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Dienstag, 23. Januar 2018

Studium

Für Techniker maßgeschneidert

Von Hermann Horstkotte | 16. November 2017 | Ausgabe 46

Nicht nur Akademiker, auch Techniker und Meister sind in meist berufsbegleitenden Studiengängen im Werkzeug- und Formenbau gerne gesehen.

Foto: WZL

Am Werkzeugmaschinenlabor (WZL) der RWTH Aachen können Bachelorabsolventen ein berufsbegleitendes sechssemestriges Masterstudium im Werkzeugbau draufsatteln.

Lange Zeit war „Deutschland first“ das unausgesprochene Ziel und Ergebnis auf der internationalen Leistungsskala im Maschinenbau. Wie aber können deutsche Ingenieure auch künftig einen Vorsprung im weltweiten Wettbewerb sichern? Der alljährlich vom Werkzeugmaschinenlabor (WZL) der Technischen Hochschule Aachen und dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie verliehene Preis für den „Werkzeugbau des Jahres“ zeigt: Das Erfolgsrezept besteht aus technischer Innovation und modernem Management. Aus- und Weiterbildung ebnen den Weg.

Studium zum Projektmanager oder wahlweise zum Master

Werkzeug- und Formenbau ist ein Spezialgebiet, auf dem etwa Gusswerkzeuge für die Serienfertigung von Kunststoffteilen am Auto hergestellt werden. Die Branche ist trotz interner Abteilungen in Großfirmen wie Audi insgesamt stark von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt, betont Verbandspräsident Thomas Seul.

Diese selbstständigen Betriebe haben typischerweise um die zwei Dutzend Mitarbeiter, etwa Konstrukteure, Fräser oder Dreher. Manche haben einen Bildungsabschluss als Meister oder Techniker. „Akademiker sind da nicht unbedingt nötig und schnell zu teuer“, sagt Seul. Übrigens hat auch er selber vor dem Maschinenbaustudium eine Lehre zum Werkzeugmacher in der Spritzgusstechnik absolviert.

Heute ist Seul Professor an der Hochschule Schmalkalden am Thüringer Wald und bietet dort neben der üblichen Ingenieurausbildung eine berufsbegleitende Weiterbildung zum Projektmanager für den Werkzeug- und Formenbau. Der zweisemestrige Zertifikatslehrgang wendet sich gezielt an Fach- und Führungskräfte auch ohne Abitur. „Während der Chef draußen die Kundenkontakte pflegt, ist der Projektmanager seine rechte Hand vor Ort, der mit seinem angereicherten technischen und betriebswirtschaftlichen Know-how den Laden am Laufen hält“, weiß Seul. Um überlebensfähig zu sein, müsse auch der Kleinbetrieb sich so modern auf- und anstellen wie die Auftraggeber und Abnehmer.

Bislang ist der Werkzeug- und Formenbau offenbar nirgends, weder an einer deutschen Fachhochschule noch einer deutschen Universität, ein eigenes Studienfach, sondern immer eine Vertiefungsrichtung oder Weiterqualifizierung.

Anders als an der Hochschule Schmalkalden können Bachelorabsolventen im Maschinenbau oder auf verwandten Gebieten an der Technischen Hochschule Aachen aber ein sechssemestriges Masterstudium im Werkzeugbau draufsatteln – wie beim Thüringer Alternativangebot freilich erst nach mehrjähriger Praxiserfahrung und hier wie dort berufsbegleitend.

Dabei öffnet die TH Nichtabiturienten eine Hintertür, wie Wolfgang Boos, Geschäftsführer des WZL, erläutert. Wer in Bayern oder Baden-Württemberg den Meister oder Techniker gemacht hat, kann den Abschluss dort als Bachelor anerkennen lassen und sich damit in Aachen als Fernstudent bewerben. „Wir streben an, unser Masterstudium auch Facharbeitern zu öffnen“, so Boos. Darunter müssten die wissenschaftlichen Ansprüche nicht leiden. Im Gegenteil: So könne das akademische Bildungsniveau und damit die Wettbewerbsfähigkeit von Werkzeug- und Formenbauern verbreitert werden.

Die Lernmodule der Weiterbildungsangebote ergeben ein magisches Dreieck aus Technologie, Management und Führung. Dabei ist der Maschinenbau mit der Elektrotechnik verzahnt. Konstruktion und Herstellung erfolgen – inzwischen fast selbstverständlich – computergestützt (CAD/CAM).

Kunststoffspezialist Seul verweist namentlich auf seine Zusammenarbeit mit dem Kollegen Andreas Wenzel aus der Nachbarfakultät. Der forscht und lehrt etwa über „eingebettete Diagnosesysteme im Spritzgießwerkzeug“, die die Fertigungsqualität in Echtzeit auswerten können. Seul: „Der Algorithmus unterstützt den Werkzeugmacher, kann dessen Erfahrungswissen aber nie ersetzen.“ Die numerische Steuerung passt den Werkzeug- und Formenbau weiterhin in den möglichst durchweg automatisierten Produktionsprozess der „intelligenten Fabrik“ ein. Bei einem engen elektronischen Informationsaustausch mit dem Kunden kann der Formenbau die Entwicklung eines neuen Produktes beschleunigen. Der entsprechende Fachbegriff „Simultaneous Engineering“ war damals, als die heutigen Weiterbildungsstudenten die Lehre oder das Studium absolvierten, für die meisten noch ein Begriff mit sieben Siegeln.

Wer nicht nur Werkstattmensch bleiben, sondern auch selber Projekte managen will, muss sich ferner unbedingt mit der Finanzplanung vertraut machen. Auch Werkzeug- und Formenbauer sehen sich von der Konkurrenz aus Niedriglohnländern herausgefordert.

Das kaufmännische Können vermitteln im Aachener Masterstudium etwa der renommierte Entrepreneurship-Professor Malte Brettel und Controlling-Praktiker von Audi. Und über die nötige Sozialkompetenz für Führungsaufgaben nach innen, im Team, wie nach außen, im Kontakt mit Partnerfirmen und Kunden, sprechen in Aachen wie Schmalkalden Geschäftsführer aus ihrer eigenen Betriebserfahrung. Wer wüsste davon schließlich mehr als Fachleute aus der real existierenden Wirtschaft? ws

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