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Sonntag, 21. Januar 2018

Forschung

Die Grenzen alternativer Technologien

Von Bettina Reckter | 27. Oktober 2016 | Ausgabe 43

Alternativmethoden können Tierversuche ersetzen – und sind teilweise bereits international anerkannt. Was aber nicht zwingend zu weniger Tierversuchen führt.

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Foto: panthermedia.net/kontur-vid

 

 Viele Zellkulturtests haben eine hohe Sensibilität, um ja keine potenziell giftige Substanz zu verpassen. Entsprechend gering aber ist ihre Spezifität. Ergebnis: Ein Großteil der Stoffe gilt zunächst als positiv, also potenziell giftig, obwohl sich später vielleicht herausstellt, dass der Stoff im Organismus keinen Schaden anrichtet. Alle positiven Tests müssen also nochmal an Tieren getestet werden.

„Es ist mir klar, dass die Behörden die Verantwortung für die Zuverlässigkeit der Testmethoden übernehmen müssen“, räumt Joachim Coenen, Tierschutzbeauftragter bei der Merck KGaA in Darmstadt, ein. Dennoch frage sich die Pharmaindustrie mitunter, warum sie noch in die Erforschung alternativer Methoden investieren solle, wenn am Ende doch beides getestet werden müsse – per Alternativmethode und im Tierversuch.

Ein Unding, findet auch Corina Gericke. Nach Meinung der stellvertretenden Vorsitzenden von Ärzte gegen Tierversuche in Köln behindern die Tierversuche selbst den Fortschritt in der Medizin. „Immerhin 95 % der Medikamente, die in die klinische Phase kommen und vorher an Tieren für gut, sicher und wirksam befunden wurden, fallen am Menschen durch.“ Versuche an Tieren seien also gänzlich ungeeignet, schädliche Wirkungen im menschlichen Organismus vorherzusagen. „Ganz zu schweigen von den möglichen wirksamen Wirkstoffen, die nicht auf den Markt kommen, weil sie im Tierversuch aussortiert werden.“ Aspirin und Penicillin etwa wären nach heutiger Wirkstofffindung kaum auf den Markt gekommen. Das eine wirkt bei vielen Tieren stark embryonenschädigend, das andere bringt Nagetieren den sicheren Tod.

Noch sind Wirkmechanismen von Stoffen und Produkten an Tieren besser zu beobachten als in gezüchtetem Humanmaterial. Michael Oelgeschläger vom Deutschen Zentrum zum Schutz von Versuchstieren ist überzeugt: Um das zu ändern, bräuchte es Zeit. Die OECD versucht diesen Prozess zu beschleunigen. In einer Datenbank sollen Wirkmechanismen bestimmter Stoffe hinterlegt werden, aus denen sich Testsysteme ableiten lassen sollen. Ein ehrgeiziges Projekt, für das mehr nötig ist als Zeit. Denn Forschung ist teuer.

Deutschland gibt weniger als 5 Mio. €/Jahr für die Entwicklung tierversuchsfreier Methoden aus – und liegt europaweit damit an der Spitze. „Aber es ist richtig, dass mehr Geld auch eine schnellere Entwicklung begünstigen könnte“, gesteht Oelgeschläger.

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