VDI nachrichten, 23.8.2002
Zwar nicht aus allen Wolken gefallen, aber doch auf dem Boden der Tatsachen
angekommen: Nach Venture Capital Gesellschaften werden jetzt auch Business
Angels investitionsmüde.
Auch himmlische Geldgeber schweben nicht über allen irdischen Dingen. Die
anhaltende Konjunkturflaute nimmt auch ihnen den Wind aus den Flügeln. Im Sog
der Kapitalmarktkrise fallen sie in ein Stimmungstief. Laut Business Angels
Panel bewerten nur noch 11 % ihre Geschäftslage mit sehr gut. Im 1. Quartal
waren dies noch 26 %. Jeder fünfte der 28 befragten Privatfinanzierer beurteilt
die Situation mit sehr schlecht. Ihr Anteil hat sich damit innerhalb von drei
Monaten verdreifacht. Mit bestehenden Beteiligungen "sehr zufrieden oder
zufrieden" sind nur noch 17 % (1. Quartal: 23 %). "Kaum oder gar nicht
zufrieden" sind 31 %. Ihr Anteil hatte zuletzt bei nur 22 % gelegen. Wenig
erfreulich auch der Blick in die Zukunft: Die Optimisten haben ihre Mehrheit
verloren. Nur noch 48 % (zuvor 59 %) konstatieren sehr gute
Geschäfts-aussichten.
Ihre potenziellen Schützlinge, die Gründer, scheinen den Kopf in den Sand zu
stecken. Beglückten sie jeden Engel im ersten Quartal noch mit durchschnittlich
39 Businessplänen, waren es in den Monaten von April bis Juni nur noch 23.
Intensiv zur Brust genommen haben sich die Adressaten davon fünf. (Vorquartal:
sieben). Wer jetzt glaubt, die Masse sei zugunsten der Klasse dezimiert worden,
der irrt. Jedenfalls führte jeder Engel nur drei Beteiligungsgespräche - im
Vorquartal waren es noch vier. Herausgekommen ist dabei wenig. Rein rechnerisch
gingen die Panelteilnehmer nur 0,21 (0,7) neue Beteiligungen ein. Hauptgrund
für gescheiterte Gespräche war die mangelnde Qualifikation des Teams - mehr als
jedes vierte Betreuungsgesuch scheiterte daran. Zu Jahresbeginn waren es nur 11
%. Der zweitgrößte Stolperstein auf dem Weg zum himmlischen Beistand war das
Geschäftsmodell. In fast jedem fünften Fall sahen die Engel darin wenig
Zukunft. In noch immer stattlichen 15 % aller Fälle war der Businessplan
unrealistisch. Sonstige Gründe für das Scheitern von Beteiligungsgesprächen
waren u. a. mangelnde Bereitschaft der Gründer, eigenes Kapital aufzubringen,
Zeit- und Geldmangel der Engel oder das Abspringen von Finanzierungspartnern.
Die wenigen Gründer, die sich am Füllhorn der Engel laben durften, heimsten
durchschnittlich 221 875 Euro ein - eine Steigerung um rund 33 000 Euro im
Vergleich zum Vorquartal. Begünstigt waren aber vor allem "alte Gründer". 54 %
aller Gelder flossen in Follow-up-Investments - und das, obwohl die meisten der
Beteiligungsanfragen von Unternehmen aus der Seed-Phase stammten. Wegen des
"Durchfütterns" bestehender Beteiligungen hat sich an der durchschnittlichen
Gesamtzahl der vorhandenen Investments je Engel nichts getan: Sie liegt wie im
1. Quartal bei sechs. Mit einem Anstieg dieser Zahl ist so bald nicht zu
rechnen: Der Anteil des für Angel-Investitionen frei verfügbaren Kapitals ist
zuletzt gesunken. Im Durchschnitt sind bereits 57 % verplant. Im Vorquartal
waren es erst 48 %.
Der weitaus größte Teil bestehender Beteiligungen - fast jede zweite - hat ein
Volumen von unter 10 %. Erstaunlich: Gleichzeitig ist beinahe jedes vierte
Engagement eine Mehrheitsbeteiligung. "Das war aber sicher nicht von Anfang an
so", kommentiert Dr. Ute Günther, Vorsitzende des BAND (Business Angels
Netzwerk Deutschland). "Das wird erst im Laufe der zweiten oder gar dritten
Finanzierungsrunde entstanden sein. In diesen Fällen sind die Business Angels
für die zurückhaltend investierenden Venture Capital Gesellschaften
eingesprungen."
Attraktiv für Business Angels sind laut Panel auch im 2. Quartal wieder Neue
Materialien und die Medizintechnik. Einen deutlich schwereren Stand bei der
Kapitalakquise dürften hingegen Anbieter von EDV-Hardware haben. Auch
Finanzdienstleister werden derzeit eher skeptisch beäugt. Sie bilden auch bei
der Bewertung bestehender Beteiligungen das Schlusslicht. Nicht viel besser
sieht es bei eingegangenen Umwelttechnologie-Engagements aus - Note:
"schlecht". Das Prädikat "sehr gut" heimst allein die Industrie-Automation ein.
Damit die Zukunft einfacher wird, fordern die Engel Reformen. Ganz oben auf der
Wunschliste stehen Steuersenkungen, gefolgt von einem Plus an öffentlicher
Förderung.
STEFAN ASCHE