VDI nachrichten, Düsseldorf, 20.02.04
Gründer haben wieder bessere Chancen, Geld und Know-how von privaten
Wagniskapitalgebern zu bekommen. Besonders gute Karten haben Anbieter Neuer
Materialien. Stark gestiegen in der Investorengunst sind Biotech-Anbieter.
Ergebnisse der Umfrage von BAND, WHU und VDI nachrichten.
"Die Marktstimmung hat sich verbessert, Gründungsideen sind gereift, die
Bewertungen der Unternehmen relativ günstig." Für den privaten
Wagnisfinanzierer Tobias Kollmann ist es nicht verwunderlich, dass seine
Kollegen derzeit besser gelaunt sind denn je. Im jüngsten Business Angels Panel
vergaben die insgesamt 25 Teilnehmer gleich zwei neue Rekordmarken. Die
Geschäftslage wurde auf einer Skala von 1 (= sehr schlecht) bis 7 (= sehr gut)
mit durchschnittlich 4,3 bewertet. Bei den Geschäftsaussichten reichte es sogar
für einen Wert von 5,3. Kollmann: "Es gibt ein neues positives Denken. Wir
haben die zurückliegende schwere Zeit abgehakt und wollen jetzt neu
durchstarten." Getragen werde der Tatendrang etwa von der steigenden
Investitionsbereitschaft im IT-Sektor. Vom Hickhack um den stets weiter
eingedampften Hightech-Masterplan der Regierung lässt sich der Inhaber des
Lehrstuhls für E-Business an der Universität Kiel nicht beirren. "Im Moment
wird weit gehend losgelöst von politischen Gegebenheiten gehandelt.
Entscheidend sind die Renditechancen."
Um so erstaunlicher ist es - zumindest auf den ersten Blick - dass die Zahl
der geführten Beteiligungsgespräche auf einen neuen Tiefstwert gesunken ist.
Grund dafür kann die niedrige Zahl der eingereichten Businesspläne sein. Ein
Grund zur Besorgnis sieht Kollmann darin aber nicht. "Es wird nicht mehr auf
die Schnelle eine Idee zu Papier gebracht. Jetzt treten nur noch wirklich
entschlossene Gründer an." Und deren Chancen auf eine Finanzierung sind
gestiegen. Die Zahl der neuen Deals hat sich fast verdoppelt - wenn auch auf
niedrigem Niveau. Rein rechnerisch unterschrieb jeder Engel 0,36
Beteiligungsverträge. In den beiden Vorquartalen waren es nur 0,2, zum
Jahresanfang gar nur 0,1. Gute Nachrichten auch für Gründer in spe: Der Anteil
des für Angel-Investitionen vorgesehenen Kapitals blieb konstant: Noch immer
hat jeder Engel knapp 35 % seiner Mittel nicht vergeben.
Deutlich gestiegen ist die durchschnittlich pro Engel investierte Summe. Mit
59 667 Euro stieg sie erstmals seit anderthalb Jahren kräftig an. In den beiden
Vorquartalen lag sie jeweils bei nur gut 34 000 Euro. Geschuldet ist dies aber
zum Großteil dem Engagement eines einzelnen Investors, der insgesamt 450 000
Euro springen ließ. Vom allmählich wiederbelebten Geldsegen profitieren konnten
erstmals seit Jahresfrist wieder vor allem Neulinge im Portfolio: Von jedem
ausgegebenen Engel-Euro flossen 60 Cent in die Kassen von Erstinvestments.
Zuvor waren es nur gut 20 Cent. "Sowohl die Geschäftsideen als auch die
Businesspläne sind deutlich besser geworden", erklärt der Hamburger Business
Angel Wilfried H. H. Remmers. "Und für Erfolg versprechende Konzepte wird
natürlich auch wieder mehr Kapital frei geschlagen."
An der durchschnittlichen Anzahl der pro Engel gehaltenen Beteiligungen hat
sich unterdessen wenig getan. Sie liegt wie in den Vormonaten bei gut 3.
Herausstechend ist dabei wieder ein einzelner Panelteilnehmer, der 19 Start-ups
unter seinen Fittichen hat.
Unverändert blieb auch der Hauptexitkanal: Über 70 % der Betriebe endeten im
Nirwana. Zwei Gründer kauften ihre Anteile am Betrieb zurück. Trade Sales oder
gar Börsengänge - die von Engeln bevorzugten Ausstiegvarianten - wurden in
keinem Fall realisiert.
Beste Chancen, unter die Fittiche der Mentoren zu kommen, haben Gründer aus
dem Bereich Neue Materialien. Wie in den beiden Vorquartalen belegen sie den
Spitzenplatz in der Investorengunst. Es folgt die stark aufholende
Biotechnologie. Karl Klamann, Vorstandsvorsitzender der Medizintechnik-AG
HumanOptics, steht diesem Trend allerdings skeptisch gegenüber "Biotechs haben
noch nicht bewiesen, für Business Angels lukrativ zu sein. Viele ihrer Produkte
sind noch lange in der Pipeline. Und als Exitvariante wird fast ausschließlich
ein Trade Sale angestrebt. Die dabei anvisierten Riesen aber haben die große
Auswahl. Entsprechend gering werden die Erlös-Chancen des Kleinen sein."
STEFAN ASCHE