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Dienstag, 23. Januar 2018

Stadtwerke

„Kraftwerkspark kann das leisten“

Von Heinz Wraneschitz | 31. August 2017 | Ausgabe 35

Seit 2008 schon ist die Nürnberger N-ergie AG in der Elektromobilität aktiv. Bei den ehemaligen Stadtwerken wundert man sich darüber, dass die E-Mobilität anderswo kritisch diskutiert wird.

w - N-ergie BU
Foto: Heinz Wraneschitz

Öffentliche Ladesäule in der Marktgemeinde Wilhermsdorf, eingeweiht von Alexander Nothaft (li.) vom Netzbetreiber N-ergie und Bürgermeister Uwe Emmert.

Eine Million Elektroautos würde gerade mal einen Strombedarf von 0,1 % bedeuten.“ N-ergie-Prokurist Rainer Kleedörfer kann nur den Kopf schütteln, wenn andernorts die Angst geschürt wird. „Selbst wenn alle Pkw elektrisch unterwegs wären, könnte der heutige Kraftwerkspark das leisten. Der Strom ist da“, stellt der Chef der Unternehmensentwicklung des achtgrößten deutschen Energieversorgers klar. Dass es nicht mehr E-Autos hierzulande gebe, liege einerseits an dem immer noch unzureichenden Fahrzeugangebot, andererseits an der unklaren Versorgungssituation.

Um das Ladenetz zu verbessern, hat das Unternehmen den Ladeverbund Franken+ initiiert. Dem gehören zurzeit 44 Stadt- und Gemeindewerke von Karlstadt am Main im Nordwesten bis nach Hohenfels im Südosten an. 230 Säulen werde es bis Ende 2017 im Einzugsgebiet geben, so Kleedörfer.

Mit einer SMS erreichen E-Mobilisten die Freischaltung. „Das geht mit dem Handy, man braucht dazu kein Smartphone“, hebt Markus Rützel hervor, der Koordinator von Franken+. Doch selbst diese einheitliche Ladeinfrastruktur sei „nicht so sexy wie Fahrzeuge“ und deshalb nur schwer öffentlich zu vermitteln. Dabei seien die Säulen ein „notwendiges Übel. Wir wollen ein flächendeckendes Netz, auch wenn sich dort teilweise Fuchs und Hase treffen. Bei uns soll der Fahrer das Gefühl haben: Dort ist eine Ladesäule mit klarem Zugang.“

Kurt Sigl, der Präsident des Bundesverbands eMobilität e. V. (BEM), lobt die Nürnberger für ihre Vorreiterrolle. Denn ansonsten tragen Bayern „die rote Laterne im nationalen Ranking“. Aber in Nordbayern werde zugebaut, obwohl sich zuletzt selbst „die Kanzlerin offiziell vom Ziel ‚1 Mio. E-Autos bis 2020‘ verabschiedet hat“. Das Ziel wird sicher erreicht, weil Plug-in-Hybride und Range Extender auch dazu zählen“ und nicht nur reine E-Mobile, rechnet Sigl vor.

Doch trotzdem: Deutschland hinke der gesamten Welt und unseren Nachbarländern hinterher, schimpft Sigl auf die Politik. „Rohrkrepierer“ nennt er die von der Autoindustrie dominierten Arbeitskreise (AK) der vom Bund gegründeten Nationalen Plattform Elektromobilität; sogar der ADAC habe sich erst einklagen müssen.

Nicht einmal ein Gesetz, das Ladestecker in Garagen von Eigentumswohnungen erlaubt, hätten die AK zustande gebracht, nennt Sigl einen wunden Punkt. „Und jetzt im Wahlkampf kommt Panik auf“: Der BEM-Boss sieht einen Zusammenhang mit Katastrophenmeldungen der jüngsten Zeit, bei denen E-Autos als größere Umweltsünder als Diesel dargestellt werden.

N-ergie will bis Jahresende rund 100 Elektroautos im Einsatz haben, fast die Hälfte des betrieblichen Pkw-Pools. Warum die Nürnberger einer der einfachen Vorreiter sind? „Der Rechtsrahmen für die Energie- und Volkswirtschaft passt überhaupt nicht“, sagt Rainer Kleedörfer, „da stimmt etwas nicht im System, das muss zwingend geändert werden.“

Der N-Ergie-Prokurist mahnt zudem: „E-Mobilität mit Strom aus Kohle ist kritisch zu sehen, ist ein Glaubwürdigkeitsthema.“ Doch er sieht schon das Ökostromlicht am Ende des Tunnels: „Ab 2021 fallen die ersten Photovoltaikanlagen gerade im Privatbereich aus der EEG-Vergütung heraus. Mit dem Solarstrom kann man dann zu utopisch niedrigen Kosten unterwegs sein.“

Die erhoffte Perspektive, Elektromobile nur mit Ökostrom zu betreiben, sei so gut zu erreichen. „Wir glauben, die Fahrzeugzahl wird exponentiell ansteigen. Denn dann gibt es 0,0 Argumente mehr gegen E-Fahrzeuge“, sagt Kleedörfer. Was ihn und Rützel unisono ärgert, ist die Alles-oder-Nichts-Mentalität in Deutschland. Statt bei der Umrüstung der 11 Mio. Zweit- oder Drittautos anzufangen, die im Schnitt 27 km am Tag fahren, werde die „zu geringe Reichweite der E-Autos“ als Kaufhindernis dargestellt.

Selbst in Österreich sei man da weiter, zeigt Sigl auf: Mitarbeiterprogramme machen dort E-Mobilität – von E-Bikes über E-Roller bis hin zu E-Autos – schmackhaft. Bei uns aber habe es bis vor Kurzem sogar beim Steuerdienstleister Datev Unklarheiten gegeben, bei welchen E-Fahrzeugen die Nutzung derselben betrieblichen Ladestation als geldwerter Vorteil gilt und bei welchen nicht. Dabei ist das Gesetz schon seit Juli 2016 in Kraft.

Franken+ setzt auf herkömmliche Technik, wenn es um Ladestationen geht: Die „Wechselstromlogik“ mit 2 x 22 kW werde im öffentlichen Bereich ausgebaut, „gerade dort, wo es Einstiegsmöglichkeiten in den ÖPNV gibt. So fangen wir Pendlerströme rechtzeitig ab“, so Koordinator Rützel. Die lange Ladezeit sei dort kein Problem, zumal selbst aktuelle deutsche Elektroautos wie der VW Golf mit 3,7 kW zu laden seien.

Die Schnellladung an Gleichstromstationen sei vor allem an Schnellstraßen nötig, so Rützel. Er wünscht sich zudem, dass aus dem Ladeverbund Franken+ ein gesamtdeutsches Netzwerk entstehen soll. Denn sehr viele verschiedene Ladezugänge verhinderten systematisch den Ausbau der E-Mobilität.

Würden Politik und Wirtschaft aber ihre Hausaufgaben machen, „dann kann E-Mobilität für die Gesellschaft ein Gewinnerthema sein. Wir glauben dran“, sagt Kleedörfer. Einen Seitenhieb auf den Rest der deutschen Energiewirtschaft hat er auch noch parat: „In den letzten zehn Jahren wurden wir als Exoten belächelt. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten.“

Und BEM-Präsident Kurt Sigl ist sich sicher: „E-Mobilität hat auch mit Lebensqualität zu tun. Sie ist eine Chance und kein Übel. Sie macht Spaß und ist kein Verzicht.“

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