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Mittwoch, 24. Januar 2018

Roboter

Japan stärkt Senioren mit Technik

Von Barbara Odrich | 9. November 2017 | Ausgabe 45

Die asiatische Nation setzt schon heute auf Roboter, Exoskelette und künstliche Intelligenz für die immer älter werdende Gesellschaft Nippons.

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Foto: imago/AFLO

Geräte unterstützen bei der Rehabilitation von Schlaganfallpatienten. Die Regierungspolitik und die Wirtschaft Japans kalkulieren die rasant steigende Seniorenzahl ein.

Wer durch die Jizo Dori Shopping Street im Herzen Tokios läuft, ahnt, was auf Japans Gesellschaft zukommt. Senioren haben den Stadtteil Sugoma zu ihrem Lieblingstreffpunkt auserkoren. Japan ist das Land, dessen Bevölkerung am schnellsten altert. Laut Weltbank werden 36 % der Söhne und Töchter Nippons bis 2050 über 65 Jahre alt sein. Eine Herausforderung auch an die Techniknation.

Um alten Menschen Mobilität und Unabhängigkeit zu geben, aber auch Wege aus der Einsamkeit zu ermöglichen, konzentrieren sich die Anstrengungen der Regierung, Unternehmen und Forschungseinrichtungen derzeit vor allem auf die Entwicklung von Robotern. Fröhliche Singrunden im Seniorenheim, in dem ein humanoider Roboter den Takt vorgibt, mag auf Menschen in Europa verstörend wirken, doch in Japan steht man dem Einsatz autonomer Maschinen weniger skeptisch gegenüber. „Japan hat keine Angst vor künstlicher Intelligenz, und die Sorge, dass sie Arbeitsplätze wegnehmen wird, ist in Japan unbekannt“, erklärte Premierminister Shinzo Abe jüngst. In die Kranken- und Altenpflege haben die technischen Assistenzen und künstliche Intelligenz (KI) längst Einzug genommen.

Die japanische Regierung hatte schon im Haushalt 2014/15 insgesamt 2,39 Mrd. Yen (17 Mio. €) für die Entwicklung von Robotern für alte Menschen bereitgestellt. Das Wirtschaftsministerium subventioniert mehr als 20 Firmen bei der Entwicklung von Pflegerobotern und übernimmt bis zu zwei Drittel der Entwicklungskosten. „Unser Ziel ist es, künftig billigere Gesundheitsroboter in großer Zahl zu produzieren“, erläutert Akifumi Kitashima, zuständig für die Sparte Industriemaschinen im Wirtschaftsministerium.

Einerseits geht es dabei um Assistenzroboter, die die physisch harten Aufgaben von menschlichen Pflegekräften übernehmen sollen. Zum Beispiel Roboter, die beim Heben von bettlägerigen Alten helfen sollen, oder selbstfahrende Rollstühle, wie sie Panasonic mit dem Hospi-Rimo entwickelt hat. Andere Geräte helfen beim Aufräumen und Putzen der Wohnung.

Von Toyota soll Ende des Jahres eine Maschine auf den Markt kommen, die Schlaganfall- und Herzinfarktpatienten wieder das Gehen beibringt. Das exoskelettähnliche Roboterbein, genannt Welwalk WW-1000, wird mit dem betroffenen Bein des Patienten verbunden. Auf einem Laufband bewegen sich das gesunde und das vom Roboter trainierte Bein gemeinsam. Der Patient lernt mit dieser Therapie 60 % schneller die Bewegung seines Beins zu kontrollieren als auf herkömmlichem Weg, verspricht Toyota.

Exoskelette haben in diversen Bereichen der Gesellschaft bereits ihr Debüt. Zu den Klassikern der Roboteranzüge gehört HAL (Hybrid Assistive Limb), entwickelt von der Tsukuba-Universität. HAL kann man über die Kleidung anlegen. So hilft es älteren Menschen, ihre Beweglichkeit zu behalten. Schließlich ist die japanische Gesellschaft auf ältere Arbeitskräfte angewiesen.

Auf dem Tokioter Großflughafen Haneda hieven Senioren bereits schwere Koffer mit Exoskeletten – 10 kg sollen sich wie 4 kg anfühlen. Bei der Sumitomo Mitsui Banking Corp. (SMBC) helfen Exoskelette älteren Bankangestellten, schwere Bargeldstapel und Münzen zu tragen. Großer Bedarf besteht in der japanischen Landwirtschaft. Dort liegt das Durchschnittsalter der Bauern bei 65 Jahren. Auch im Methusalem-Alter sollen sie hier noch ihre Felder bestellen können. Die Tokyo University of Agriculture and Technology hat ihr Exoskelett gezielt für alternde Bauern entwickelt, um sie bei der Obsternte zu entlasten. Federn, Griffe und Stützapparate stärken die Bewegungen und unterstützen die Haltung alter Menschen. Mit kleinen Motoren und Sensoren werden die Bewegungen der Glieder und Gelenke erleichtert.

Foto: Reuters/Kim Kyung-Hoon

Die kuschelige Roboterrobbe – gespickt mit Sensorik – ist bereits in diversen japanischen und europäischen Seniorenheimen im Einsatz.

Doch Roboter in der Altenpflege sollen auch Mitgefühl zeigen. Die kuschelige weiße Roboterrobbe „Pro“, ausgestattet mit zwei visuellen und zehn Berührungs- und Temperatursensoren, ist bereits in diversen japanischen und europäischen Seniorenheimen im Einsatz. Der Roboter-Altenhelfer wird zu einem emotional reagierenden Partner gegen Einsamkeit und eingefahrene Routinen im Alltagsleben.

Kaname Hayashi, der „Vater“ des Humanoiden Pepper, der 2012 von Toyota zum IT-Riesen Softbank kam, will daher Roboter entwickeln, die sprechen können, zugleich aber auch zu einer unterbewussten Verständigung in der Lage sind. Er hat inzwischen die Firma Groove X2 gegründet und will bis 2019 einen Roboter nach dem Vorbild von R2-D2 aus Star Wars entwickeln.

Damit wird ein weiterer Schritt in Richtung künstlicher Intelligenz getan, denn die Maschine muss zu hohen Kommunikationsleistungen fähig sein. Hayashi setzt auf „Deep Learning“-Algorithmen nach menschlichem Lernvorbild. Der Grundgedanke: alten Menschen die Möglichkeit geben, dem Roboter zu helfen, statt sich einfach nur von ihm bedienen zu lassen. Auch Professor Michio Okada an der Toyohashi University of Technology, der seit mehr als zwei Jahren an sozialer Robotik arbeitet, ist der Meinung, dass Roboter mit älteren Menschen besser auskommen, wenn sie anfangs nicht perfekt sind.

Im Fujita Health University Hospital in der Nähe von Nagoya arbeitet Professor Eiichi Saitoh im Bereich der Rehabilitation mit Toyota zusammen an der Entwicklung von Robotern, die Schlaganfallpatienten helfen sollen, ihren Gleichgewichtssinn und die Muskelkontrolle wiederzugewinnen. Hier müssen die Patienten beispielsweise simple Videospiele wie Tennis spielen. Die Roboter sind so entwickelt, dass sie den Patienten nur mit Übungen assistieren, damit sie aus eigener Kraft wieder genesen. „Patienten fühlen sich nicht so, als ob sie von Robotern behandelt werden“, sagt Saitoh.

Hilfe für Demenzkranke kommt in der japanischen Kleinstadt Iruma in der Präfektur Saitama erstmals von einem QR-Code. Ein kleiner, mit einer individuellen Identitätsnummer ausgestatteter Aufkleber wird den Patienten entweder auf die Finger- oder Fußnägel aufgetragen. Der Code kann von einem Smartphone ausgelesen werden und hilft der Polizei, verirrte Menschen schnell zu ihren Familien oder ins Altersheim zurückzuführen. Einige Pflegeheime experimentieren bereits mit QR-Codes oder RFID-Chips in Kleidung und Schuhen, um Patienten das Wiederfinden ihrer Anziehsachen zu erleichtern.

Die japanischen Autohersteller haben bei der Entwicklung neuer Technologien ebenfalls verstärkt Senioren im Visier. Japans Polizei hat seit Jüngstem fahrerlose Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen des Landes zugelassen. Begründet wird diese Zulassung damit, dass dadurch ältere Menschen mobiler bleiben und vor allem ihre Sicherheit erhöht wird.

Das Käuferinteresse an Autos wecken in Japan derzeit eher Sicherheitstechnologien als cooles Design und Schnelligkeit. Fahrerassistenzsysteme mit automatischen Bremsfunktionen sind beliebt. Die Regierung rechnet damit, dass sich bis 2020 der Anteil von Fahrzeugen mit solchen Systemen verdoppeln wird.  

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