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Samstag, 16. Februar 2019

Porträt

„Muss ich viel Bier trinken und Fußballfan werden?“

Von Wilfried Urbe, Wolfgang Schmitz, IDW | 27. September 2018 | Ausgabe 39

Die Geschichten von fünf syrischen Ingenieuren zeigen, wie die Integration gelingen kann. Ihr Weg aber war auch steinig und von vielen Zweifeln begleitet.

Fokus Porträts BU
Foto: THGA

Für die syrischen Kriegsflüchtlinge Mamdouh Al Akhras (li.) und Odai Mzarzaa war das Studium in Bochum ein wichtiger Schritt, um in Deutschland Fuß zu fassen.

Ahmad Alnahlaui nahm das Heft von Beginn an in die Hand. Das war 2013. Zwar hielt sein Bachelorstudium im Maschinenbau an der Universität Damaskus deutschen Maßstäben stand, bevor der Syrer aber als Asylant anerkannt war, gingen neun Monate ins Land. Dann dauerte es noch einmal ein halbes Jahr, bis im geeigneten Deutschkurs ein Platz für ihn frei war. Tatenlos wollte der heute 33-Jährige die Zeit nicht verstreichen lassen. Im pfälzischen Zweibrücken feilte er unter Mithilfe eines „netten Rentners“, so Alnahlaui , an seinen Deutschkenntnissen. „Die Sprache war eine der größten Schwierigkeiten“, erinnert er sich an mühselige Lerneinheiten.

Mit dem Umzug nach Wuppertal begann 2014 die halbjährige Wartezeit auf einen Masterstudienplatz. „In der Zwischenzeit habe ich als Ehrenamtler in der Diakonie gearbeitet und mich um Flüchtlinge gekümmert. Ich habe ein bisschen gedolmetscht und die begleitet, die der deutschen Sprache noch nicht mächtig waren.“

Im Wintersemester 2015/16 war es endlich so weit. Der Ingenieur nahm das Masterstudium Konstruktion/Automatisierungstechnik an der Ruhr-Universität Bochum auf. Ein Spaziergang war das nicht. Zwar waren die größten formellen Hürden aus dem Weg geräumt, aber Alnahlaui musste sich intensiv in alte und neue Thematiken einarbeiten, schließlich lag sein Bachelorabschluss in Damaskus sechs Jahre zurück.

Lagen die ersten Hürden hinter dem Geflüchteten, standen die nächsten schon bereit. „Sich an eine neue Kultur zu gewöhnen, ist nicht einfach. Noch schwieriger wird es, wenn man sich den deutschen Bräuchen anpassen soll: Muss ich Jeans oder Anzüge tragen? Soll ich Sauerbraten essen? Muss ich viel Bier trinken und Fußballfan werden? Eine ideale Integration ist aber für mich, sich an Gesetze und Regeln zu halten.“

Foto: VDI nachrichten

Was Alnahlaui ärgert, sind Vorurteile. „Nur wenige Leute akzeptieren, dass es in Syrien sehr gute Universitäten gibt, die mit deutschen vergleichbar sind. Ich solle doch besser eine Ausbildung in Deutschland machen, wurde mir geraten. Dass ein Maschinenbauingenieur mit einem Abschluss in Syrien in deutschen Unternehmen arbeiten kann, wollen viele nicht wahrhaben.“ Die Folge: „Ich kenne keinen einzigen meiner Landsleute mit Ingenieurabschluss, die mit einem entsprechenden Ingenieurgehalt entlohnt werden.“ Hinsichtlich der Aufnahme von Geflüchteten hält Alnahlaui Deutschland dennoch für eines der am besten aufgestellten Länder.

Manchmal überkommt den Syrer, dessen Frau ebenfalls Maschinenbau studierte, das Heimweh. Seine Mutter und viele Freunde leben noch in Damaskus. An eine Rückkehr ist aber vorerst nicht zu denken. „Ich habe mich inzwischen hier gut eingelebt und würde in Syrien vieles vermissen, was ich in Deutschland schätzen gelernt habe.“ Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Industrie- und Fahrzeugantriebstechnik der Ruhr-Universität Bochum widmet sich Alnahlaui der Entwicklung neuer Antriebe. Abgesehen davon, dass viele Industrien zerstört sind, wäre er in Syrien mit seiner aktuellen Ausbildung ein schwer zu vermittelnder Exot.

Gleich nebenan, an der Technischen Hochschule Georg Agricola Bochum (THGA), haben Alnahlauis Landsleute Mamdouh Al Akhras und Odai Mzarzaa eine wissenschaftliche Zuflucht gefunden. „In unserer Heimat gab es für junge Leute keine Zukunft mehr. Es wurde immer gefährlicher, uns blieb nur noch die Flucht“, berichten die Syrer. Bereits 2015 waren die jungen Männer vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen. Odai Mzarzaa hatte gerade sein BWL-Studium in Damaskus begonnen, Mamdouh Al Akhras war bereits fertig ausgebildeter Ingenieur für Automatisierungstechnik. Die Technische Hochschule unterstützt sie mit Sprach- und Weiterbildungskursen, damit ihre Qualifikationen auch in Deutschland als vollwertige Abschlüsse Firmentüren öffnen.

Momentan besuchen beide den B2-Deutschkurs und belegen erste Grundlagenfächer wie Höhere Mathematik. Darauf wollen sie aufbauen. „Wenn weiter alles so optimal läuft, möchte ich noch einen Masterabschluss in Deutschland machen und einen guten Job als Ingenieur finden“, sagt Mamdouh Al Akhras, der sich nebenbei ehrenamtlich bei der Caritas engagiert.

Odai Mzarzaa macht sich fit für die Industrie 4.0 und will vor dem Studium eine Ausbildung zum Fachinformatiker beginnen. Wie es danach weitergeht? „Ob ich hier bleibe oder zurück nach Syrien gehe, weiß ich noch nicht“, sagt der 22-Jährige. „Auf jeden Fall sind die deutsche Sprache und ein guter Abschluss Qualifikationen, die auch international sehr gefragt sind.“

Auch Asam Alabdalah ist vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland geflohen. Der Software-Ingenieur hatte sein Studium bereits 2005 abgeschlossen, unter anderem in Dubai gearbeitet und später in seinem Heimatland eine eigene Firma gegründet. Das alles musste der 38-Jährige hinter sich lassen. Nach seiner Flucht kam er nach Andernach. Der Einstieg war nicht leicht. „Freunde halfen bei ersten Bewerbungen oder ich habe die Unterlagen in Englisch abgegeben.“ Und es waren viele Bewerbungen. Zu einem Vorstellungsgespräch kam es aber nie.

Ähnlich erging es Usama Al Mousa. Auch der Syrer flüchtete vor drei Jahren nach Deutschland. Studiert hatte er an der Universität von Damaskus, Fachrichtung Kommunikationselektronik. Er ließ sich in Trier nieder und begab sich sofort auf Arbeitssuche. „Ich habe mehr als 50 Bewerbungen abgeschickt und oft noch nicht mal eine Antwort erhalten.“

Heute sind Alabdalah und Al Mousa wieder als Ingenieure tätig. Zu verdanken haben sie das der Initiative „Ingenieurwissenschaftliche abschlussorientierte Qualifizierung“ (IAQ) an der Hochschule Kaiserslautern. Ein Jahr nahmen sie an einem einjährigen Programm teil, das ihnen Brücken zu den Unternehmen baute. Projektleiterin Silke Weber erklärt: „Ziel ist, die Studierenden dort abzuholen, wo sie stehen. Dabei haben wir immer die konkreten Bedarfe der Unternehmen im Blick.“ Für die bislang 51 Teilnehmer standen in den ersten sechs Monaten Fachsprachkurse, Arbeitskultur in Deutschland, fachliche Weiterqualifizierung, aber auch Projektmanagement und Präsentationstechniken auf dem Programm.

Al Mousa arbeitet heute bei Zahnen Technik in der Eifel. Das Unternehmen hat sich auf den Bau und die Modernisierung von Abwasseranlagen spezialisiert. Alabdalah konnte ebenfalls über das Programm seinen aktuellen Arbeitgeber Digishop in Bonn kennenlernen, der digitale Vermarktungssysteme entwickelt. „Jetzt, da ich meine Fähigkeiten zeigen kann, bin ich hier sehr glücklich.“