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Dienstag, 19. März 2019

Berufliche Integration

„Es herrschen immer noch Berührungsängste“

Von Wolfgang Schmitz | 27. September 2018 | Ausgabe 39

Viele Migranten schätzen ihre Kompetenzen unrealistisch ein, Unternehmen gehen zu selten auf die Bewerber zu, weiß Flüchtlingsberaterin Noura Athamna.

Fokus Interview BU2
Foto: UDE

An der Universität Duisburg-Essen gelingt Flüchtlingen häufig der Sprung auf Stellen als wissenschaftliche Mitarbeiter. Der Übergang vom Studium in ein Unternehmen erweist sich meist als problematischer.

VDI nachrichten: Frau Athamna, an der Universität Duisburg-Essen beraten Sie Flüchtlinge bei der Jobsuche und bei ihrer Studienplanung. Haben die Geflüchteten realistische Vorstellungen von der deutschen Realität?

Foto: UDE

Noura Athamna: „Richter, Rechtsanwälte, Ärzte oder Professoren glauben, hier direkt so weitermachen zu können wie in ihrer Heimat.“

Athamna: Natürlich haben nicht alle dieselben Vorstellungen. Viele muss ich auf den Boden der Tatsachen holen. Richter, Rechtsanwälte, Ärzte oder Professoren glauben, hier direkt so weitermachen zu können wie in ihrer Heimat. Dann ist der Frust groß, wenn sie merken, dass es eben doch nicht so einfach ist, erst recht, wenn die sprachliche Hürde hoch ist. Viele sehen nicht ein, eine Alternative zu ihrem ehemaligen Beruf zu suchen. Dann muss ich mich eben darauf beschränken, Informationen weiterzugeben. Letztendlich müssen sie selber entscheiden, welchen Weg sie gehen.

Noura Athamna

Sind die größten Probleme kultureller Art?

Es handelt sich ja nicht nur um verschiedene Kulturen, die da aufeinandertreffen, sondern auch um andere Bildungs- und Berufssysteme. Was bei uns ein Ausbildungsweg ist, kann im Land des Geflüchteten ein Studium sein. Auch der Unterschied zwischen Universitäten und Fachhochschulen ist erklärungsbedürftig. Der eine Hochschultyp ist anders als der andere, deshalb aber nicht schlechter. Häufig taucht die Frage auf: In welchem Beruf kann man in Deutschland am meisten verdienen? Da sind auch Naivität und fehlende oder falsche Information im Spiel.

Sind sich die Flüchtlinge über die Anerkennungshürden im Klaren?

Häufig sind sie das nicht. Wenn ein Studium anerkannt ist, müssen seine Inhalte nicht zwangsläufig angerechnet werden. Da besteht ein wesentlicher Unterschied. Die Anerkennung des Studiums durch die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB) signalisiert etwa Ingenieuren, dass sie den Titel „Ingenieur“ tragen dürfen. Das heißt aber nicht, dass der im Heimatland erworbene Bachelor einem deutschen Bachelor entspricht. Von Gleichwertigkeit kann nur selten die Rede sein. Damit haben potenzielle Arbeitgeber natürlich Probleme.

Was raten Sie den Flüchtlingen in solchen Fällen?

Ich rate ihnen, ihr Studium bzw. die Studieninhalte von einer deutschen Hochschule anrechnen und bestätigen zu lassen. Oder aber sie machen hier noch einen Masterabschluss, was ihnen auf dem Arbeitsmarkt neue Möglichkeiten eröffnet. Damit bieten sie den Unternehmen Dokumente, deren Wert sie nachvollziehen können.

Wo liegt die größte Hürde, um an einen Job oder an ein Praktikum zu kommen?

Es wird sehr viel Wert auf die Sprachkompetenz gelegt. Das weiß ich aus Gesprächen und aus eigener Erfahrung. Schließlich habe ich mich als Medizintechnikingenieurin mit Diplom an der TU Berlin schon viele Male beworben – leider bislang vergeblich. Bei den Telefonaten hieß es verdutzt: Sie sprechen so gut Deutsch! Wie kommt das? Ich bin hier geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen und habe hier studiert. Natürlich beherrsche ich trotz meines Migrationshintergrunds die deutsche Sprache. Dass das immer noch Erstaunen hervorruft, verwundert mich.

Warum haben Sie dann keinen Job bekommen?

Es ist ja nicht ausschließlich die deutsche Sprache, es sind mehrere Faktoren, die Stolpersteine sein können. Ich frage mich häufig: Wie viel besser muss ein Migrant oder ein Geflüchteter sein, um als gleichwertig betrachtet oder zumindest akzeptiert zu werden? Das gilt in besonderem Maße für Frauen. Männliche Ingenieure haben es um ein Vielfaches leichter, beruflich Fuß zu fassen, auch wenn sie einen Migrationshintergrund haben. Für Frauen mit Migrationshintergrund und die Kopfbedeckung tragen, verringert das die Chancen noch einmal erheblich.

Wer tut sich schwerer mit der Kommunikation: Arbeitgeber oder Arbeit suchende Migranten?

Beide gleichermaßen. Vielen Migranten fällt es schwer, ihre Kompetenzen und Defizite in ein realistisches Verhältnis zum deutschen Arbeitsmarkt zu setzen. Die Unternehmen müssen aber auch – wenn sie tatsächlich Ingenieure suchen – auf die Bewerber zugehen. Entweder herrschen zu große Berührungsängste oder Desinteresse in Unternehmen, das kann ich nur schwer einschätzen.

Man könnte die steigende Zahl der Flüchtlinge doch auch als Chance begreifen, als Bereicherung. Das scheinen viele Unternehmen offenbar anders zu sehen.

Natürlich ist es nachvollziehbar, dass Arbeitgeber lieber einen in allen Belangen gut ausgebildeten Ingenieur anstellen als etwa einen mit Sprachdefiziten. Daran hapert es nämlich zuerst bei Geflüchteten. Andererseits: Wenn Unternehmen international aufgestellt sind, sind sie offener für ausländische Mitarbeiter. Sie brauchen Fachkräfte, die sich in anderen Kulturen auskennen, die entsprechende Sprachen beherrschen und über Kontakte vor Ort verfügen. Insofern sehen Unternehmen die Migranten als Gewinn.

Sind Konzerne offener gegenüber Migranten als kleinere Unternehmen?

Es hängt weniger von der Unternehmensgröße als vom Bereich oder von der Abteilung ab. Je höher man in der Unternehmenshierarchie nach oben schaut, desto weniger Personen mit Migrationshintergrund sieht man.

Das verwundert. Es heißt doch, vor allem Hochqualifizierte würden „händeringend“ gesucht.

In Zukunft vielleicht. Momentan zeichnet sich das noch nicht ab. Zurzeit ist die kulturelle Durchmischung in der Arbeiterschaft weitaus größer.

Sind Sie als Frau mit arabischen Wurzeln während Ihres Ingenieurstudiums auf Vorurteile gestoßen?

Vielleicht ein oder zwei Mal hatte ich das Gefühl: Oh, hier will mich jemand einem Test unterziehen. Ansonsten hatte ich nie ein Problem. Gerade die TU Berlin ist sehr bunt gemischt. Unter den Wissenschaftlern sind Europäer, Afrikaner und Asiaten. Mein Mechanikprofessor kam aus Russland. An der TU war Diskriminierung in meinem Fall kein Thema. Das muss aber nicht heißen, dass es sie dort nicht gibt.