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Sonntag, 24. Februar 2019

Energiespeicher

Sonnenwende im Verkehr

Von Josephine Bollinger-Kanne | 5. Juli 2018 | Ausgabe 27

Elektroautos vermeiden nur Treibhausgasemissionen, wenn sie Ökostrom tanken. Solar ist dank smarter Akku- und Ladetechnik erste Wahl.

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Foto: Solar Promotion GmbH

Knapp 2,2 Mio. Ladesäulen an öffentlichen und halböffentlichen Standorten benötigt die Elektromobilität bis 2030, so eine Studie der TU München.

Elektroautos und Photovoltaik beflügeln einander. Davon ist Carsten Körnig überzeugt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW Solar). Denn der Verband beauftragte die Meinungsforscher von Forsa und die ermittelten: Zwar kommt fast für die Hälfte der Autofahrer noch kein Elektroauto als Neuwagen infrage, aber zugleich würden 90 % derjenigen, die sich für ein Elektroauto interessieren, bei gleichem Strompreis vorzugsweise Sonnenenergie und andere Ökostrom tanken wollen.

Das Umweltbewusstsein ist auch bei befragten Haushalten durch die Bonner Marktforscher von EuPD Research das Hauptmotiv zum Kauf eines Elektroautos. Für Haushalte, die Kunden des Solarstrom-Speicheranbieters E3/DC sind, rangiert die Aufladung mit der eigenen Photovoltaikanlage und somit die Autarkie an erster Stelle. Eine zu geringe Reichweite, fehlende Ladeinfrastruktur und zu hohe Preise schreckten jedoch die Eigenheimbesitzer vom Kauf eines E-Cars ab.

Das Problem zu lösen, daran arbeiten Energieversorger, Fahrzeug- und Solarbatteriesystemhersteller wie E3/DC gleichermaßen. Damit ist auch das Rennen um den Zugang zum Kunden eröffnet. Was hängt zuerst? Die Wallbox oder die Solarbatterie? Die Anbieter wollen das Stromtanken für den Endverbraucher komfortabel machen und die private Sektorkopplung forcieren. „Dank Digitalisierung und innovativer Hardware dringt Solarenergie zunehmend auch in die Bereiche Mobilität und Wärme vor“, sagte Körnig im Juni zum Auftakt der Fachmesse „The Smarter E Europe“, die sich in München erstmals um das Dreieck Solar, Stromspeicher und Ladeoptionen für Stromautos drehte.

Foto: Solar Promotion GmbH

Stromspeichersysteme sind für die Elektromobilität eine entscheidende Schnittstelle. Kombiniert mit einem Energiemanagementsystem, lässt sich über sie selbst erzeugter Ökostrom bedarfsgerecht tanken.

Dementsprechend wappnen sich Anbieter solarer Heimspeicher für eine steigende Nachfrage durch Betreiber von Photovoltaikanlagen, die mit der Elektromobilität liebäugeln, um den Verbrauch des selbst erzeugten Stroms zu erhöhen. Wie sie Ladelösungen mit Wallbox, Wechselrichter und Cloud in Speichersysteme intelligent integrieren, war jetzt auf der Messe zu sehen.

„Alles ist vernetzt“, brachte es Michael Konder, Innovation Manager E-Mobility beim deutschen Marktführer für solare Heimspeicher, der Firma Sonnen, in München auf den Punkt. Der 120 000 Kunden zählende Kreis mit dem Namen „SonnenCommunity“ vernetze Solaranlagen-, Speicherbetreiber und größere Produzenten von erneuerbaren Energien. Jetzt soll das Elektroauto Teil dieser nach Firmenangaben weltweit größten Strom-Sharing-Plattform werden.

In München stellte Sonnen den SonnenCharger vor: eine intelligente Wallbox mit zwei Lademodi. Der Powermodus ist für eine schnellstmögliche Beladung mit selbst produziertem Strom vom Dach. Im Smartmodus kalkuliert die Steuerung das bestmögliche Ladeverhalten über ihre Verbindung zum Lithium-Ionen-Solarspeicher und bezieht so den Verbrauch im gesamten Haushalt, die bestmögliche Ladezeit und die Wetterprognosen mit ein.

Eine effiziente Ladebox allein reiche aber nicht, so Konder. Ein innovatives Ladekonzept müsse in das gesamte System eingebunden sein, zumal bei steigender Anzahl von E-Autos mit mehr Stromschwankungen im Netz zu rechnen sei. Per App könnten die Kunden den bevorzugten Lademodus einstellen, um nicht bei der Abfahrt vor einem leeren Auto zu stehen.

Die Deutsche Energieversorgung mit ihrer Speicherdachmarke Senec setzte in München auf eine Solar-Cloud. Das Prinzip: Anlagenbesitzer lassen ihren nicht verbrauchten Sonnenstrom auf einem Konto gutschreiben und können diesen dann an öffentlichen Ladesäulen von Partnerunternehmen tanken. Per Chipkarte werden sie an den betreffenden Ladesäulen identifiziert.

Auch die Energieversorger Innogy und E.on wollen ihren Kunden das Stromtanken schmackhaft machen. So können Eigenheimbesitzer mit dem neuen Konzept Drive Ready von Eon ihren selbst erzeugten Strom aus der Solaranlage künftig zum Laden eines Elektroautos nutzen. Bei der Auslegung einer neuen Solaranlage wird der Verbrauch zum Stromtanken berücksichtigt und der passende Anschluss bereits verlegt, um Kosten für eine spätere Nachrüstung von Ladeboxen mit einer Leistung von bis zu 22 kW zu sparen. Eine smarte Ladebox von Innogy mit einer Leistung von 1 kW kostet 599 €. Zusammen mit der Installation und dem Anschluss an das bestehende Stromnetz durch Fachkräfte kommen Hausbesitzer und Firmen auf rund 1740 €.

Die Hersteller von Wechselrichtern, einer weiteren Schlüsselkomponente im Photovoltaikanlagensystem, wollen ebenfalls mitmischen. Der israelische Wechselrichterhersteller Solaredge ergänzte auf der Intersolar seinen Einphasen-Wechselrichter um einen Ladecontroller und einen Anschluss für Elektroautos, um das Tanken vom Sonnendach zu ermöglichen. Laut Marketingchef Lior Handelsman denkt das Unternehmen im nächsten Schritt auch an entsprechende Angebote für kommerzielle Kunden.

Ebenso stockte ABB seine Wechselrichter und Batteriesysteme mit einer Ladebox auf. In einer Studie, die der schwedische Technologiekonzern bei der TU München in Auftrag gab und im Mai veröffentlichte, prognostiziert Horst Wildemann, Leiter des Forschungsinstituts Unternehmensführung, Logistik und Produktion, für 2030 ein Marktpotenzial von insgesamt rund 4,7 Mio. Ladesäulen in Deutschland.

2,5 Mio. Ladesäulen würden, so der Wirtschaftswissenschaftler Wildemann, an privaten Standorten und knapp 2,2 Mio. an öffentlichen und halböffentlichen Standorten benötigt – darunter 200 000 Schnellladesäulen. Das bedeute eine enorme Steigerung gegenüber heute. Laut Statista waren Stand Anfang Juli in Deutschland 9409 öffentliche Ladestationen sowie rund 174 000 öffentliche und private Ladepunkten verfügbar.

Alles steht und fällt für Wildemann mit einer umfassenden Verfügbarkeit von Ladestationen, um die Zahl der derzeit rund 130 000 in Deutschland zugelassenen Elektro- und Hybridfahrzeuge zu erhöhen. Laut Studie sind dazu bis 2030 Investitionen in Höhe von bis zu 11 Mrd. € nötig, um die bestehenden Niederspannungsnetze an die künftigen Anforderungen dieser Ladeinfrastruktur anzupassen.

„Im Moment erleben wir bei den technischen Lösungen, die erzeugten Überschussstrom auf die Straße bringen, einen Wildwuchs“, konstatiert Franz-Josef Feilmeier, Gründer des Speichersystemherstellers Fenecon. „Zum Anzapfen möglichst aller Ökostromquellen brauchen wir jedoch eine standardisierte Lösung wie bei den Betriebssystemen von Smartphones, eine Art Energie-Android, ein Energiemanagementsystem, das auf allen Hardwarebestandteilen läuft.“

Deswegen schlägt er vor, solch ein Energiemanagementsystem (EMS) quelloffen zu entwickeln und stellt als Ausgang dafür das hauseigene System bereit. Gespräche mit dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) und dem Bundesverband Energiespeicher (BVES) verliefen positiv. Im zweiten Halbjahr 2018 ist geplant, eine Gesellschaft zu gründen, an der sich Unternehmen beteiligen können, um am EMS zu arbeiten.