Forschung: Das Wirtschaftsministerium hat kürzlich sechs Anwendungsszenarien des semantischen Forschungsprogramms Theseus präsentiert. Sie werden im März auf der CeBIT im "Future Parc" in Halle 9 öffentlich gezeigt. Die Teilprojekte befinden sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Offizieller Start der Entwicklung war im Oktober 2007. VDI nachrichten, Berlin, 20. 2. 09, pek
"Theseus soll die Basis für das Internet der Dienste, einen Zukunftsmarkt, bereiten. Unser Ziel ist daher die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft", sagte Andreas Goerdeler, im federführenden Wirtschaftsministerium Leiter des Referats Entwicklung konvergenter Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT).
Thomas Niessen, Direktor des Theseus-Programmbüros: "Wir haben die Möglichkeit, etwas grundlegend Neues zu bauen. Es gibt die Chance, damit die Arbeitswelt in fünf Jahren grundlegend zu ändern." Die Projektpartner (darunter auch SAP und Siemens) böten ein "einzigartiges Ökosystem" und die für ein Forschungsprojekt untypische Gewähr einer starken Marktorientierung.
Die sechs Theseus-Einsatzgebiete für die semantischen Technologien sind breit gestreut: Von der Ordnung und Auswertung digitaler Informationen in großen Datenmengen, z. B. zur Patentrecherche, über eine bessere medizinische Diagnostik bis hin zur Digitalisierung von Kulturgütern reicht die Palette.
Für Unternehmen interessant ist das Anwendungsszenario Processus. Dabei wird erforscht, wie man das im Betrieb verfügbare Wissen besser nutzen kann. Ziel ist eine IT-gestützte Unternehmenssteuerung, die den Vergleich von Produkten, Lösungen und Geschäftspartnern sowie das Aufspüren von Wissen ermöglicht. Dabei werden die Grundlagen für eine semantische Plattform erarbeitet, die den gezielten Zugriff auf unstrukturierte Daten möglich macht, die zum Beispiel in E-Mails, Protokollen oder Angeboten vorliegen. Am Beispiel einer Angebotserstellung für den Bau einer Getränkeabfüllanlage wurde gezeigt, wie das kontextabhängige Content-Management funktioniert. Die jeweils passenden Informationen können schnell und effizient bereitgestellt und automatisiert aus den Geschäftsabläufen abgeleitet werden. Das System lernt mit und ist in der Lage, nach Eingabe der nötigen Parameter binnen 20 s ein ca. 30-seitiges Angebot zu erstellen.
Erste Ausgründungen aus dem Programm habe es bereits gegeben, teilte Wolfgang Wahlster , Vorsitzender der Geschäftsführung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), mit. Den Kreis der momentan beteiligten 30 Theseus-Partner will man auf den Mittelstand ausdehnen, 65 Firmenanträge lägen bereits vor.
Einen technischen Fortschritt machte das Internet der Dienste in der vergangenen Woche, als das W3C-Konsortium einen neuen Standard für die multimodale Ein- und Ausgabe veröffentlichte. Dadurch wird es möglich, mit beliebigen Endgeräten auf das Internet der Dienste zuzugreifen. Die Spezifikation EMMA (Extensible Multimodal Annotation) fördert die Entwicklung von Webanwendungen, die mit Handschrift, natürlicher und künstlicher Sprache, Touchscreens und Gestik umgehen können. Das macht EMMA besonders für den Mobilfunk interessant. Theseus hat laut Wahlster den Standard mitentwickelt und wird ihn künftig verwenden.
ULRICH HOTTELET
Projekt Theseus
Theseus ist ein vom Wirtschaftsministerium initiiertes Forschungsprogramm mit dem Ziel, eine neue internetbasierte Wissensinfrastruktur zu entwickeln und die Grundlagen für das „Internet der Dienste“ zu schaffen. Es ist das größte Projekt der Bundesregierung in den Informations- und Kommunikationstechnologien und wurde im Dezember 2006 auf dem IT-Gipfel vorgestellt. Ziel: Anwendungsorientierte Basistechnologien und technische Standards sollen erarbeitet und erprobt werden. Als Ergebnisse werden neue Produkte, Tools, Dienste und Geschäftsmodelle für das Web erwartet. Im Fokus stehen semantische Technologien. Das Programm hat eine Laufzeit von fünf Jahren und wird vom Wirtschaftsministerium mit 100 Mio. € gefördert. Die Mittel verteilen sich je zur Hälfte auf Wissenschaft und Wirtschaft. Weitere 100 Mio. € werden als Eigenmittel der beteiligten 30 Partner aus Industrie und Forschung aufgebracht. hot