Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Donnerstag, 21. Februar 2019

Automation

„Überall herrscht Aufbruchstimmung“

Von Roland Hensel | 22. November 2018 | Ausgabe 47

Was der TSN-Standard für Komponentenanbieter bedeutet, ordnet Martin Müller ein. Er leitet den Geschäftsbereich für Netzwerke beim Verbindungstechnikspezialisten Phoenix Contact in Blomberg.

TSN-Int-BU1
Foto: Fraunhofer IOSB-INA

Forschungskooperation: An der Hochschule Ostwestfalen-Lippe erproben Unternehmen wie Phoenix Contact Kommunikationsstandards für künftige Anwendungen.

VDI nachrichten: Wie sehen Sie die Zukunft von OPC UA in Verbindung mit TSN?

Foto: Phoenix Contact

Martin Müller sieht OPC UA in Verbindung mit TSN als Chance, eine einheitliche Kommunikation zu erreichen.

Müller: Wenn sich alles bewahrheitet, wird es in zwei, drei Jahren die Möglichkeit geben, wirklich komplett bis in das letzte einfache Feldgerät hinein IP-basiert zu kommunizieren. Wir leben nach meinem Dafürhalten in einer der spannendsten Zeiten in der industriellen Kommunikation und der industriellen Automation.

Woran machen Sie dies fest?

Überall herrscht Aufbruchstimmung. Auf der einen Seite bekommen wir mit OPC UA und TSN neue Kommunikationsstandards für Netzwerke und Protokolle, auf der anderen Seite drängt der mobile Kommunikationsstandard 5G mit hohen Datenraten und geringen Latenzzeiten in die Fabrikhallen. Und nicht zuletzt standardisiert die Prozessindustrie gerade unter dem Stichwort Advanced Physical Layer (APL) eine Erweiterung von Industrial Ethernet, mit der auch einfachste Endgeräte über Zweidrahtleitungen kommunizieren können.

Wer treibt APL voran?

Die Organisationen Fieldcomm Group, ODVA und Profibus & Profinet International unterstützen gemeinsam mit zehn Industrievertretern die Standardisierungsbemühungen der Arbeitsgruppe IEEE 802.3cg. Zu den Industrieunternehmen zählen . ABB, Endress+Hauser, Pepperl-Fuchs, Phoenix Contact, Rockwell Automation, Siemens und Yokogawa. APL soll unabhängig von vorhandenen Protokollen sein und bestehende Einschränkungen wie Netzwerkausdehnung und Installation in explosionsgefährdeten Bereichen beseitigen.

Gibt es noch weitere Interessenten für den Standard IEEE 802.3cg?

Die Automobilindustrie hat ein starkes Interesse an diesem Standard. Heute werden einfache Geräte wie Fensterheber, etc. über CAN-Bus oder Flexray und dann über Gateways ins Fahrzeugnetz integriert. Wenn man diese einfachen Geräte über ein 10-Mb-Ethernet verbindet, möchte man die gleichen Anschaltkosten wie beim CAN-Bus oder Flexray erreichen. Zusätzlich wird eine durchgängigere Datenübertragung von den internetbasierten Diensten über mobile Kommunikation bis ins Fahrzeuginnere angestrebt.

Wie sieht Ihr Unternehmen die Vernetzungen mit Ethernet?

Für Phoenix Contact bildet TSN einen Kern der zukünftigen Aktivitäten. Es berührt letztendlich alle Maßnahmen, die mit Automatisierungslösungen zu tun haben. Außerdem verbinden wir mit TSN die große Chance, in Zukunft auf Basis von standardisierter Technologie dem nahezukommen, was schon sehr lange die Idee gewesen ist: Ein einheitliches Netzwerk sowie eine einheitliche Kommunikation und Infrastruktur in der Automatisierung zu erhalten.

Das klingt nach einer Anspielung auf die Vielfalt, die bei den Feldbussen entstanden ist.

Der Feldbuskrieg hatte schmerzlich klar gemacht, dass man immer wieder Gateways bauen musste, die die Daten übertragen. Mit OPC UA können die Daten herstellerübergreifend weitergeleitet werden. OPC UA in Verbindung mit TSN bietet erstmals die Chance, eine einheitliche Kommunikation zu bekommen. Dies kann die Hierarchie der Automatisierungspyramide, wie wir sie bisher kennen, auflösen. Das bedeutet, dass wir zukünftig ein einziges Netzwerk mit gleichberechtigten Teilnehmern haben werden und so über TSN-Mechanismen einen dynamischen Antrieb in einer Regelstrecke genauso wie einen einfachen Temperatursensor konfigurieren.

Was bedeutet das für die Anwendungen?

Im flachen Netzwerk sind Steuerungen und Sensoren/Aktoren gleichberechtigte Teilnehmer. Damit werden die Automatisierungsnetzwerke ebenso aufgebaut und konfiguriert wie dies IT-Abteilungen mit den Unternehmensnetzwerken tun. Für den Antrieb wird nur noch festgelegt, wie schnell und wie sicher die Daten übertragen werden sollen. Die Qualität des Datenaustausches wird durch das TSN-basierte Netzwerk sichergestellt und der Programmierer kann sich auf seine Automatisierungsaufgabe konzentrieren. Dies unterstützt die Idee von Industrie 4.0 und ermöglicht neue Geschäftsmodelle für die Hersteller von Automatisierungstechnik.