VDI nachrichten, 12.3.2010
Kabel-TV: Nach langen Verhandlungen mit ARD und ZDF begann auch bei Deutschlands größtem Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland (KDG) kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele das HD-Zeitalter im Free-TV. Doch neben dem Fernsehen wird für KDG das Geschäft mit Telefonie und Internet immer wichtiger: „Zum 31. Dezember 2009 betrug der Anteil der neuen Dienste an den gesamten Abonnements bereits 24,2 %, verglichen mit 19,2 % im Vorjahr,“ sagte Adrian von Hammerstein, Vorsitzender der KDG-Geschäftsführung, im Gespräch mit den VDI nachrichten. Das wolle man in Zukunft weiter ausbauen.
VDI nachrichten: Seit den Olympischen Winterspielen sind die öffentlich-rechtlichen HD-Programme auch in den ausgebauten Netzen von Kabel Deutschland zu empfangen. Wie viele Ihrer Kunden kommen aktuell in den Genuss von HD?
von Hammerstein: Die HDTV-Programme von ARD, ZDF und Arte – wie auch das komplette Sky-HD-Angebot – sind zunächst für alle Kunden in den auf 630 MHz ausgebauten Netzen zu empfangen. Das sind derzeit rund 90 % unserer Kunden. Natürlich möchten wir so schnell wie möglich allen unseren Kunden HDTV anbieten. Dafür sind bereits Ausbaumaßnahmen unterwegs und bis Mitte 2010 sollten wir eine nahezu vollständige Abdeckung erreicht haben.
Wie sind derzeit Ihre zeitlichen und räumlichen Ausbaupläne? Halten Sie die Pläne der Bundesregierung für realistisch (bis 2014 sollen 75 % der Bevölkerung mit 50 Mbit/s versorgt sein) und was können Sie in Ihrem Versorgungsbereich dazu beitragen? “
Kabel Deutschland hat seit 2003 über 1 Mrd. € in ihre Netze investiert und bereits rund 80 % des Kabelnetzes für Internet und Telefonie über das Fernsehkabel modernisiert. Die modernisierten Netze erreichen auch 1 Mio. Haushalte in ländlichen Gebieten, die zuvor kein Breitband-Internet bekommen konnten. Damit haben wir bereits einen wichtigen Beitrag zur Breitbandversorgung in Deutschland geleistet. Wir werden auch in 2010 weitere Netze aufrüsten. Allerdings: Es wird immer vereinzelte Teilnetze geben, deren Aufrüstung nicht wirtschaftlich wäre. Diese Gebiete können mit anderen Technologien erschlossen werden, zum Beispiel mit Funklösungen. Daher bin ich sehr zuversichtlich, dass die Breitband-Initiative der Bundesregierung Erfolg haben wird.
Seit einigen Jahren fokussieren Sie auf Triple-Play, stehen also verstärkt im Wettbewerb mit Telekommunikationsunternehmen, die ihrerseits im TV-Geschäft aktiv werden. Ist da die seinerzeit u. a. kartellrechtlich begründete Zersplitterung des Kabelmarktes noch zeitgemäß? “
An der industriellen Logik eines Zusammenschlusses von Kabel Deutschland mit anderen Netzebene3-Betreibern hat sich nichts geändert. Das ist aber kein aktuelles Thema für uns. Darüber hinaus sind wir grundsätzlich an der Übernahme von NE4-Netzen in unserem Verbreitungsgebiet interessiert. Wir sind der „natürliche Käufer“ für solche NE4-Netze. Die Kunden in diesen Netzen wiederum können vom Angebot unserer Internet-, Telefonie- und Premium-TV-Dienste profitieren.
Glauben Sie, mittelfristig im TV-Geschäft Ihre Position gegenüber Satellit und Terrestrik halten bzw. wieder ausbauen zu können? Und wo sehen Sie sich in fünf bis zehn Jahren im Breitband- bzw. Telefoniegeschäft? “
Das Kabel ist seit Jahren mit über 50 % Marktanteil die führende TV-Plattform in Deutschland. Die Marktanteile der wichtigsten Plattformen, also Kabel, Satellit und Terrestrik (Antenne), haben sich seit 2005 kaum verändert. Auch der Markteintritt der Deutschen Telekom mit ihrem IPTV-Angebot hat daran nichts geändert. Wir sehen, dass besonders unsere neuen Dienste, wie Internet, Telefonie, Pay-TV und der Digitale Videorecorder, immer beliebter werden und in Folge den Umsatz pro Kunde erhöhen. Zum 31. Dezember 2009 betrug der Anteil der neuen Dienste an den gesamten Abonnements bereits 24,2 % verglichen mit 19,2 % im Vorjahr. Diese Position werden wir in den nächsten Jahren weiter ausbauen.
Die Kabelnetzbetreiber wollen mit der Abschaltung der analogen Programmverteilung via Satellit im April 2012 noch keinen analogen Switch-off vollziehen. Sie müssten also die digital angelieferten Programme re-analogisieren. Mit welchen Kosten rechnen Sie da? “
Unsere Kunden werden auch über 2012 hinaus weiterhin die Wahlfreiheit haben zwischen analogem und digitalem Fernsehempfang. Der Kunde hat die Wahl, und das wird sich nicht ändern. Gleichzeitig wollen wir aber immer mehr Kunden von den Vorteilen des digitalen Fernsehens überzeugen. HDTV, digitale Videorecorder sowie zukünftig Video-on-Demand bieten dem Fernsehzuschauer völlig neue Möglichkeiten.
Die Bandbreite im TV-Kabel ist zwar hoch, aber dennoch endlich. Wann wird es im Kabel eng? “
Wir haben mehr als ausreichende Kapazitäten im Kabelnetz, um unseren Kunden analoges und digitales TV, HDTV, Pay TV, Pay-per-View, Internet und Telefonie anzubieten. Keine andere Infrastruktur ist so leistungsfähig wie das Kabel. Ein technisch bedingter Zwang zum analogen Switch-off besteht daher nicht.
Sie überlassen den Kunden die freie Wahl, welche HD-Box sie zum Empfang der Programme verwenden. Ist das ein Bekenntnis zum freien Boxenmarkt auch für Ihre übrigen digitalen Programmpakete? “
Die Digital Receiver für den Empfang digitaler Programme müssen kabeltauglich sein, das heißt, sie müssen bestimmten überwiegend rechtlichen Mindestanforderungen wie Kopierschutz und Jugendschutz entsprechen. Viele Receiverhersteller haben auf Basis dieser Mindestanforderungen Digital Receiver entwickelt. Bei HDTV ist es ähnlich. Passend zum HD-fähigen TV-Gerät muss auch der HD-Receiver für den Empfang von KDG-Programmen geeignet und HD-fähig sein. Letztendlich bleibt es dem Kunden überlassen, für welches Gerät er sich entscheidet.
Es gibt immer mehr integrierte TV-Geräte mit DVB-C-Tuner. Haben Sie in diesem Kontext eine Position zu CI bzw. CI+ als flexiblem Zugangssystem? “
Kabel Deutschland wird noch im ersten Halbjahr 2010 ein CI+-Modul anbieten und damit einen einfachen und unkomplizierten Zugang zur digitalen Fernsehwelt ermöglichen – auch ohne zusätzlichen Receiver.
In Deutschland sind heute Haushalte mit mehr als einem TV-Gerät die Regel. Wie tragen Sie diesem Umstand bei der Preisgestaltung Ihrer digitalen Programmpakete Rechnung? “
Wir bieten unseren Kunden ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Der Kunde zahlt für seinen Kabelanschluss ein Kabelanschlussentgelt – unabhängig davon, wie viele Fernseher sich im Haushalt befinden. Mit dem Kabelanschluss erhält der Kunde für ein TV-Gerät eine Smartcard, mit der er auf das gesamte digitale Free-TV-Angebot von Kabel Deutschland zugreifen kann. Darüber hinaus können alle Mitglieder des Haushalts über ihre Fernsehgeräte analoges und mittels eines Digital Receivers digitales unverschlüsseltes Fernsehen anschauen. Weitere Smartcards kann der Kunde gegen einen einmaligen Kostenbeitrag von Kabel Deutschland beziehen. Ich denke, damit entsprechen wir den Bedürfnissen unserer Kunden.
Gibt es Verhandlungen mit RTL/ProSiebenSat1 bezüglich der Einspeisung des HD+-Paketes in Ihrem Kabelnetz? “
Kabel Deutschland befindet sich in Gesprächen mit beiden privaten Sendergruppen bezüglich einer vertraglichen Vereinbarung zur Einspeisung ihrer HDTV-Angebote ins Kabelnetz. Mehr kann ich dazu im Moment noch nicht sagen. Nur so viel: HDTV ist für die ganze Branche ein echter Quantensprung. JENS D. BILLERBECK“
Kabelmarkt Deutschland: historische Zersplitterung
-Mit 44,9 % Anteil am Markt der 19,8 Mio. Kabelhaushalte ist Kabel Deutschland der größte Kabelnetzbetreiber in Deutschland.
-KDG versorgt das gesamte Bundesgebiet mit Ausnahme der Bundesländer Baden-Württemberg (Kabel-BW) sowie Hessen und Nordrhein-Westfalen (Unitymedia).
- Als überregionaler Anbieter gehört KDG wie Unitymedia und Kabel-BW zur Netzebene 3 (NE3). Die Verteilung in Grundstücken und Gebäuden gehört dagegen der Netzebene 4 (NE4), die traditionell von einer Vielzahl kleiner und mittelständischer Unternehmen versorgt wird.
-Die im weltweiten Vergleich ungewöhnliche Zersplitterung des Kabelmarktes in Deutschland geht auf den ehemaligen Postminister Christian Schwarz-Schilling zurück: Beim Ausbau des Kabel-TV-Netzes der Telekom (ehem. Bundespost) sollte sich deren Monopol nur auf die NE3 erstrecken, in der NE4 sollte Wettbewerb möglich sein.
-Beim Verkauf des Telekom-Kabelnetzes kam es dann auf Druck des Kartellamtes zur Aufteilung unter den großen NE3-Anbietern. Mittlerweile findet in vielen Bereichen eine Vermischung der Netzebenen statt.
- Über eine durchgreifende Konsolidierung des Kabelmarktes, so Torsten J. Gerpott von der Uni Duisburg-Essen, werde zwar viel diskutiert, abgesehen von Eigentümerwechseln – wie zuletzt der Kauf von Unitymedia durch Liberty Global – tue sich hier derzeit aber wenig. jdb
Kabel Deutschland will noch vor Ostern an die Börse
-Die Aktien des größten deutschen Kabelnetzbetreibers sollen erstmals am 22. März gehandelt werden, wie aus dem am vergangenen Montag veröffentlichten Börsenprospekt hervorgeht. Mit einem Volumen von 700 Mio. € wäre es das größte Börsendebüt seit gut zwei Jahren.
-Die Einnahmen der Erstnotiz sollen ausschließlich an die Eigentümer gehen, dem Unternehmen selbst fließt kein neues Geld zu. Hauptaktionär ist der US-Finanzinvestor Providence, der seit Jahren beteiligt ist und 88 % an KDG hält.
-Zuvor war ein Verkauf von KDG an andere Private-Equity-Unternehmen an den Preisvorstellungen von Providence gescheitert. Die restlichen Anteilsscheine werden von einer kanadischen Pensionskasse sowie vom KDG-Management selbst gehalten.
-Der Börsengang wird von der Deutschen Bank, Morgan Stanley, J.P. Morgan und der UBS organisiert. Frühestens seit dem 11. März sollen die Aktien den Investoren zur Zeichnung angeboten werden, am 19. März soll die Frist enden. Insgesamt bietet KDG bis zu 45 Mio. Aktien – genau die Hälfte des Unternehmens. Bei großer Nachfrage könnten noch weitere 6,75 Mio. Papiere nachgelegt werden. rtr/jdb