Bei den privaten Wagniskapitalgebern in Deutschland schwindet der Optimismus. Das ist ein Ergebnis des Business
Angels Panel für das 1. Quartal 2005. 26 Teilnehmer stuften ihre Geschäftsaussichten auf einer Skala von 1
(=sehr schlecht) bis 7 (=sehr gut) mit durchschnittlich 4,73 Punkten ein. Vor einem Jahr lag der Wert noch auf
dem Rekordniveau von 5,4.
Als möglichen Grund für diese Eintrübung nennt der Braunschweiger Investor Dr. Raymund Vorwerk die fehlende
Exitperspektive. "Venture Capitalists agieren nach wie vor zurückhaltend. Und wenn sie dann mal in ein
Unternehmen einsteigen, dann lassen sie einen dort bereits engagierten Engel nicht mehr raus. Statt ihn
auszubezahlen, wird sein Know-how weiter genutzt. Und sein Anteil wird in den folgenden Finanzierungsrunden
zunehmend verwässert." Auf die Stimmung drücke außerdem die fiskalische Benachteiligung von privatem
Wagniskapital. "Wer Aktien kauft und ein Jahr hält, zahlt keine Steuern. Wer hingegen junge Unternehmen
unterstützt, wird meist kräftig zur Kasse gebeten."
Die Gründer schreiben unterdessen weiter fleißig Businesspläne. Im Durchschnitt fand jeder Engel im ersten
Quartal des Jahres 12,7 Geschäftsideen in seinem Postkasten. Mehr waren es zuletzt vor zwei Jahren.
Zurückzuführen ist dieser "Boom" auf einen scheinbar besonders beliebten Investor. Er erhielt rechnerisch jeden
Tag eine Sendung!
Masse ist aber nicht gleich Klasse. Über 60% der eingereichten Konzepte überstanden nicht einmal eine grobe
Sichtung der Engel. Und in ein Beteiligungsgespräch mündeten nur knapp 20%. "Den meisten Ideen fehlt ein
Alleinstellungsmerkmal", so Vorwerk. "Bei anderen gibt es Probleme mit der Sicherung oder Übertragung des
geistigen Eigentums." Oder die Technologie sei schlicht zu kapitalintensiv.
Trotzdem ist die Zahl neuer Beteiligungen stark gestiegen. Rein rechnerisch stellte jeder Engel 0,44
Unternehmen Kapital zur Verfügung. Zuletzt lag der Wert bei 0,29. Ein genauerer Blick auf die Berechnung zeigt
allerdings, dass der vermeintlich positive Trend nur einem einzelnen Investor zu verdanken ist. Er alleine
überwies an gleich fünf Jungunternehmen Geld.
Den Gürtel ihrer Spendierhosen wollen die Engel künftig nicht enger schnallen. Jedenfalls sind nach wie vor
erst gut 60% der für Beteiligungsdeals vorgesehenen Mittel investiert.
Was die Engel ihr Eigen nennen, sind ausschließlich Minderheitsbeteiligungen. 62% aller abgeschlossenen Deals
haben gar nur ein Volumen von weniger als 10% des Unternehmenswertes.
Deutlich zurückgegangen ist der durchschnittlich pro Engel und Quartal investierte Betrag. Er fiel von zuletzt
knapp 156 000 € auf 47 000 €. Diese Entwicklung ist allerdings weniger dramatisch, als es zunächst scheint. Die
Zahlen des gesamten Vorjahres wurden verzerrt durch einzelne, sehr gebefreudige Investoren. Einer machte
jeweils über 1 Mio. € locker. Das ist ungewöhnlich viel. In der aktuellen Erhebung belief sich der
Maximalbetrag auf vergleichsweise bescheidene 200 000 €.
Zum zweiten Mal in Folge gefallen ist der Anteil der Erstinvestments. Nur noch gut jeder dritte Euro floss in
eine A-Runde. Der Rest kam Unternehmen zu Gute, die den Einzug in ein Portfolio schon geschafft haben. Das ist
bedenklich - zumal sich auch Venture Capital-Gesellschaften zusehends um Bestandpflege und weniger um eine neue
Brut kümmern. Es stellt sich die Frage, woher der Unternehmernachwuchs künftig kommen soll.
Angesichts des geringen Interesses an jungfräulichen Engagements verwundert es nicht, dass sich die
durchschnittliche Portfoliogröße bei den Engeln kaum verändert hat. Noch immer hat jeder Privatinvestor
durchschnittlich gut vier Küken unter seinen Fittichen. Daran konnte auch die traurige Exitbilanz nichts
ändern. Insgesamt gab es nur vier Portfolioabgänge - drei davon blutig, also in Form einer Abschreibung. Eine
so hohe Ausfallquote hat es seit über einem Jahr nicht mehr gegeben.
Beste Chancen auf himmlisches Kapital haben die Anbieter von Medizintechnik. 61% der Privatinvestoren halten
Geräte zur Gesundheitsförderung für attraktiv. Beim Evergreen "Neue Materialien" reichte es erstmals seit 9
Monaten nur noch zu Rang 2. Allerdings hält noch immer jeder zweite Engel die Branche für ein interessantes
Geschäftsfeld.
Erneut schlechte Karten haben die Anbieter von Hardware. Über 50% der Investoren wollen damit lieber nichts zu
tun haben. Allerdings ist die Spannbreite der Einschätzungen groß. Einige halten Rechner und Kabel für ein
durchaus lohnendes Tätigkeitsgebiet.
Unter die Fittiche von Engeln wollten - wie in den Vorquartalen auch - vor allem ganz junge Küken. 55% aller
Beteiligungsanfragen stammten von Unternehmen in der Seed-Phase. Gesucht wurde also Geld, um aus einer Idee
einen ersten Prototypen zu entwickeln.
Sind die Engel erstmal im Unternehmen engagiert, stehen sie hier mit Tat und Rat den Gründern zur Seite: Der
größte Teil ihrer Tätigkeit entfällt auf operative Mitarbeit (22 Stunden pro Monat), knapp gefolgt von
Consulting (19,4 Stunden).
STEFAN ASCHE
Weitere Ergebnisse des Panels:
Die Bundesregierung will die Steuern für Kapitalgesellschaften senken. Das ist im Prinzip zu begrüßen.
Gegenfinanziert werden soll die Entlastung allerdings mit einer veränderten Mindestbesteuerung. Es wird
erwogen, die Anrechnung von Verlusten auf 50% des Gewinns zu begrenzen und nicht wie bisher auf 60%. Das träfe
vor allem junge Hightech-Unternehmen - schreiben diese doch in aller Regel hohe Anfangsverluste. Die Teilnehmer
des Business Angels Panel sind sich in der Beurteilung dieses Plans einig: Alle lehnen ihnen ab! Die schon
jetzt schwierige Finanzsituation kapitalintensiver Start-ups werde zusätzlich belastet, Investitionen würden
erschwert und Gründungen dadurch noch unattraktiver.
Auch der Plan der Bundesregierung zur Veränderung des Halbeinkünfteverfahrens wird von den meisten Engeln (65%)
abgelehnt. Zur Erinnerung: Noch wird die Steuerlast von Kapitalgesellschaften gleichmäßig zwischen dem
Unternehmen und seinen Gesellschaftern aufgeteilt. Künftig sollen die natürlichen Personen vergleichsweise
stärker belastet werden. Das könnte ein Anreiz für die Unternehmen sein, weniger Gewinne auszuschütten. Einmal
investiertes Kapital flösse nicht mehr in den Markt zurück.
69% der Panel-Teilnehmer halten die Einführung der geplanten "Startothek" für sinnvoll. Die Datenbank soll
sämtliche Gesetze und Vorschriften enthalten, die für Start-ups wichtig sind - von Arbeitsschutz bis
Steuerrecht. Bedient werden soll die Plattform zunächst von Gründungsberatern. Diese Einschränkung trifft bei
einigen Engeln auf Unverständnis. Viele fordern, die über 46.000 Regelungen auszudünnen, statt sie neu zu
verwalten.
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