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Donnerstag, 21. März 2019

Logistik

Der lange Weg eines Riesen

Von Stefan Asche | 14. März 2019 | Ausgabe 11

Die Waldrich Coburg GmbH stellt eine der größten Fräsmaschinen der Welt her. Bis beim Kunden die ersten Späne fliegen, vergehen mindestens zwei Jahre.

BU Powertec Verladung
Foto: Waldrich Coburg

18 Achsen braucht es, um alleine den Querbalken der PowerTec-Maschine sicher auf die Straße zu bekommen.

Größer geht es kaum: Die XXL-Fräsmaschine „PowerTec“ aus dem Hause Waldrich Coburg bietet eine Aufspannlänge von bis zu 50 m. Die Durchgangsbreite ihres Gantry-Systems misst maximal 14 m, die Durchgangshöhe 10 m. Anschaulich formuliert: Ein ausgewachsenes Reihenhaus passt locker rein.

Waldrich Coburg GmbH

„Die Maschine ist aber nicht nur gigantisch groß“, unterstreicht Vertriebsgeschäftsführer Falk Herkner. „Mit ihrer Antriebsleistung von 130 kW erreicht sie ein Zeitspanvolumen von satten 4500 cm3 pro Minute.“ Die Präzision leide unter diesem Tempo nicht. „Sie liegt im Hundertstelbereich“, so der Ingenieur. Ein solches Verhältnis aus Abtrag und Genauigkeit sei im Großmaschinenbau einmalig.

Ziemlich beeindruckend ist allerdings auch der Preis für die Riesenfräse. Wer mit ihr beispielsweise Schiffsmotoren, Baumaschinenteile oder Getriebegehäuse von Windkraftanlagen in Form bringen will, muss zuvor rund 10 Mio. € locker machen.

Gleich mitnehmen kann er seine Anschaffung dann aber noch nicht. Es ist ein langer Weg, bis eine PowerTec-Anlage beim Kunden die ersten Späne fliegen lässt. „Von Auftrag bis Inbetriebnahme dauert es mindestens zwei Jahre“, erklärt Herkner. „Das Gros unserer Giganten geht nach China.“

Der Startschuss fällt grundsätzlich in der Konstruktionsabteilung. „Kaum eine Maschine gleicht der anderen“, erklärt der Geschäftsführer. „Jede ist customized.“ Einfluss auf die Maßanfertigung haben unter anderem das Produktionsprogramm des Kunden sowie die vorhandene Infrastruktur.

Noch bevor teure Zulieferteile wie Gusskomponenten, Steuerung oder Späneförderer bestellt werden, beantragt der Hersteller eine Exportgenehmigung. Adressat ist das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Die Behörde prüft, ob das Exportgut für Rüstungszwecke missbraucht werden kann.

Sobald grünes Licht aus Eschborn gegeben wird, beginnt der Aufbau in den Werkshallen von Waldrich Coburg. Er nimmt etwa anderthalb Jahre in Anspruch.

Nach Abschluss der Arbeiten wird die Geometrie gerichtet: Maschinentisch, Gantryportal und die in Z-Achse ausfahrbare Spindeltraghülse („Ram“) werden genauestens aufeinander abgestimmt. „Dann darf der Käufer sein Riesenbaby erstmals in Aktion sehen“, so Herkner. „Zu Demonstrationszwecken fertigen wir meist ein Teil aus seinem Produktionsprogramm. Alternativ können wir auch ein VDI-Prüfstück fräsen.“

Amüsante Anekdote am Rande: Dem Wettbewerber Droop + Rein verlangte die Vorführung der Maschine vor dem Kunden ein gewichtiges Maß an Kreativität ab. Dummerweise passte ein gigantischer Drehtisch – ein Zulieferteil – nicht durch das Hallentor. Also griffen die Bielefelder kurzerhand zu Flex und Bohrhammer. Seitdem ist auch das Zugangsportal ein Unikat – genau wie die dahinter gefertigten Maschinen.

Zurück nach Coburg: Wenn der Kunde zufrieden ist, wird all das, was binnen Monaten aufgebaut und justiert wurde, wieder zerlegt. Auch das dauert. Vier Wochen ziehen ins Land – und anschließend etwa 40 Lkw bzw. Schwerlasttransporter. „Für jedes Bundesland, das wir mit dem Konvoi berühren, ist eine gesonderte, stets nur temporär gültige Transportgenehmigung erforderlich“, so Herkner. „Um sie zu beantragen, müssen u. a. die genauen Ladungsabmessungen, die einzelnen Gewichte aller Packstücke, die Achslasten, die Anzahl der Räder je Achse, die Spurweite sowie die genaue Route übermittelt werden.“ In Summe wiegt eine PowerTec-Maschine etwa 1000 t.

Meist enden die Straßentransporte in Hamburg oder Bremerhaven. Die dortige Verladung auf das Schiff markiert einen wichtigen Punkt im Verkaufsprozess: „Wir bekommen dann ein Bordkonnossement“, erklärt Herkner. Dieses eigentumsanzeigende Papier übergibt Waldrich Coburg der Bank des Käufers. Im Gegenzug zahlt das Kreditinstitut den Großteil des Kaufpreises aus.

Der Seeweg nach Schanghai oder Beijing dauert vier bis sechs Wochen. „Die Abholung der Maschine vom Zoll erledigt der Kunde in Eigenregie“, so Herkner. Insgesamt koste der Transport von Tür zu Tür einen hohen sechsstelligen Betrag.

Sobald die Maschine am Bestimmungsort angekommen ist, wird ein fünfköpfiges Team von Waldrich Coburg hinzugezogen. „Als erstes prüfen wir das Fundament. Es muss unseren Spezifikationen entsprechen“, so der 48-Jährige. „Die Betondicke sollte dem natürlichen Untergrund angepasst sein. Außerdem müssen Schächte für die Spanabfuhr, für etwaige Wartungseinsätze sowie für die Strom-, Kühlmittel und Luftversorgung vorhanden sein.“

Die eigentliche Montage benötigt sechs Monate. „Schließlich ist das kein kleines Maschinchen, das in einem Stück am Kranhaken in die Halle schwebt“, erklärt Herkner augenzwinkernd. Sobald alles wieder vollständig aufgebaut ist, muss die Geometrie erneut gerichtet werden. Dann übernehmen Anwendungstechniker von Waldrich Coburg für etwa zehn Wochen die Regie. Sie schließen die Steuerung an, schulen die Bedienungsmannschaft des Kunden und beantworten als Produktionsbegleiter alle Fragen.

Insgesamt hat Waldrich Coburg über die Jahre etwa 150 PowerTec-Maschinen verkauft. Zuletzt ist die Nachfrage auf zwei bis drei Exemplare pro Jahr gesunken. „Der Markt sättigt sich“, so Herkner. „Die Maschinen sind halt langlebig.“

Der Ingenieur räumt ein, dass die nordbayerische Provinz vielleicht nicht der optimale Standort für einen Hersteller von Großwerkzeugmaschinen ist – zumindest unter logistischen Gesichtspunkten. Die große Distanz bis zum nächsten Überseehafen mache das internationale Geschäft mitunter mühselig. Dieser kleine Nachteil werde aber überkompensiert durch das lokale Humankapital. „Coburg ist ein regelrechtes Maschinenbaunest!“