VDI nachrichten Logo
     

Wissenschaft: Ingenieur-Professoren wollen sich bei Bologna-Prozess nicht mit "Curricularisierung" anfreunden

Deutscher Dr.-Ing. im Europa-Format

VDI nachrichten, Bonn, 25. 2. 05 -Reine Wissenschaft oder Praxiserfahrung - darüber streiten sich die Wissenschaftsgemüter bei der Ausgestaltung des internationalen Maßstäben anzupassenden Doktorgrades. Die Ingenieurwissenschaften tun sich bei der Umsetzung schwer.

Bachelor, Master und dann für die Besten der PhD, ein internationaler Doktorgrad. So stellen sich die europäischen Bildungsminister seit ihrer Berliner Konferenz 2003 die Qualifikationsstufen im gemeinsamen Hochschul- und Forschungsraum vor.
Auch die Ingenieurwissenschaften in Deutschland richten sich in der Lehre auf die beiden ersten Abschlüsse ein. Mit dem neuen Doktor tun sie sich aber schwerer. Peter Pirsch, Vorsitzender des VDI-Bereichs Ingenieuraus- und Weiterbildung, sagt: "Unser Standarddoktorand ist hauptberuflich in ein größeres Forschungsvorhaben eingebunden, in dem er neben der Fachwissenschaft zusätzlich Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit und Mitarbeiterführung, Mitteleinwerbung, Projektverantwortung und Produktvermarktung lernt. Der gesamteuropäische PhD-Rahmen darf nicht ausschließen, dass wir den Ingenieurnachwuchs nach wie vor über bewährte deutsche Verfahren zur Promotion führen."
Demgegenüber fehlt in der traditionellen, angelsächsischen PhD-Ausbildung die mehrjährige Erfahrung mit der Wirtschaft. Der Absolvent ist ein reiner Akademiker. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Peter Gaehtgens, spricht generell von "einer deutlichen Tendenz zur weit gehenden Curricularisierung" der neuen Doktorandenausbildung durch Unterrichtsveranstaltungen auf höchstem Niveau. Ein Musterbeispiel hier zu Lande ist das vierjährige PhD-Programm in Economics an der Uni in Frankfurt. Vorausgesetzt wird ein sechssemestriges, also typisches Bachelorstudium. Das PhD-Kursprogramm legt "in den ersten beiden Studienjahren einen starken Akzent auf die Lehre". In dieser Phase, so Prof. Michael Binder, sollen sich die Studierenden "in gegenwärtige Forschungsthemen einarbeiten und ihr individuelles Promotionsthema finden".
Vor diesem Hintergrund erklärt Johann-Dietrich Wörner, Präsident der TU Darmstadt, unmissverständlich: "Eine curricular bestimmte Promotion lehnen wir für Ingenieure ab." Wolfgang Bleck, Prorektor für Struktur, Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs an der RWTH Aachen, ergänzt: "Das Studium endet mit dem Diplom" oder neuerdings dem Master. "Die Zusatzqualifikationen für Führungsaufgaben in der Industrie lernt man nicht im Hörsaal, sondern am besten auf einer Vollzeit-Mitarbeiterstelle mit Promotionsmöglichkeit", wie im Kraftfahrwesen.
Das gleichnamige Aachener Institut beschäftigt sieben Doktoranden auf Hochschulstellen, aber mehr als drei Dutzend über die industrielle Auftragsforschung. Der Akademische Direktor Jan-Welm Biermann, zugleich Koordinator der Thai-German Graduate School of Engineering: "Was die Nachwuchskräfte bei uns in der Promotionsphase ohne curriculares Drumherum lernen, ist alles, was sie für die Karriere brauchen. Fragen Sie unsere Doktoren und die Personalchefs in den Firmen."
Hochschuleigene Nachwuchsstellen werden wegen des amtlichen Sparkurses immer rarer. Außer Industriepartnern mit promotionsreifen Forschungsthemen kommt für Doktoranden sonst vor allem noch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in Frage. Auf Antrag von Professoren fördert sie auf verschiedenen Wegen im Jahr gut 2000 Wissenschaftlerstellen für Ingenieure, von denen die meisten auch den Doktor machen. Speziell für die Promotion sind "Graduiertenkollegs" mit derzeit rund 300 Ingenieur-Stipendiaten gedacht.
Der zuständige DFG-Referent Jörg Schneider erläutert: "Die Stipendiatenzahl ist im Vergleich mit anderen Fachrichtungen unterdurchschnittlich. Sie ist aber finanziell zu erklären: Für monatlich 1000  € auf höchstens drei Jahre lassen sich schwerlich exzellente Ingenieure finden." Um die Besten fürs Graduiertenkolleg zu gewinnen, können die Hochschulen in Mangelfächern wie den Ingenieurwissenschaften seit vorigem Jahr ganze Stellen beantragen, mehr als doppelt so hoch dotiert wie das Normalstipendium.
"Wir fördern nur Forscher", betont Jörg Schneider für die DFG, "wir fördern nicht angehende Industriemanager in ihren Geschäfts- und Führungsfähigkeiten." Der Kollegiat soll beispielsweise schon nach drei Jahren mit der Dissertation fertig sein und nicht wie etwa der Standard-Doktorand am Aachener Institut für Kraftfahrwesen erst nach vier oder fünf. Er soll während der drei Jahre in einem "Studienprogramm" von etwa sechs Semesterwochenstunden seine wissenschaftliche Basis möglichst interdisziplinär verbreitern, sich im Übrigen aber voll auf die Doktorarbeit konzentrieren.
VDI-Experte Pirsch kommentiert: "Der Doktor aus dem Graduiertenkolleg kommt dem PhD am nächsten, auch im Alter. Beide sind in der Regel noch in den 20ern und nicht wie unsere bisherigen Standarddoktoren um die 30." Weiterer Unterschied: "Vom Graduiertengeld kann ich meine Nachwuchskräfte nicht auf große internationale Kongresse schicken, um sich zu präsentieren und zu vernetzen."
Am Ende wird sich im Wettbewerb unter den öffentlichen und privaten Förderern klären, wie durchsetzungsfähig die unterschiedlichen Ausbildungsprofile des Dr.-Ing. wirklich sind.HERMANN HORSTKOTTE
www.vdi.de

Artikelbewertung

lesenswert 1 2 3 4 5 6 nicht lesenswert

Gerne können Sie der VDI nachrichten Redaktion auch Ihr Feedback zu diesem Artikel mitteilen. Ihre Meinung

Top Ten
 
Copyright © 2010 VDI Verlag GmbH | Impressum