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Donnerstag, 21. März 2019

Insolvenz

Selbstzerspanung

Von Iestyn Hartbrich | 14. März 2019 | Ausgabe 11

Die Traditionsfirma Schiess kämpft mit den Folgen des Großprojektgeschäfts – und um ihr Überleben. Eine Ursachenforschung.

Bu Aufmacher
Foto: Schiess

Cricket für Titanen: Diese Maschine mit drei Portalen wurde nach Frankreich geliefert. Der Tisch ist insgesamt 75 m lang, allerdings auf zwei Strecken aufgeteilt.

An diesem sonnigen Mittwochmorgen, kurz nach der Frühstückspause, muss Alain Reynvoet seinem Unternehmen beim Zerfall zusehen. Wie so oft dieser Tage. Im Werk begegnet er einem Mitarbeiter, der anstelle seines Werksoveralls Straßenkleidung trägt. Der Mitarbeiter erzählt: Heute ist sein letzter Tag, seinen Ausstand hat er schon gegeben. „Schade“, seufzt Reynvoet und blickt dem Bald-Ex-Kollegen hinterher.

Die Szene ereignet sich beim Maschinenbauer Schiess in Aschersleben, Sachsen-Anhalt. Reynvoet leitet hier den Vertrieb. Schiess, das ist ein Name mit Geschichte; das Unternehmen zählt zu den Urgesteinen im deutschen Maschinenbau. Der Gründer, Ernst Schiess, rief 1891 den Branchenverband der Werkzeugmaschinenindustrie, VDW, ins Leben.

Vom Glanz der vergangenen Jahrhunderte ist wenig geblieben. Nach mehreren Gesellschafterwechseln gehört Schiess heute zur chinesischen Shenyang Machine Tool Group (SMTCL). Spätestens seit 2012 befindet sich das Unternehmen in der Dauerkrise. Aktuell läuft die Vorphase der insgesamt dritten Insolvenz – und der zweiten innerhalb weniger Jahre. Zusehends fällt der Laden auseinander. Alain Reynvoet ist einer von zwei verbliebenen Mitgliedern der Geschäftsleitung. Zwei weitere sind schon weg – ebenso wie mehr als 30 Fachkräfte. „Wer was anderes findet, geht“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Frank Seifert. Wie konnte es so weit kommen?

Die Suche nach Ursachen beginnt im Werk. Hier türmt sich eine riesige Portalfräsmaschine, so groß, dass sie die Halle verdunkelt. So groß, dass sie nach allen Regeln der Montagekunst in die Halle hineingeschummelt werden musste. Als der Kunde die Maschine im Sommer 2018 abnahm, fehlte der Tisch unter der Maschine. Das waren die entscheidenden Dezimeter: Mit Tisch hätte der Querträger das Hallendach durchstoßen.

Die Portalfräse ist fertig, aber sie wurde nie ausgeliefert. Nichts deutet darauf hin, dass sich das irgendwann ändert. Die Maschine ist für einen chinesischen Kunden bestimmt, der darauf nach eigenen Angaben Reaktordruckgefäße für Atomkraftwerke bearbeiten will. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) verweigerte die Ausfuhrgenehmigung, weil sich nicht ausschließen lässt, dass damit Atomwaffen hergestellt werden. Solange Schiess nicht ausliefern kann, bezahlt der Kunde nicht. Es geht um über 6 Mio. €, nur für diesen einen Auftrag. Und wenn es doch nur der einzige von dieser Sorte wäre ...

Eine weitere Maschine für einen russischen Kunden, einen Zulieferer der durch die EU sanktionierten Ölindustrie, darf ebenfalls nicht exportiert werden. Eine dritte Maschine ist bereits beim Kunden, wo sie nun – in Kisten verpackt – vor sich hinrostet. Der Kunde im Iran will bezahlen. Aber Schiess findet nach eigenen Angaben keine Bank, die gegen den zunehmenden Druck aus den USA das Geld transferiert. Eine vierte Maschine stand lange im Werk Aschersleben, darf nun aber nach China ausgeführt werden.

Wer nur wenige Maschinen produziert, leidet schwer darunter, wenn zwei, geschweige denn vier, nicht bezahlt werden – das ist eine der Tücken des Großprojektgeschäfts. Insgesamt wartete Schiess zwischenzeitlich auf über 10 Mio. € Verkaufserlöse – aus zwei Gründen eine Katastrophe für das Unternehmen. Erstens ist es charakteristisch für das Projektgeschäft im Großmaschinenbau, dass der Hersteller in Vorleistung geht, um die teuren Zulieferteile zu bezahlen. „Zulieferteile machen bis zu 50 % des Verkaufspreises der Maschine aus. Allein die Gussformen kosten gut und gerne mal 400 000 €“, sagt Jörg Heithus, Leiter des Projektmanagements.

Zweitens fallen gerade diese Vorleistungen Schiess enorm schwer: Die Firma hat kaum Eigenkapital. Bis 2016 war Schiess eine sogenannte „Internal Company“ der chinesischen Mutter; 95 % der Aufträge kamen von dort. „Es gab nie eine Reserve, das ist das Problem“, sagt Alain Reynvoet. „Man gewöhnt sich an die Überweisungen aus China und verhält sich entsprechend.“

Wie schmerzhaft die Lage ist, zeigen die Umsätze. Von 50 Mio. € im Jahr 2016 sanken sie über 23 Mio. € (2017) auf nurmehr 16 Mio. € im Jahr 2018. Schiess befindet sich in einer Abwärtsspirale. Wegen fehlender Umsätze mangelt es auch an Geld für neue Rohteile. „Wir hatten 2018 das Problem, dass wir Aufträge ablehnen mussten. Wir brauchen fremdes Geld, um wieder in Fahrt zu kommen“, sagt Reynvoet. Allerdings ist fraglich, ob das Geld aus China kommt: SMTCL steckt laut Schiess-Geschäftsleitung selbst mitten in einer Restrukturierung. Schiess hat der Mutter nun ein Sanierungskonzept vorgestellt, das im wesentlichen drei Geschäftsfelder beinhaltet: Retrofit, Lohnfertigung sowie die Spezialisierung auf weniger Typen von Maschinen. Im Laufe des März steht die alles entscheidende Antwort an.

Betriebsrat Seifert kennt das Konzept und spricht von einem „Skandal“, der einem „Sterben auf Raten“ gleichkomme. „Das Sanierungskonzept ist für dieses Unternehmen mit seinen riesigen Hallen nicht tragfähig“, kritisiert der Arbeitnehmervertreter. „Die Geschäftsführung nutzt deutsches Insolvenzrecht, um Personal abzubauen.“ Details, insbesondere zum Stellenabbau, will oder darf bei Schiess niemand nennen. Allerdings erhebt Seifert unter Berufung auf interne Dokumente den Vorwurf, dass die Schrumpfung von langer Hand geplant worden ist – notfalls über den Umweg der Insolvenz, die Arbeitnehmerrechte einschränkt, indem sie zum Beispiel den Kündigungsschutz drastisch beschneidet.

Bereits 2012 wurde die Belegschaft von 350 auf 250 geschrumpft. Damals verhandelten SMTCL, die Schiess-Geschäftsführung und der Betriebsrat gemeinsam einen Interessensausgleich. Die Mutter sollte als Gegenleistung für den Stellenabbau Schiess entschulden, die Grundauslastung der Präzisionsteilefertigung mit Aufträgen bis 27 Mio. € pro Jahr gewährleisten und vor allem die Mittel für die Entwicklung eines Baukastensystems für die Großmaschinen bereitstellen. Nichts davon sei passiert, kritisiert Seifert.

Der Betriebsrat wirft der Geschäftsführung um Schiess-Chef Dongyan Mei außerdem gezielte Fehlinformation vor. In einer Pressemitteilung vom 14. Februar hatte diese kommuniziert, das Sanierungskonzept werde in Abstimmung mit den Vertretern der Belegschaft ausgearbeitet. „Das ist eine Lüge: Mit dem Betriebsrat hat niemand gesprochen“, sagt Seifert. Das Unternehmen räumt dies ein, betont jedoch, dass der Betriebsrat bereits im November 2018 von der bevorstehenden Sanierung unterrichtet wurde.

Für die Firma Schiess und für die Beschäftigten in Aschersleben beginnen nun die Wochen der Wahrheit. Viel scheint möglich, auch ein Eigentümerwechsel, aber nur eines sicher: Selbst wenn Schiess die dritte Insolvenz übersteht, wird das einst stolze Unternehmen weiter schrumpfen.