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Mittwoch, 20. Februar 2019

Verkehr

Für und Wider Platooning

Von Peter Kellerhoff | 7. Februar 2019 | Ausgabe 06

Nachdem Daimler dem Platooning den Rücken kehrte, steht der Nutzen elektronisch gekoppelter Lkw infrage. Doch nicht bei allen.

S22 Bu Platooning
Foto: Daimler AG

Ein Foto der Vergangenheit? Daimler lässt einen Platoon fahren. Doch nach Tests in den USA hat der Konzern die Entwicklung auf Eis gelegt – im Gegensatz zu anderen Herstellern und Zulieferern.

Kurz nach Neujahr schlug die Nachricht ein wie ein Böller in einem Blumentopf: Die Daimler-Division Trucks and Buses legt die Entwicklung elektronisch gekoppelter Lkw-Konvois – sogenannter Platoons – vorerst auf Eis. Die Begründung: Selbst unter Idealbedingungen seien die Vorteile geringer als erhofft. Damit stellt Daimler den Nutzen der zarten Pflanze Platooning infrage.

Demgegenüber stehen Rechnungen, die beispielsweise Zulieferer Continental 2016 für das „Windschattenfahren“ aufstellt hat. Bis zu 15 % weniger Verbrauch sollen sich realisieren lassen, wenn Lkw im Windschatten enger Kolonnen fahren. Sollten nur 50 % der jährlichen Fahrleistung von 150 000 km eines Lkw im Konvoi gefahren werden, könne jeder angekoppelte Lkw knapp 4000 l Diesel pro Jahr einsparen, so Continental. Der Flottenbetreiber reduziere seinen CO2-Ausstoß pro Stunde mit drei Lkw um 24 kg.

Mehr noch: Sogar der erste Lkw könne Kraftstoff durch geringere Luftverwirbelungen im hinteren Bereich des Lkw einsparen. „Die Chance auf eine große Kraftstoff- und damit CO2-Einsparung darf nicht ungenutzt bleiben“, sagte Michael Ruf, Leiter des Geschäftsbereichs Commercial Vehicles bei Continental.

Dem hält Daimler nun entgegen, dass umfangreiche Tests in den USA das nicht bestätigten: „Die Ergebnisse zeigen, dass die Einsparungen selbst unter optimalen Platooningbedingungen in der Praxis geringer ausfallen als erhofft“, hieß es aus Stuttgart. Das Problem: Ein- und ausscherende Pkw und Lkw. So müssten die Fahrzeuge im Platoon jedes Mal wieder beschleunigen, wenn sie beispielsweise durch einen einscherenden Pkw getrennt werden, oder wenn Lkw das Platoon verlassen und der Rest aufschließen muss. Das verbrauche zusätzlich Kraftstoff, damit sinke das Einsparpotenzial.

Die Folge laut Daimler: Kein Business Case. „Zumindest im Langstreckenverkehr in den USA ergibt sich kein Geschäftsmodell für Kunden, die beim Fahren im Platoon auf höchst aerodynamische Lkw setzen“, ließ Daimler verkünden. Dabei erwarteten die Stuttgarter gerade in den USA aufgrund der großen Entfernungen und Langstrecken mit wenigen Verkehrsknotenpunkten die größten Vorteile der Platoons.

Rückblick: Im April 2016 wollte eine Platooning-Sternfahrt von allen großen europäischen Nutzfahrzeugherstellern mit dem Zielort Rotterdam beweisen, dass deutliche Einsparpotenziale vorhanden sind. Die über WLAN verbundenen Lkw fuhren statt mit den vorgeschriebenen 50 m Abstand mit 15 m. Ergebnis der Sternfahrt laut Ausrichter: Es ergab sich eine Kraftstoffersparnis von rund 10 %.

Das US-amerikanische Softwareunternehmen Exa untersuchte daraufhin zusammen mit Lkw-Herstellern den Platooningeffekt durch Simulationen. Eine Erkenntnis war, dass die CO2-Einsparung aus der Abnahme des Stirnwiderstands bei den Folgefahrzeugen im Windschatten des vorausfahrenden Lkw resultiere. Zusätzlich wirke der Schub, den der hintere Truck auf den vorderen durch eine Erhöhung des Basisdrucks auf der Rückseite des Anhängers ausübt, kraftstoffsparend.

Die Erfahrungen, die Daimler machte, relativieren den Nutzen allerdings. Ist Platooning also eine Randerscheinung, die nur kurz blühte? Nein, sagen andere Hersteller wie MAN, Scania und auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) und halten den Entwicklungen für elektronisch gekoppelte Lkw-Konvois die Treue. Allein schon als eine von vielen anderen Maßnahmen, um dem drohenden Verkehrsinfarkt entgegen zu wirken. 3 Mio. Lkw sind allein in Deutschland angemeldet. Jährlich kommen rund 100 000 dazu.

„Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann ist das sicherlich nicht nachhaltig“, sagte Schenker-Chef Jochen Thewes kürzlich gegenüber dem Handelsblatt. Deshalb teste man bei dem Logistikdienstleister, wie man den Lkw-Fluss verbessern kann. Dazu gehöre auch das Platooning, weil die Fahrzeuge deutlich dichter aufschließen können und sich so der Platzbedarf verringere – und damit das Staurisiko.

Auch der VDA bekennt sich weiterhin zum Platooning, mit der Einschränkung, dass die Potenziale wahrscheinlich geringer seien als angenommen. Doch die gesamten Erfahrungen, die mit der Entwicklung der Technologie gesammelt werden, würden einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung von vollautonomen Lkw leisten.

Bei Continental sieht man weder einen Grund, die Zahlen von 2016 zu relativieren, noch die Ressourcen in das Platooning zurückzufahren. Vielmehr ging man erst kürzlich eine Partnerschaft mit Knorr-Bremse ein. Laut Christopher Schrecke, Leiter Externe Kommunikation Commercial Vehicles, ist ein erklärter Schwerpunkt der Kooperation: „Automatisiertes Kolonnenfahren.“ In dieser Partnerschaft liefert Continental Sensoren, Umfeldmodell, zentrale Recheneinheit, Konnektivität und Mensch-Maschine-Interaktion, Knorr-Bremse steuert redundante Aktuatorsysteme für Bremse und Lenkung bei und übernimmt Verantwortung für die Gesamtsystemintegration. Bis Ende März 2019 wird ein gemeinsam entwickelter Demonstrator vorgestellt.

Dann könnten wohl auch MAN und DB Schenker ihre Endergebnisse vorliegen, die sich aus dem weltweit ersten Einsatz von elektronisch aneinandergekoppelten Lastwagen im Echtbetrieb ergeben. Seit Mitte 2018 wird das Platooning ausgiebig auf einem Teilstück der A 9 getestet. Am Steuer sitzen dabei keine Testfahrer, sondern Berufskraftfahrer, die seit August letzten Jahres Echtfracht in München aufnehmen, um sie zur DB Schenker-Niederlassung Nürnberg zu transportieren.

Ein Bekenntnis zum Platooning gibt es auch von Bosch: Wer die aktuellen Stellenausschreibungen betrachtet, sieht nicht nur viele Ausschreibungen für den Bereich der Fahrerassistenzsysteme, sondern explizit auch Suchen nach Entwicklungsingenieuren für das Platooning. Daimler mag ausgestiegen sein, das Ende des Platooning bedeutet es jedoch nicht.