Hochschule: "Die Studierenden in Deutschland sind mit den Zielen des Bologna-Prozesses einverstanden", sagt Rolf Dobischat. Sie wollten rascher, praxisnäher und vor allem erfolgreich studieren. Der Präsident des Deutschen Studentenwerkes kritisiert jedoch, dass die Interessen der Studierenden bei der Umsetzung der Reformen kaum berücksichtigt wurden. Zudem habe die Politik den Fehlschluss gezogen, neue Strukturen und Inhalte seien kostenneutral zu bewerkstelligen. "Desaströs" nennt Dobischat die hohe Abbrecherquote bei den Ingenieurwissenschaften an den Fachhochschulen. VDI nachrichten, Düsseldorf, 19. 3. 10, ws
VDI nachrichten: Wurden die Studenten und ihre Probleme in den vergangenen Jahren von Politik und Wissenschaft in gebührendem Maße wahrgenommen?
Dobischat: Definitiv nicht. Die Hochschulpolitik in Deutschland hing einem Zerrbild der Studierenden nach: sorgenfrei, vollfinanziert, einzig und allein aufs Studium konzentriert - "brains on legs". Dass wir ein sozial extrem selektives Hochschulwesen haben, dass ein Drittel der Studierenden jobben muss, dass ein Viertel faktisch in Teilzeit studiert, dass wir 7 % Studierende mit Kind haben - all das interessierte herzlich wenig. Die wirtschaftliche und soziale Realität der Studierenden, belegt in den Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks, spielte so gut wie keine Rolle. Die Betreuungsrelation von Professoren zu Studierenden ist immer noch 1:60. Viel Geld fließt in die Forschung, aber viel zu wenig in die Lehre, und überhaupt kein zusätzliches für Bachelor- und Masterstudiengänge. Was nützt es den Studierenden, an einer forschungsstarken Elite-Uni zu studieren, wenn die Lerngruppen zu groß sind?
Haben die deutschen Hochschulen die Reformen im Interesse ihrer Studierenden umgesetzt?
Der Bologna-Prozess müsste sich an den Studierenden ausrichten, nicht umgekehrt. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus. Die Studierenden sind 2009 zu Recht gegen schlecht gemachte Bachelor auf die Straße gegangen. Sie sind mit den Zielen des Bologna-Prozesses einverstanden, sie wollen rascher, praxisnäher und vor allem erfolgreich studieren. Die jüngste Bachelor-Studie der Bundesregierung aber zeigt: Es gibt erhebliche Defizite bei der Organisation, der Transparenz und beim Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden. Die Studierenden machen sich Sorgen um ihre Finanzierung, um ihre Arbeitsmarktchancen, um den Übergang zum Master. Das muss man ernst nehmen! Die Reformen wurden mit deutscher Gründlichkeit vermurkst, die Studierenden sind die Leidtragenden. Deshalb ist es richtig, sie nun stärker in den Reformprozess einzubinden.
In Deutschland hat Bologna einen Geburtsfehler: Man dachte, die Studiengänge kostenneutral oder sogar als Sparprogramm einführen zu können. Die Hochschulen haben bisher keinen Cent zusätzlich für Bachelor/Master gekriegt - und die Studentenwerke haben keinen Cent zusätzlich bekommen, um die dringend nötige studienbegleitende Beratung auszubauen.
Bieten die aktuellen - vor allem finanziellen - Gegebenheiten geeignete Voraussetzungen, um so genannte bildungsferne Gruppen für ein Studium zu begeistern?
Nein. Das Bafög wird zwar ein zweites Mal erhöht, auch als Reaktion auf die Studierenden-Proteste von 2009. Aber bei den Bafög-Freibeträgen, über die die Zahl der Geförderten definiert wird, wünschen wir uns eine Erhöhung auf mindestens 5 %. Die Bundesregierung sieht nur 3 % vor. Man darf aber nicht nur aufs Bafög allein schauen, als klassisches Instrument für mehr Chancengleichheit. Man muss auf die Hochschulpolitik insgesamt blicken, und da haben wir mit Studiengebühren, fast flächendeckenden NCs und einer unüberschaubar gewordenen Vielzahl von spezialisierten Bachelor-Studiengängen alles andere als gute Voraussetzungen, um junge Menschen aus bildungsfernen Familien für ein Hochschulstudium zu begeistern. Wir brauchen eine soziale Öffnung der Hochschulen, aber das sehe ich derzeit nicht einmal in Ansätzen.
Liegen dem Deutschen Studentenwerk Hinweise vor, dass Studierende größerem Leistungsdruck ausgesetzt als vor Bachelor und Master?
Ja. Mit fast 80 000 Beratungskontakten verzeichneten die psychologischen Beratungsstellen der Studentenwerke 2008 einen deutlichen Anstieg von mehr als 20 % gegenüber dem Jahr 2007. Die häufigsten Themen: Lern- und Arbeitsstörungen, Leistungsprobleme, Arbeitsorganisation und Zeitmanagement, Prüfungsangst, depressive Verstimmungen, Identitäts- und Selbstwertprobleme.
Mehr als 23 000 Studierende ließen sich 2008 in Einzel- oder Gruppengesprächen psychologisch beraten. Aber ich sage auch: Der Bachelor macht nicht per se krank oder depressiv. Er erhöht definitiv den Leistungs-, den Prüfungs- und den Zeitdruck.
Dass Studierende im engen Zeitkorsett stecken, macht angesichts "ewiger Studenten" früherer Jahre Sinn, oder?
Den Bummel- oder Langzeitstudenten gibt es nicht mehr, und das ist gut so. Ich warne davor, die alten Studiengänge oder die Vor-Bachelor-Zustände an unseren Hochschulen nachträglich zu glorifizieren oder gar als Argument gegen Bachelor/Master zu verwenden. Die stärkere Strukturierung und auch die zeitliche Straffung tut vielen Studiengängen und vielen Studierenden gut, gerade in den Geistes- und Kulturwissenschaften, wo dank Bachelor die Abbruchquoten gesunken sind.
Technische Studiengänge waren schon in der Vergangenheit stärker strukturiert als etwa die Geisteswissenschaften. Sind die Ingenieurwissenschaften von Bologna also kaum betroffen?
Doch, aber leider auch negativ, denn das Gegenbeispiel zu den Geistes- und Kulturwissenschaften sind just beim Thema Studienabbruch die natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge, wie die jüngste Studienabbruch-Studie des Hochschul-Informations-Sytems gezeigt hat. Bei den Ingenieuren, gerade an den Fachhochschulen, ist die Abbrecherquote wegen Bachelor auf 39 % hochgeschnellt. Das ist desaströs, zumal gerade diese Studiengänge von jungen Menschen aus bildungsfernen Familien bevorzugt werden.
Begrüßen Sie die Tendenz weg von hoher Wissenschaftlichkeit hin zu berufsnaher akademischer Ausbildung, vor allem in den Ingenieurwissenschaften?
Pardon, aber an den Fachhochschulen waren die Ingenieurwissenschaften schon immer stark anwendungs- und berufsbezogen, und das ist ihre Stärke. Ich bin kein Ingenieur, sondern Berufs- und Bildungsforscher. Als Hochschullehrer sage ich: Man kann sicher auch Ingenieur-Bachelor-Studiengänge an Universitäten so konzipieren, dass sie den Studierenden eine hohe wissenschaftliche und Methoden-Kompetenz bringen. Insofern weiß ich nicht, ob sich die Abwehrkämpfe gegen den Bachelor und das Hochhalten des Dipl-Ing. wirklich lohnen.
Welche inhaltlichen und strukturellen Änderungen schlagen Sie vor, um die Bologna-Reformen auch im Sinne der Studierenden effizient zu reformieren?
Die neuen Strukturvorgaben der Kultusministerkonferenz gehen in die richtige Richtung: weniger Prüfungen, weniger vollgepackte Module, weg von der Fixierung auf sechssemestrige Bachelor. Wir brauchen jetzt aber einen verbindlichen Fahrplan mit konkreten Zielen, und diesen Fahrplan müssen vor allem die Hochschulen aufstellen. Es darf nicht sein, dass noch eine Generation von Studierenden in schlecht konzipierten Bachelor-Studiengängen stecken muss. WOLFGANG SCHMITZ
Zur Person
Rolf Dobischat, 59, ist Professor für Wirtschaftspädagogik mit dem Schwerpunkt Berufliche Aus- und Weiterbildung an der Universität Duisburg-Essen und seit 2006 Präsident des Deutschen Studentenwerks (DSW). Der Bildungsforscher hat über den zweiten Bildungsweg akademische Karriere gemacht. Nach einer Lehre zum Industriekaufmann erwarb er parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit die Hochschulreife von 1971 bis 1977 studierte er Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspädagogik und Sozialwissenschaften in Kassel, Marburg und Göttingen. dsw