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Freitag, 22. Februar 2019

Servicerobotik

Roboterbote zwischen den Welten

Von Hans-Arthur Marsiske | 7. Juni 2018 | Ausgabe 23

Dank technischer Weiterentwicklungen werden Roboter zunehmend zu mobilen Assistenten. Logistik und Öffentlichkeitsarbeit sind aussichtsreiche Anwendungsfelder zwischen klassischen Fabrik- und Haushaltstätigkeiten.

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Foto: Savioke

Hotelbote: Typische Lieferaufgaben in Hotels können Serviceroboter wie dieser übernehmen. Das Transportfach öffnet sich dabei erst, wenn die Zimmertür aufgeht.

Beim Einchecken ins japanische Henn-na Hotel musste Steve Cousins sich von einem Dinosaurier bedienen lassen. Auf Englisch konnte sich der US-Amerikaner nur mit diesem freundlichen Ungetüm verständigen. Der Roboter mit menschlichem Antlitz nebenan an der Hotelrezeption verstand dagegen nur Japanisch. Aber egal, ob Monster oder Humanoider: Cousins konnte sich wie zu Hause fühlen. Der Gründer und gegenwärtige Chef der Firma Savioke baut und verkauft schließlich selbst Roboter für den Einsatz in Hotels. Sein Produkt „Relay“ orientiert sich allerdings eher an R2D2 aus den „Star Wars“-Filmen und empfängt keine Gäste, sondern liefert ihnen Speisen und andere Artikel aufs Zimmer.

Foto: Henn-na Hotel

Geschmacksache: In Japan werden Hotelgäste von Robotern in Dinosauriergestalt empfangen.

Der Rezeptionsroboter und auch der digitale Hotelbote sind konkrete Anwendungsbeispiele für die Servicerobotik. Im Unterschied zum klassischen Industrieroboter, der – abgeschirmt hinter Drahtzäunen – unermüdlich die gleichen Bewegungen ausführt, kennzeichnet den Serviceroboter größere Mobilität, Flexibilität und vor allem die größere Nähe zum Menschen. 

Einsatzgebiete für Serviceroboter gibt es innerhalb und außerhalb der Fabrik. Der potenziell größere Markt lockt außerhalb der Produktionshallen, allerdings um den Preis vielfältiger und komplexer Herausforderungen. Das gilt insbesondere hinsichtlich der Wahrnehmung, der Mensch-Maschine-Interaktion und der Sicherheit. Anwendungen im betrieblichen Umfeld liegen dagegen technologisch näher, weil die Arbeitsumgebung meist klar definiert ist und entsprechend unterwiesenes Personal professionell mit den Robotern interagieren kann.

Der Einsatz im Hotel liegt gewissermaßen zwischen diesen beiden Welten. Es ist ein Gewerbebetrieb mit klar strukturierter Umgebung. Es ist aber auch ein Wohnbereich für häufig wechselnde Gäste, die sich dort wohl fühlen sollen und nicht mit kompliziert zu bedienenden Geräten belästigt werden dürfen.

Savioke-Chef Cousins, der Relay kürzlich bei der Konferenz „Human-Robot Interaction“ vorstellte, versicherte, dass die Bedienung des Roboters kinderleicht sei. Er stütze sich auf eine interne Karte des Gebäudes und könne per WLAN mit Fahrstühlen kommunizieren, um zum gewünschten Zimmer zu fahren. Dort wird seine Ankunft telefonisch gemeldet. Sobald die Zimmertür geöffnet wird, öffnet sich auch der Transportbehälter des Roboters, der Kunde kann die gewünschten Sachen entnehmen und durch Antippen des Displays den Empfang bestätigen. Dann fährt Relay zurück, bereit für den nächsten Einsatz.

Videos, die Hotelgäste ins Netz gestellt haben, zeigen, dass Relay mehr ist als nur ein fleißiger Hotelbote, der kein Trinkgeld erwartet. Neben den logistischen Vorteilen für den Hotelbetreiber vermittelt er den Gästen auch ein futuristisches Erlebnis. Er darf daher, zusammen mit seinen Kollegen an der Rezeption im japanischen Hotel, auch zu den Public-Relations-Robotern gezählt werden, die vornehmlich der Imagepflege eines Unternehmens dienen.

Foto: Mobile industrial Robots –MiR

Logistik-Helfer: In der Industrie spricht man eher von Assistenzsystemen als von Servicerobotern. Viele neue Anbieter drängen inzwischen in diesen Markt.

Logistik und Öffentlichkeitsarbeit sind die beiden großen Wachstumsfelder für die Servicerobotik, die der Branchenverband International Federation of Robotics (IFR) in seinen jüngsten Erhebungen identifiziert hat. Für beide Bereiche wird in den Jahren von 2018 bis 2020 eine steile Zunahme der verkauften Einheiten erwartet: Bei den Logistikrobotern könnte sich die Zahl demnach von geschätzten 37 000 Stück im Jahr 2017 auf durchschnittlich 63 000 Stück jährlich steigern. Im gleichen Zeitraum kann sich die Zahl bei den Public-Relations-Robotern laut der Prognose sogar von 10 300 auf 22 000 pro Jahr mehr als verdoppeln.

Die rasante Entwicklung in der Logistik zeigt sich auch an Neugründungen von Firmen, die mit Macht in den boomenden, durch den Internethandel befeuerten Markt drängen. Ob ein Hersteller erst vor Kurzem dazugekommen oder schon länger dabei sei, spiele keine große Rolle, sagt Niels Jul Jacobsen, Chief Technological Officer der 2013 gegründeten dänischen Firma Mobile Industrial Robots.

„Für gewöhnlich ist es jedoch so, dass es vor allem die jüngeren Wettbewerber sind, die von Veränderungen im Markt profitieren.“ Firmen mit langer Tradition und Entwicklungsgeschichte täten sich im Allgemeinen eher schwer, flexibel auf Marktänderungen zu reagieren. Und: „Die Veränderungen können mitunter rasant auftreten“, weiß Jacobsen. So sind es auch jüngere Firmen, die sich bei der Automatisierung der Intralogistik in Richtung Handhabung und Manipulation von Produkten vorwagen. Auf der Messe Automatica in München werden sich einige davon Mitte Juni im Schwerpunkt zur professionellen Servicerobotik präsentieren.

Während die Roboter der 2012 von Amazon gekauften Firma Kiva Systems z. B. noch komplette Regale durch die Lagerhallen transportierten, wirbt dort die 2014 gegründete Magazino GmbH beispielsweise mit Robotern, die gezielt einzelne Kartons aus den Regalen greifen können. Beim Roboterturnier RoboCup German Open trat Magazino kürzlich als Sponsor auf. Mit gutem Grund: Mitarbeiter Johannes Rothe hatte mit dem Team der RWTH Aachen in der RoboCup Logistics League mit mehreren Weltmeistertiteln Maßstäbe gesetzt.

 

Bislang beschränkt sich der Boom der Logistikroboter weitgehend auf rein gewerbliche Umgebungen mit geschultem Personal. Da ist der Schritt aus der Fabrik in die Welt der Hotels nicht ohne Risiken. Wenn die Technik hier nicht robust und narrensicher funktioniert, droht massiver Kundenschwund. Wer schon mal hilflos vor dem Terminal eines Automatenhotels stand, wo der Computer stur behauptete, die Reservierung sei „unbekannt“, wird so ein Hotel kein zweites Mal buchen. Mobile Roboter sind in der Öffentlichkeit zudem einem erhöhten Risiko tätlicher Angriffe ausgesetzt. Darüber macht sich Cousins bislang jedoch keine größeren Sorgen. Es habe tatsächlich zwei Attacken auf Relay gegeben, gibt er zu. Und ergänzt: „Bei insgesamt 150 000 erfolgreichen Botenfahrten bereitet mir das keine schlaflosen Nächte.“