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Montag, 22. Januar 2018

Interview

„Wir brauchen mehr Helden!“

Von Stefan Asche | 19. Oktober 2017 | Ausgabe 42

Frank Thelen über Defizite am Gründerstandort Deutschland und den Bildungsauftrag der Löwen

S23 BU We Can
Foto: panthermedia.net / Valeriy Kachaev

Mut und Entschlossenheit. Laut Frank Thelen fehlt es vielen potenziellen Gründern in Deutschland daran.

VDI nachrichten: Frank, erkläre dem Leser bitte kurz, warum ich dich hier duze.

Foto: Frank Thelen

Thelen: Damit wir gleich zur Sache kommen können! Es wäre nicht zielführend, wenn wir zuerst akademische Titel austauschen oder die Anzüge vergleichen. Ich trage übrigens weder das eine noch das andere. Meine Devise lautet: „No Bullshit“. Lasse uns also bitte keine Politik machen – sondern gleich ehrlich sprechen.

Frank Thelen

Gute Idee! Los gehts: Ist es für deutsche Gründer leicht genug, an Startkapital zu kommen?

Bei Geschäftsmodellen, die jeder versteht: ja. Wenn du also einen Hundefuttershop eröffnen willst, hast du gute Karten. Anders sieht es aus, wenn du eine neue Akkutechnologie entwickelt hast. Es gibt nur wenige Wagnisfinanzierer, die sich an solche Themen rantrauen.

Du zweifelst an der Kompetenz der Geldgeber?

Ja, definitiv.

Könnte mehr öffentliches Geld helfen?

Nein, nur das nicht! Ich bin kein Freund von Fördermitteln. Eine Ausnahme ist der Hightechgründerfonds. Dieses halbstaatliche Vehikel funktioniert gut. Von dummen Geldtöpfen halte ich hingegen nichts.

Was also ist zu tun?

Meine Bitte an die Politik: korrigiert das Steuersystem! Macht Investitionen in Start-ups einfacher und gewährt den Gründern mehr Steuervorteile. Dann regelt sich der Markt von ganz alleine.

Du glaubst, die Investoren stünden Schlange, wenn die Steuern gesenkt würden?

Ja. Großbritannien ist da ein gutes Vorbild. Dort wird deutlich mehr in Gründer investiert als bei uns. Die Erklärung ist ganz einfach: Dem Einzelnen geht es doch letztlich um Rendite. Und in Deutschland ist es diesbezüglich aktuell sinnvoller, sein Geld einem renommierten Vermögensverwalter anzuvertrauen. Da weißt du ungefähr, was du bekommst. Bei VC-Fonds ist das – unter den gegebenen Umständen – weniger klar.

Und wie könnte der Staat den Gründern helfen? Mit mehr Bildung, mehr Beratung?

Im Bildungsbereich gibt es tatsächlich noch viel Potenzial. In der Generation meiner Eltern machte es den Unterschied aus, ob man englisch sprach oder nicht. Künftig wird nur der erfolgreich sein, wer zumindest in Grundzügen programmieren kann. Das gilt für Angestellte ebenso wie für Selbstständige. Hier hat Deutschland großen Nachholbedarf. Ein Lichtblick ist die private Code University of Applied Sciences in Berlin. Solche Einrichtungen gehören gefördert! Am besten gleich zehn Stück.

Gut aufgestellt sind wir hingegen im Bereich Forschung. Gründern mit technologischen Problemen steht eine Vielzahl von Instituten und Lehrstühlen offen – wenn sie danach suchen.

Erfüllt die TV-Serie ,Die Höhle der Löwen‘, in der du Start-ups durchleuchtest und ggf. finanzierst, ebenfalls einen Bildungsauftrag?

Definitiv! Das ist ein MBA-Studium fürs Wohnzimmer. Wir erklären der breiten Masse, wie Wagniskapital funktioniert. Lehrreich sind im übrigen vor allem die Fälle, in denen wir aufzeigen, warum das Geschäftskonzept eben keine Aussicht auf Erfolg hat.

Eine Unternehmensprüfung abseits des Fernsehstudios dauert aber gerne mal Wochen, nicht Minuten...

Natürlich ist der Inhalt runtergedampft auf TV-Format. Der Kernprozess ist aber zu 100 % ehrlich und echt. Während einer Sendung verlobe ich mich bestenfalls mit einem Team. Ob es später zur Hochzeit kommt, muss aber noch geprüft werden. Gemeinsam mit meinen Kollegen von Freigeist Capital checke ich alle Angaben der Gründer – etwa in Bezug auf Patentsituation oder Teamzusammensetzung. Stimmt alles, geben wir Geld und Know-how. Im Durchschnitt investieren wir übrigens doppelt so viel, wie vor der Kamera zugesichert.

Offengesagt glaube ich, dass manche Teams nur aufgrund der Show erfolgreich sind...

Zugegeben, die Sendung schafft reichlich Publicity. Aber sie ist lediglich ein Türöffner. Wer dauerhaft Erfolg haben will, muss ein vollständiges Team formen und Strukturen aufbauen. Und dabei helfen wir bei Freigeist.

Ihr finanziert Kräutermischungen ebenso wie elektrische Minijets für den Individualverkehr. Wo ist denn da der Investitionsfokus?

Nirgends! Mir ist schon klar, dass das nicht dem Lehrbuchansatz entspricht. Aber schaue dir doch mal an, wie all die spezialisierten Fonds performen: Sie verbrennen im Durchschnitt Geld!

Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass jeder Investor seinen ganz eigenen Weg finden muss – sei er auch noch so krumm. Angefangen haben wir beispielsweise mal mit Apps und Software, also Dienstleistungsprogrammen. Dann kam die Show. Dort habe ich mich zu einem Fooddeal hinreißen lassen. Es folgten sechs weitere. Zusammen werden sie im nächsten Jahr über 100 Mio. € Umsatz machen.

Parallel investieren wir in Teams und Technologien, die die Welt verändern werden. Die Lilium Aviation GmbH ist so ein Beispiel. Dort gehen wir langfristig mit ins Risiko und arbeiten uns tief ein in Aerodynamik, Materialkunde oder Batteriemanagement.

Was würde den Gründerstandort Deutschland besser fliegen lassen?

Helden! Wir brauchen mehr Helden! Das klingt komisch – ist aber so. Siehe dir Elon Musk an. Der beweist doch, was alles geht: Er hat aus dem Nichts heraus eine Automarke aufgebaut, schießt Raketen ins All und will Bahnfahrten mit über 1000 km/h anbieten. So einer fehlt in Deutschland. Wenn du hier einen völlig neuen Akku entwickelst, dann wird dir jeder raten: Geh damit zu Siemens. Stattdessen brauchen wir Helden, die sagen: Ich mach das Ding selber groß!

Wenn du Angestellter sein müsstest, wo würdest du dein Geld verdienen wollen?

(Nach langem Schweigen:) Da fällt mir nur diese Geschichte ein: Vor Jahren habe ich ein von mir gegründetes Unternehmen verkauft und das Ruder dort abgegeben. Per Vertrag wurde ich aber dazu verpflichtet, noch eine Zeit lang an Bord zu bleiben. Nun war ich also Arbeitnehmer... Schon nach ein paar Tagen sagte mir meine Frau: „Frank, du hast das Leuchten in deinen Augen verloren.“

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