Lagerbestände, die 0,8 % zum Wachstum beitrugen. Wenn sie aber die unverkauften Produkte aus der Statistik rausnehmen und nur auf die tatsächlichen Verkäufe schauen, dann sehen Sie, die gingen 0,2 % zurück. Das heißt, es gab bei der Nachfrage einen scharfen Rückgang, wir sind also schon in einer Rezession.
Mehr noch: Fünf Monate in Folge hatten wir Jobverluste im privaten Sektor, und seit vier Monaten beobachten wir Stellenstreichungen bei öffentlichen Arbeitgebern.
VDI nachrichten: Wie lange wird diese Rezession anhalten?
Roubini: Die Wall Street geht von sechs Monaten aus, gefolgt von einer scharfen - V-förmigen - Erholung. Ich bin da pessimistischer, ich glaube, diese Rezession wird zwölf bis 18 Monate dauern, bis ins Jahr 2009 hinein.
VDI nachrichten: Warum sind Sie pessimistischer als die meisten Ihrer Kollegen?
Roubini: Die beiden letzten Rezessionen dauerten jeweils nur acht Monate. Wenn Sie sich aber aktuell den Finanzsektor und die makro-ökonomischen Zahlen anschauen, dann sehen die viel schlechter aus als 1991 oder 2001.
VDI nachrichten: Was meinen Sie damit konkret?
Roubini: Die Immobilien-Rezession verschärft sich derzeit, da ist kein Boden in Sicht. Zweitens hängen die US-Verbraucher in den Seilen, die sind vom vielen Shopping total erschöpft. Sie sparen immer weniger und werden erdrückt von wachsenden Schulden, sinkenden Reallöhnen, Jobverlusten und eskalierenden Ölpreisen.
Und drittens: Im Finanzbereich geht es längst nicht mehr nur um das Subprime-Debakel. Die Kreditprobleme nehmen auch bei Hypothekenkunden mit besserer Bonität zu sowie im gewerblichen Immobilienbereich, bei Kreditkarten, Autokrediten, Studenten-Krediten und Industrie-Krediten. Und jetzt steigen die Ausfälle bei Firmenkrediten. Das heißt, wir haben es mit einer sehr ernsten Kredit- und Liquiditätskrise zu tun.
VDI nachrichten: Die aktuellen Probleme begannen im Immobiliensektor. Dort sind die Preise schon um 15 % gefallen. Wo sehen Sie den Tiefpunkt?
Roubini: Der ist nicht in Sicht. Der Bau neuer Häuser wird noch um weitere 20 % bis 30 % fallen, weil es so viele unverkaufte Häuser auf dem Markt gibt. Das wird das ganze Jahr so weitergehen. Die Preise werden bis Ende 2009 sinken, vielleicht sogar bis 2010.
Ich erwarte einen Preisrückgang von insgesamt 30 %, bevor wir von einer Bodenbildung sprechen können. Die Rezession am Immobilienmarkt könnte zwar bis Ende des Jahres überstanden sein, aber die hohe Zahl unverkaufter Häuser wird erst in ein, zwei Jahren sinken.
VDI nachrichten: Sie haben den möglichen Gesamtschaden der Krise auf 1Billion $ veranschlagt, ähnlich wie der Internationale Währungsfonds. Die Banken haben aber erst 250 Mrd. $ wertberichtigt. Danach hätten wir erst ein Viertel des gesamten Schadens gesehen. Was bedeutet das für die Banken?
Roubini: Ja, das stimmt, die Banken haben 200 Mrd. $ bis 250 Mrd. $ abgeschrieben, das meiste in Zusammenhang mit Subprime-Krediten. Von jetzt an werden wir sehen, wie sich die Verluste in andere Kreditbereiche ausdehnen und die Wertberichtigungen zunehmen.
Das bedeutet, dass wir in der Finanzbranche das Schlimmste eben nicht hinter uns haben, es liegt noch vor uns. Es wird mehr Verluste geben, und noch mehr Bilanzerosion. Und die Risikoaufschläge bei den Zinsen werden zunehmen. Wir werden also weiterhin ernsthafte Probleme sehen und einen teuflischen Kreislauf zwischen der erodierenden Realwirtschaft und dem Zustand im Finanzsystem.
VDI nachrichten: Falls sich die Rezession, wie Sie sagen, als hartnäckig und scharf erweist: Was bedeutet das für Europa?
Roubini: Ich rechne mit einer Abkühlung in Europa. Sie dürfte um so deutlicher ausfallen, je stärker sich die US-Wirtschaft abkühlt. Aber selbst ohne den Einfluss der USA wirken in Europa bereits Kräfte, die die Konjunktur stark abbremsen und wahrscheinlich in einer Reihe von EU-Ländern zu einer Rezession führen. Ich erwarte, dass die Implosion der Immobilienmärkte Großbritannien, Spanien und Irland in eine Rezession stürzt. Ich erwarte ähnliches in Italien und Portugal. Viele Einflüsse sind derzeit negativ, die Deflation der Immobilienpreise, die Kreditkrise in den USA. Sie werden den Spielraum europäischer Banken, Firmenkredite zu vergeben, einschränken.
VDI nachrichten: Und der starke Euro?
Roubini: ... ja, der notiert viel höher als vor einem Jahr. Das Wachstum der Nachfrage, vor allem in Deutschland, wurde ja von den Nettoexporten angetrieben und nicht von der heimischen Nachfrage. Beim aktuellen Wechselkurs schmerzt der starke Euro nicht nur Spanien, Italien, Portugal und Griechenland, sondern auch Export-Supermächte wie Deutschland.
Und schließlich: Während die Notenbank in den USA fleißig die Zinsen senkt, macht sich die Europäische Zentralbank mehr Sorgen um die Inflation und senkt die Zinsen nicht, was die Konjunktur zusätzlich abbremst. Die Konjunktur-Indikatoren sehen nicht sonderlich gut aus. Das Vertrauen der Geschäftsleute in die Zukunft leidet, die Umsätze des Einzelhandels sind schwach, und das in einer ganzen Reihe von EU-Ländern.
Daher erwarte ich eine deutliche Wachstumsberuhigung quer durch die Eurozone, und eine Rezession in Großbritannien, Irland, Italien, Spanien und Portugal.
VDI nachrichten: Wie würde sich diese Entwicklung auf die Rohstoffpreise auswirken?
Roubini: Mein Szenario ist eine schwere US-Rezession mit einer starken Wachstumsdelle, die Europa, Japan und Asien trifft. Ich sehe alle Energie- und Rohstoff-Notierungen um 20 % bis 30 % fallen. Da machen sich vor allem die schwache Nachfrage und der schwache Arbeitsmarkt bemerkbar. Die Rohstoffmärkte erleben eine Übertreibung, und im Sog der Entwicklung, die ich Ihnen aufgezeigt habe, wird aus den Preisen deutlich die Luft rausgehen. MARKUS GÄRTNER
Nouriel Roubini
ist einer der Top-Ökonomen der USA. Der Professor an der Stern School of Business der Universität New York wurde in Istanbul geboren und wuchs in Italien auf, bevor er Mitte der 80er-Jahre in die USA ging und die US-Bürgerschaft annahm. Roubini hat einen Doktortitel in Philosophie von der Universität Harvard. Roubini fungierte unter anderem als Berater des US-Finanzministeriums, des Weißen Hauses und des Internationalen Währungsfonds. mag