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Donnerstag, 21. März 2019

Veranstaltung

Vielfältige Annäherung an ein ungewöhnliches Thema

Von Peter Steinmüller | 14. März 2019 | Ausgabe 11

Die Technikgeschichtliche Tagung beschäftigte sich in diesem Jahr mit den komplexen Wechselbeziehungen von „Technik und Militär“.

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Foto: Universal History Archive/UIG/Getty Images

Der Untergang des Kriegsschiffes SMS Großer Kurfürst und seine politischen Konsequenzen waren Thema der Technikgeschichtlichen Tagung.

Soldat und Techniker sind im Englischen nicht auseinanderzuhalten. Das Wort „Engineer“ bezeichnet sowohl den Pionier als Angehörigen einer Waffengattung wie auch den Ingenieur. Welche weiteren Gemeinsamkeiten, aber auch Spannungsverhältnisse es zwischen beiden Fachgebieten gibt, beleuchtete die Technikgeschichtliche Tagung des VDI Ausschusses Technikgeschichte vergangene Woche in Hannover. Dass man sich mit „Technik und Militär“ ein eher ungewöhnliches Thema ausgesucht habe, merkte Tagungsleiter Christian Kehrt von der TU Braunschweig an: „Militär ist bei Technikhistorikern eher unbeliebt.“

Dass das von der Wissenschaft vernachlässigte Thema sehr fruchtbar ist, zeigte etwa der Vortrag von Adelheid Voskuhl von der University of Pennsylvania, die Ingenieurzeitschriften aus der Zeit des Ersten Weltkrieges auswertet. Dabei stieß sie auf einen Aufsatz von Heinrich Reisner, der später das Haus der Technik in Essen gründete. In dem Text von 1914 verweist Reisner auf die engen Verbindungen zwischen Bauingenieurwesen und Heereswesen, denn „das Bauingenieurwesen ist das Gebiet (...) der Beherrschung des Raumes“. Die angeblich eingetretene Proletarisierung des Ingenieurstandes hätte Reisner zufolge verhindert werden können, wenn man „den alt geachteten Offiziersrang des Ingenieurs im Heere richtig erfasst und zu werten gewusst haette“. Voskuhle zufolge illustriert der Text, wie sich die aufstrebende Berufsgruppe der Ingenieure bei ihrer Identitätssuche an den Eliten in Militär und Staatswesen orientiert habe. Die Diplomingenieure mit ihrer akademischen Ausbildung hätten Wege gesucht, sich den humanistisch gebildeten Eliten gleichzustellen.

Wie sich zuvor der technische Sachverstand von der militärischen Vormundschaft emanzipiert hatte, schilderte Sebastian Rojek von der Universität Stuttgart am Beispiel der Affäre um die SMS Großer Kurfürst. Der frisch in Dienst gestellte Stolz der deutschen Flotte war nach einer Kollision im Jahr 1878 im Ärmelkanal gesunken.

Die politische Verantwortung trug Albrecht von Stosch. Obwohl ein preußischer Infanterieoffizier, war er zum Chef der neu gegründeten Admiralität und zum Marineminister ernannt worden. Nach dem Untergang der Großen Kurfürst geriet Stosch unter massiven Druck von Presse und Parlament. „Das Schiffsunglück hatte zur Folge, dass sowohl innerhalb der Marine als auch in der Öffentlichkeit breit diskutiert wurde, welche Kenntnisse notwendig waren, um an der Spitze der Marine erfolgreich zu wirken“, so Rojek. In den folgenden Jahren seien von der Leitung des Ministeriums mehr technische Fachkenntnisse erwartet worden, die Öffentlichkeit habe eine kritischere Haltung gegenüber der Marine eingenommen. So formulierten die Gegner Stoschs: „Seemannschaft ist Technik.“

Einen Konflikt an den unteren Ebenen der sozialen Skala beleuchtete Ingo Heidbrink von der University of Norfolk: Die Kontrolle der Fischerboote gehört in der Nordsee zu den klassischen Aufgaben der Marine. Entsprechend wenig wollten Fischer mit der Marine zu tun haben, deren Offiziere wiederum wenig mit den „schmuddeligen“ Fischern. Das änderte sich während der Weltkriege, als die Kutter als Vorpostenschiffe zum Einsatz kamen. Die Besatzungen waren als Personalreservoir für die Marine gefragt, und die Schiffe, weil sie auch von unqualifiziertem Personal bedient werden konnten. Mittlerweile, so Heidbrink, verbinde Fischer und Marine der Kampf gegen die Raubfischerei.

Etliche Vorträge widmeten sich stärker technischen Aspekten. So zum Stacheldraht als „Manipulation des Raumes durch nichtletale Gewalt“, einem internationalen Vergleich der Entwicklung schwerer Bomber in den 1930er-Jahren und zur Frage, warum der Kampfpanzer nicht in Deutschland erfunden wurde. Die vielfältigen Ansätze zeigten, wie groß der von Tagungsleiter Kehrt erwähnte Forschungsbedarf ist.