Arbeitsmarkt: Setzen Unternehmer im Zuge der Krise den Rotstift an, dann nicht selten bei der externen Beratung. Lösungsorientierte Vorschläge lassen sich aber am besten von solchen Fachleuten unterbreiten, die "von außen" auf das Unternehmen schauen. Hoch im Kurs stehen derzeit Ingenieure, die aufgrund ihres Karriereverlaufs wissen, wovon sie reden. "Bei Projekten wie Kostenoptimierung und Restrukturierung werden erfahrene Spezialisten gesucht", weiß Klaus Reiners vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater. VDI nachrichten, Düsseldorf, 21. 8. 09, ws
Willi Burkhart hatte ein entspanntes Leben nach der Arbeit geplant. Rund 25 Jahre bei seiner letzten Station, einem großen Automobilkonzern, waren genug, der Vertrag für den vorzeitigen Ruhestand des damals 58-Jährigen längst unterzeichnet. Doch als Experte für Flurförderzeuge ließen die Angebote der Hersteller nicht lange auf sich warten.
Sein großer Erfahrungsschatz bei der Produkteinsatzplanung sorgte schon bald für Beraterverträge auf seinem Schreibtisch. Der Maschinenbau-Ingenieur verschob seinen Ruhestand und machte sich kurzerhand selbstständig.
Dass es inmitten der Krise glänzend bei ihm läuft, passt ins Bild: Ingenieure sind in der Beratung gesucht, erst recht, wenn es in den Unternehmen nicht mehr rund läuft. "Wir durchlaufen gerade einen Themenwandel", sagt Klaus Reiners, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU) in Bonn, "und bei Projekten wie Kostenoptimierung und Restrukturierung werden erfahrene Spezialisten gesucht."
Hier stehen Ingenieure hoch im Kurs, die auf Berufserfahrung verweisen können und Kunden schnell deutlich machen, dass sie ihr Handwerk verstehen.
Lange schien es zum guten Ton zu gehören, dass auch Firmenchefs aus kleineren Betrieben ein teuer erkauftes Gutachten eines Unternehmensberaters aus einer der unteren Schubladen ziehen konnten, allerdings stets mit dem gleichen Kommentar: "Davon haben wir nie etwas umgesetzt!"
Doch "in der Krise müssen sich beide Seiten infrage stellen, die Firmen mit ihrer strategischen Ausrichtung und natürlich auch die Berater mit ihren Modellen", meint Klaus Reiners.
Firmen wie Management Engineers in Düsseldorf sind für die neuen technischen Herausforderungen in der Beratung längst gerüstet. "Von unseren 170 Beratern sind 80 % Ingenieure und Naturwissenschaftler", erläutert der Sprecher der Geschäftsführung, Hans-Ulrich Stamer. Für sie ist der Beraterjob bereits die zweite Karriere, "denn wir legen großen Wert auf bereits vorhandene Führungskompetenz und Praxiserfahrung unserer Bewerber", so Stamer.
Auch in diesem Jahr planen Management Engineers, 30 neue Berater einzustellen. Bei bis zu 1000 Bewerbungen jährlich ist die Bewerbersuche unproblematischer als die Auswahl. "Nach der Vorauswahl setzen wir in einem strukturierten Prozess vor allem auf intensive Gespräche mit den verantwortlichen Partnern, um so die passenden Berater für uns herauszufinden."
Segeln im Mittelmeer oder Kletterkurse in den Alpen als Test von Teamfähigkeit und Durchsetzungsfähigkeit erscheinen aktuell nicht zeitgemäß auf der Suche nach sturmerprobten Beratern. Immerhin scheint das Image der Branche krisenfest, noch immer stehen drei große Beraterfirmen in den Top 12 der beliebtesten Arbeitgeber Deutschlands.
Doch mit Einsetzen der Krise stehen auch die Ausgaben für Consultingleistungen auf dem Prüfstand. "Die Strategieberatung rund um die Frage: Wo steht das Unternehmen in 20 Jahren? ist derzeit praktisch tot, vielmehr müssen Berater mehr denn je lösungsorientiert und unternehmerisch denken, um ihren Nutzen beim Kunden nachzuweisen", unterstreicht Hans-Ulrich Stamer.
Wenn bei Management Engineers der Berater von der Idee bis zur Umsetzung das Projekt begleitet, kann sich der Auftraggeber nicht mehr über nutzlose Konzepte in Schubladen beschweren.
Überhaupt steht derzeit das Potenzial von technischer Beratungsleistung, etwa bei Service und Dienstleistungen, hoch im Kurs. "In Zeiten der Finanzknappheit scheuen Kunden den Neukauf, sodass Wartung und Instandhaltung und damit die technische Beratung stark an Bedeutung gewinnen", beobachtet Philip Grothe, Partner bei Simon-Kucher & Partners in Bonn.
Auch deshalb erwarten Experten, dass Ingenieure ihren Stellenwert in der Beratung ausbauen können. "Es gibt heute kaum noch Projekte ohne technische Aspekte, und hierfür brauchen Sie Experten", bestätigt Klaus Reiners vom BDU.
Nur Gehaltssprünge und hohe Zuwachsraten bei den Neueinstellungen kann er nicht versprechen. Noch 2008 stieg der Umsatz der Beraterbranche um 10,7 % auf 18,2 Mrd. €. Größter Klient war das verarbeitende Gewerbe, das rund ein Drittel aller Aufträge vergab.
Willi Burkhart hat unterdessen sein selbstgestecktes Jahresziel schon nach sieben Monaten fast erreicht, und das trotz Krise. Erst neulich gewann der Bochumer Ingenieur gegen drei Mitbewerber einen Großauftrag. Burkhart blieb nach seiner Präsentation noch drei Tage länger und besuchte jeden Tag das Werk des Kunden. Er sprach mit vielen Beteiligten, hörte zu, machte Vorschläge und bekam am Ende den Auftrag. Auch das ist eine Beratererfahrung in der Krise: An Geduld bei Problemlösungen spart man besser nicht. ANDREAS LEIMBACH
Mehr Berater – weniger Beratungsfirmen
-2008 arbeiteten in Deutschland knapp 86 000 Unternehmensberater, ein Plus zum Vorjahr von 9,5 %. Die Zahl der Unternehmensberatungen sank dagegen um 4,5 % auf 13 600. Der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) erklärt den Rückgang damit, dass vor allem ältere Einzelberater, unter ihnen viele Ingenieure, ihr Geschäft oft ohne einen Nachfolger aufgeben. Besonders hohen Beratungsbedarf sieht der BDU bei Projekten zur Kostenreduzierung, zum Risikomanagement sowie zur Differenzierung beziehungsweise Anpassung von Geschäftsmodellen. Im Jahr 2008 stieg der Umsatz in der Beraterbranche zweistellig um 10,7 % auf 18,2 Mrd. € (2007 waren es 16,4 Mrd. €). A.L.