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Samstag, 16. Februar 2019

Finanzsoziologie

„Bargeld schafft Identität“

Von Christoph Böckmann | 5. April 2018 | Ausgabe 14

Die Bargeldabschaffung wäre der nächste Schritt, um das Vertrauen in den Euro zu schwächen, meint Analyst Marius Kleinheyer.

VDI Nachrichten: Umfragen zeigen, dass besonders die Verlierer des Zweiten Weltkriegs am Bargeld hängen. Warum ist das so?

Foto: Flossbach von Storch

Kleinheyer: Bargeld ist ein Instrument der Identitätsbildung. Das erkennt man daran, dass auf den Münzen und Scheinen nationale Symbole abgedruckt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten Deutschland, Österreich und Japan ihre Identität neu definieren. Stolz spürten sie nicht mehr für ihre Nationalstaaten, aber für ihre Währungen. Sie spiegelten den Erfolg ihrer Volkswirtschaften wider. Der Yen und die D-Mark etablierten sich international zu wichtigen Währungen. Der Schilling wurde an der D-Mark ausgerichtet und dadurch stark.

Marius Kleinheyer

Hat der Euro auch diese identitätsstiftende Wirkung? Es weiß doch heute kaum einer, was auf dem Zwanziger abgebildet ist.

Der Euro hat dieses Identitätspotenzial bisher nicht entfalten können. Obwohl er es versuchte. Der Euro wollte in die Fußstapfen der D-Mark treten und orientierte sich stark an ihr. So ist es kein Zufall, dass die EZB in Frankfurt sitzt. Insbesondere durch die Art und Weise der Eurorettungspolitik bekam der Euro aber ein massives Vertrauensproblem. Der Charakter des Euros veränderte sich durch sie.

Inwiefern?

Der Euro ist jetzt weniger eine D-Mark, sondern wird mehr und mehr eine Lira.

Wenn der Euro so ein Imageproblem hat, dann braucht ihn doch keiner mehr als Münze.

Die Bargeldabschaffung wäre der nächste Schritt, um das Vertrauen der Menschen in die Währung zu schwächen. Auch bei Währungen gilt die alte Handwerkerregel für das Anziehen von Schrauben: Nach fest kommt ab.

Münzen und Scheine zu produzieren, kostet Geld. Steuerhinterziehung und Geldwäsche werden ohne Bargeld schwieriger. Hat die Bundesregierung daher nicht ein Interesse, das Bargeld abzuschaffen?

Der Regierung und der Bundesbank ist bewusst, dass das Bargeld den Deutschen sehr wichtig ist. Studien zeigen, dass bis zu 84 % der Deutschen nicht auf Bargeld verzichten möchten. Zwar sehen wir, dass bargeldloses Bezahlen zunimmt, aber das bedeutet nicht, dass die Menschen Bargeld nicht mehr als wichtig erachten oder darauf verzichten wollten.

Die Negativzinsen haben teils ihre Wirkung verfehlt, da die Banken dann einfach Bargeld im Tresor gelagert haben, statt es gegen Gebühr bei der EZB zu parken. Ist eine effektivere Geldpolitik kein starkes Argument für die Abschaffung des Bargeldes?

Das Argument, das „Finetuning“ im Währungsmanagement voranzubringen, ist wohl das gewichtigste. Aber es wird selten ausgesprochen.

Warum nicht?

Weil es eine unangenehme Wahrheit wäre, zu sagen, wir wollen Negativzinsen durchsetzen. Im Grunde geht es dabei um finanzielle Repression. Mit einem Bargeldverbot würde man den Notausgang zubauen.

Also können Sie sich keine Welt ohne Bargeld vorstellen?

Ich könnte mir durchaus in Zukunft eine Welt ohne Bargeld vorstellen. Aber diese wird es nur geben, wenn die Menschen dafür bereit sind und es für sinnvoll erachten. Bar zu bezahlen ist eine gewachsene Sozialtechnik, an die die Menschen gewöhnt sind, die die Menschen täglich nutzen und die funktioniert. Der Verbraucher entscheidet, was er möchte. Wenn man versucht, diese Entwicklung von oben mit Zwang durchzusetzen, dann verstößt man gegen ein Prinzip der Marktwirtschaft.

Wie ist es bei Ihnen? Zahlen Sie an der Supermarktkasse bargeldlos oder mit Münzen und Scheinen?

Im Supermarkt bezahle ich mit Karte. In vielen anderen Situationen, zum Beispiel wenn ich mir am Kiosk eine Zeitung hole, zahle ich bar.

Weil es heute da meistens auch gar keine andere Möglichkeit gibt.

Ja, aber ich denke da auch gar nicht drüber nach. Auch bei der Kollekte in der Kirche oder wenn ich einem Bedürftigen etwas gebe, bin ich noch nicht auf die Idee gekommen, dass ich das nun gerne bargeldlos tun würde.