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Mittwoch, 20. Februar 2019

Krankenkassen

„Wir brauchen schnell eine einheitliche Akte“

Von Bettina Reckter, Regine Bönsch | 8. November 2018 | Ausgabe 45

Wie Deutschland den Anschluss an die digitale Gesundheitswelt schaffen will, erklärt TK-Chef Jens Baas.

BU Baas
Foto: TK

Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse: „Im Gesundheitssystem gibt es einfach noch zu viele Menschen, die es sich in der heutigen Welt bequem eingerichtet haben.“

VDI nachrichten: Herr Baas, welche Daten Ihrer Versicherten erhalten Sie und Ihre Techniker Krankenkasse heute bereits?

Jens Baas: Wir bekommen nur Daten über das, was wir bezahlen müssen. Also zum Beispiel: Welche Medikamente wurden verordnet, war Physiotherapie nötig, welche Diagnose wurde gestellt? Nach einem Klinikaufenthalt bekommen wir lediglich die Rechnung – nicht aber Befunde oder Laborwerte.

Jens Baas

Der gläserne Patient existiert für Sie also nicht?

Nein, wir haben viel weniger Daten, als die Leute glauben. Und diese wenigen Daten dürfen wir nur für kurze Zeit speichern und ausschließlich zweckgebunden einsetzen – also auch nicht für Studien nutzen oder um unseren Versicherten Versorgungsangebote zu machen.

Was würde sich mit einer elektronischen Lösung ändern?

Unser Ziel ist, unsere Versicherten noch besser zu versorgen. Das könnte so funktionieren: Einem Patienten, der wegen Rückenschmerzen immer wieder zum Orthopäden geht, könnten wir eine Zweitmeinung empfehlen, bevor er sich vielleicht unnötig operieren lässt.

Es wird also mehr operiert als medizinisch notwendig?

Ja. Bereits seit 2010 bieten wir unseren Versicherten mit Rückenbeschwerden, denen ihr Arzt zu einer Operation geraten hat, eine Zweitmeinung aus einem unabhängigen Schmerzzentrum an. In den meisten Fällen sagt das Schmerzteam: „Bloß nicht operieren!“ 80 % der Teilnehmer kommen dauerhaft ohne OP aus.

Und hier könnte eine technische Lösung, etwa eine elektronische Patientenakte per App, helfen?

Perspektivisch auf jeden Fall. Über unsere App kann sich jeder TK-Versicherte seine persönliche elektronische Gesundheitsakte anlegen und mit seinen Daten füttern.

Dann ist meine Akte, wenn ich die App herunterlade, leer?

Üblicherweise schon. Unser Ansatz mit TK-Safe aber ist anders. Sie können alle Daten, die uns als TK von Ihnen vorliegen, per Knopfdruck in die App laden. Das funktioniert, weil wir vieles selbst programmiert haben. Die App-Lösungen anderer Anbieter hingegen wurden am Markt zugekauft. Da wird das schwieriger.

Aber wie stelle ich sicher, dass der Arzt nur die Daten sieht, die ich ihm geben will?

Der Arzt wird künftig die Daten nicht auf einem Smartphone anschauen, sondern vom Patienten die Daten, die dieser mit ihm teilen möchte, direkt ins Praxissystem eingespielt bekommen. Weil der Arzt nicht unzählige Schnittstellen zu sämtlichen Akten bedienen kann, ist hierfür eine einheitliche Schnittstelle unabdingbar. Das haben wir auch so mit dem Bundesgesundheitsminister vereinbart.

Es gibt aktuell App-Angebote von der AOK, des Vivy-Verbunds und der TK. Wie groß ist der Wettbewerb bei der Entwicklung von Softwarelösungen?

Wichtig ist erst mal eine gemeinsame Infrastruktur, vergleichbar mit einer Straße. Die bauen wir zurzeit. Wer und was darauf fährt, muss noch definiert werden. Wir betrachten die anderen Akten dabei nicht als Konkurrenz. Im Gegenteil: Wir freuen uns, wie viel Schwung in die Digitalisierung gekommen ist. Entscheidend ist nur, dass alle Aktenlösungen später miteinander kompatibel sein müssen.

Gibt es jetzt schon Synergien?

Vivy funktioniert von der Grundlogik her ähnlich wie TK-Safe, weil bei beiden Ansätzen die Daten zentral gespeichert werden. Die AOK hatte das anders geplant. Gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium und den anderen Krankenkassen haben wir uns jetzt auf eine zentrale Datenspeicherung geeinigt.

Nun gilt es gemeinsam zu definieren, welche Daten in der Akte in welchem Format vorliegen und wie die Schnittstellen aussehen sollen. Wir haben hierfür in TK-Safe bereits Lösungen erarbeitet. Aber selbst wenn später eine völlig andere Lösung umgesetzt wird, wäre ich froh und glücklich. Wir brauchen schnell eine einheitliche Akte, weil wir im Vergleich in Deutschland in der digitalen Gesundheitswelt ohnehin schon hintendran hängen.

Wie garantieren Sie Datenschutz?

Einen allumfassenden Datenschutz gibt es ja nicht. Wir haben wirklich viel Aufwand in das Verschlüsselungskonzept gesteckt, also keine Software zugekauft, sondern es selbst gemeinsam mit IBM entwickelt. Technisch ist das so aufgesetzt, dass nur die Versicherten selbst Zugang zu ihren Daten haben; auf ihren Geräten liegt die Verschlüsselung. Da kommen weder wir noch andere dran.

Klingt gut. Aber im Notfall kann ein ohnmächtiger Patient die Daten nicht freischalten.

Derzeit ist das so, hier ging für uns im ersten Schritt der Schutz der Daten vor. An einer Lösung arbeiten wir.

Wie viele Patienten glauben Sie erreichen zu können?

Die allermeisten. Ich persönlich gehe davon aus, dass wir drei Viertel unserer 10 Mio. Versicherten für die Akte gewinnen können. Sie kommt äußerst positiv an. Derzeit läuft noch ein Betatest und die rund 60 000 Versicherten, die die Akte bereits nutzen, geben uns ein durchweg gutes Feedback. Wichtig ist aber, dass jetzt auch die nächsten Schritte folgen. Einen echten Nutzen haben wir erst, wenn der Anschluss an die Praxen funktioniert.

Patientendaten sind ein wertvolles Gut. Ist es denkbar oder geplant, diese verschlüsselt der Forschung zur Verfügung zu stellen?

Wenn wir jetzt keine gute Aktenlösung anbieten, um die eigenen Gesundheitsdaten zu managen, tun dies andere. Uber, Airbnb, Alibaba – sie alle sind in Lücken vorgestoßen und nutzen Daten. Das würde in absehbarer Zeit auch mit Gesundheitsdaten passieren. Nur würde das völlig unkontrolliert ablaufen. Deshalb ist es uns so wichtig, die Gesundheitsakte selbst anzubieten.

Zu den Forschern: Denkbar für die Akte wäre ein Button mit der Aufschrift „Ich stimme einer anonymisierten Nutzung meiner Patientendaten für Forschungsprojekt XY zu“. Forschungsinstitute könnten einen Antrag auf solch eine Abfrage stellen. Ich glaube, die Zustimmungsrate wäre hoch. Ich bin aber absolut dagegen, Daten per se freizugeben.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen, welche Rolle werden Big Data und künstliche Intelligenz spielen?

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass alle Leistungserbringer im Gesundheitswesen miteinander vernetzt sind, also nicht nur die Ärzte und Kliniken, sondern zum Beispiel auch Physiotherapeuten oder Hebammen. Die Vernetzung funktioniert über die Akte der Versicherten. Sie haben selbst die Hoheit über ihre Daten und können sie digital verwalten. Und künstliche Intelligenz wird ihnen helfen, die Daten zu bewerten.

Der Arzt mit seinem Erfahrungswissen wird, unterstützt von künstlicher Intelligenz, noch fundiertere Diagnosen treffen können als heute. Dabei kann er auch zusätzliche Daten einbeziehen, etwa von Fitnesstrackern.

Bis all dies Realität ist, wird allerdings noch viel Zeit vergehen. Im Gesundheitssystem gibt es einfach noch zu viele Menschen, die es sich in der heutigen Welt bequem eingerichtet haben. Transparenz wünschen sich längst nicht alle.