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Mittwoch, 20. Februar 2019

Gesundheit

Zeitgemäße Technik  statt Plastikkärtchen

Von Folker Lück, Elke von Rekowski | 8. November 2018 | Ausgabe 45

Moderne Lösungen zur Verwaltung der eigenen Gesundheitsdaten gibt es schon in anderen europäischen Ländern. In Deutschland besteht Digital Healthcare bislang nur aus einer Chipkarte. Doch das ändert sich gerade, wie Krankenkassen und Vernetzungsspezialisten unter Beweis stellen.

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Foto: Foto [M]: panthermedia.net/lightsource/GRAZVYDAS J/VDIn/gs

Digitalisierung kommt ins Rollen: Mit drei Apps haben Krankenkassen nun eigene Lösungen für die elektronische Patientenakte vorgelegt.

Wenn die fiktive Ingeborg Langenscheidt zum Kardiologen geht, dann hat sie ihre gesamte Krankengeschichte inklusive aktueller Medikation direkt dabei. Ein Blick in die elektronische Patientenakte zeigt, dass die Patientin bereits ein Bluthochdruck-Medikament von ihrem Hausarzt verschrieben bekommt. Die sensorisch erfassten EKG-Daten werden automatisch in die Akte übertragen. Gemeinsam sprechen Patientin, Haus- und Facharzt per Telemedizinkonferenz über die weitere Therapie.

Begriffe rund um die digitale Gesundheit

Solche Szenarien sind hierzulande weitgehend Zukunftsmusik. Zwar wird seit fast zwei Jahrzehnten darüber diskutiert, wie das Gesundheitswesen mit digitalen Lösungen zu modernisieren sei. Doch trotz vorhandener Technik kommen Schlüsselprojekte wie elektronische Gesundheitskarte (eGK) und elektronische Patientenakte (s. Kasten re.) nur im Schneckentempo voran.

Die scheckkartengroße eGK sollte einst der Zugangsschlüssel zur detaillierten Patientenakte werden. Ihre für 2006 beschlossene flächendeckende Einführung aber scheiterte (s. Kasten li.). Bis heute gibt es nur das technisch längst überholte Plastikkärtchen, das lediglich die Versichertenstammdaten wie Name und Adresse sowie ein Lichtbild enthält. In den Augen vieler Gesundheitsexperten eine recht kümmerliche Ausbeute für eine Entwicklung, die immerhin ca. 1,8 Mrd. € verschlungen hat.

Die absurde Geschichte der Gesundheitskarte

Ursprünglich war geplant, dass die eGK für die Versicherten drei Vorteile mitbringt: Zugriff auf Notfalldaten, Warnung vor gefährlicher Medikation und die Authentifizierung als Krankenkassenmitglied. In Funktion ist bislang nur die Authentifizierung. Über diesen technischen Dinosaurier schüttelt Markus Bönig nur den Kopf: „In einer globalisierten Welt ist das eine viel zu kurz gedachte Lösung mit der Technologie von vor 15 Jahren.“ Es gebe längst hervorragende Lösungen für Notfalldatensätze, die heute schon weltweit nutzbar seien, sagt der Geschäftsführer von Vitabook, einem der wenigen kassenunabhängigen Serviceprovider für eine Patientenakte.

Zwar soll die eGK demnächst auch einen Notfalldatensatz und Medikationsplan bieten. Für wesentlich mehr ist auf dem kleinen Kartenchip kein Platz. So stellt sich die Frage, wie dieses Kernstück für ein digitales Gesundheitswesen derart ins Hintertreffen geraten konnte. Hinter vorgehaltener Hand sagen Gesundheitsexperten, dass keiner der letzten Bundesgesundheitsminister den Mut hatte, sich mit der mächtigen Ärztelobby anzulegen.

Von 2007 bis 2013 lehnte der Deutsche Ärztetag die Einführung einer eGK ab. Stets wurden Sicherheitsaspekte dafür angeführt, doch ein mindestens ebenso wichtiger Punkt dürften Honorarinteressen gewesen sein. Unbestritten ist, dass die geplante Patientenakte den Heilberuflern mehr Arbeit abverlangt – die zu bezahlen der Staat aber wohl nicht gewillt ist. Aus dem Blickfeld gerät dabei, dass eine Patientenakte die Prävention verbessern und die Zahl der Fehl- und Doppelbehandlungen deutlich reduzieren könnte – was wiederum Kosten spart.

Will Deutschland nicht endgültig zum Entwicklungsland in Sachen Gesundheit absteigen, muss der aktuell zuständige Bundesminister Jens Spahn schnellstmöglich liefern. Das sehen auch die unter Kostendruck stehenden Krankenkassen so und haben derweil eigene Lösungen entwickelt, die per App aufs Smartphone kommen. Vorreiter war hier die Techniker Krankenkasse mit TK-Safe (s. Interview S. 22). Auch die AOK arbeitet an einer eigenen Lösung. Und mit Vivy kam zuletzt ein Projekt hinzu, hinter dem 14 gesetzliche und zwei private Krankenversicherungen stehen. Solche App-Lösungen wollen den Versicherten unterstützen, notwendige Daten bei jedem Arztbesuch immer griffbereit dabei zu haben: Notfalldaten wie Blutgruppe und Allergieangaben, aber auch Röntgen-, MRT- und CT-Aufnahmen oder den Medikamentenplan und Impfpass.

Von einer flächendeckend digitalisierten Medizin kann noch lange nicht die Rede sein, trotz solcher von den Versicherten bereits positiv aufgenommenen Initiativen der Krankenkassen. Noch nicht. „Wir erleben im Moment eine Gesundheitspolitik, die mit Tempo umsetzt, was sich zuvor lange Jahre verzögert hat“, sagt Mark Düsener, Leiter der Gesundheitssparte bei der Deutschen Telekom, die seit Kurzem eine Komplettlösung zur Anbindung der Praxen an die Telematikinfrastruktur (TI) anbietet.

Diese Telematikinfrastruktur ist ein Kernelement des digitalen Gesundheitswesens. Mit ihrer Hilfe sollen zunächst Vertragsärzte und Krankenhäuser und demnächst auch die Apotheken digital verbunden werden. Online können die einzelnen Akteure darüber miteinander kommunizieren: So schicken sie sich elektronische Arztbriefe oder helfen mit Ferndiagnosen, ohne dass der Patient bei jedem Arzt vorstellig werden muss.

Alle TI-Komponenten müssen zunächst von der Gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte) zertifiziert werden. Diese hat den gesetzlichen Auftrag, die Einführung, Pflege und Weiterentwicklung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) und ihrer Infrastruktur voranzutreiben, zu koordinieren und die Interoperabilität der beteiligten Komponenten – Konnektor, VPN-Dienst, Terminal und Chipkarten – sicherzustellen.

Der Zugang zur TI erfolgt über sogenannte Konnektoren. Sie ähneln einem DSL-Router, müssen allerdings deutlich höhere Sicherheitsanforderungen erfüllen. Über den Konnektor wird eine VPN-Verbindung (Virtual Private Network) hergestellt, um die Kommunikation sicherer zu machen. Viel Wettbewerb gibt es mit nur zwei verfügbaren Konnektoren der CompuGroup und der Telekom zurzeit allerdings noch nicht. In Kürze sollen weitere Geräte von Secunet und der österreichischen Rise GmbH folgen, deren Zulassung durch die Gematik aber noch aussteht. Benötigt werden zudem spezielle Kartenterminals, um Anwendungen der eGK online nutzen zu können.

Aus Sicht der Patienten klappt zurzeit nur das Management der Versichertenstammdaten. Das ist nicht viel. Über die Kartenterminals können sich auch der Arzt und die Praxis authentifizieren. Dazu brauchen beide eigene Ausweise (HBA und SMC-B), die via Terminal Kontakt mit der Telematikinfrastruktur aufnehmen. Bundesweit Nummer eins war übrigens eine Hausarztpraxis im rheinischen Neuss, die sich Ende 2017 an die TI angeschlossen hatte. Inzwischen sind Tausende Praxen hinzugekommen. Das lässt hoffen.

Einen deutlichen Handlungsdruck spürt dennoch Michael Brockt, Salesmanager des mittelständischen Gesundheitsspezialisten Concat AG. An der Technik scheitere das Vorwärtskommen in Sachen Digitalisierung im Gesundheitswesen aus seiner Sicht nicht: „Das Denken in den Köpfen muss sich ändern.“ Der technische Rollout sei in vollem Gange. Für 2019 seien die Anwendungen qualifizierte elektronische Signatur, Kommunikation mit Leistungserbringern und E-Medikationsplan (eMP) geplant.

„Seit 1. Oktober 2018 können sich Kliniken die Ausgaben für den Telematikanschluss erstatten lassen“, sagt Brockt. Bis Jahresende sollten die Komponenten zur Anbindung an die TI zumindest bestellt sein, sonst drohen den Ärzten Strafen in Form von Honorarkürzungen. Obwohl Bundesgesundheitsminister Spahn inzwischen etwas mehr Zeit eingeräumt hat. Nun soll die Anbindung bis Mitte nächsten Jahres erfolgt sein.

Vielleicht kann Deutschland mit derartigen Entwicklungen doch wieder Anschluss an die digitale Welt finden. Im jährlich erscheinenden „Digital Economy and Society Index“ der EU-Kommission belegt Deutschland bei „E-Health“ nur Platz 21 von 28. Auf den ersten Plätzen finden sich Finnland, Estland und Dänemark. Dort gelingt es, trotz Digitalinvestitionen den Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) unter dem deutschen Wert zu halten.

Estland könnte also ein Vorbild sein. Der nördlichste der drei baltischen Staaten führte bereits 2008 flächendeckend eine elektronische Gesundheitsakte ein. Sie enthält alle medizinischen Daten eines Menschen von der Geburt bis zum Tod. Befunde, Röntgenbilder und Medikationsplan können vom Patienten und von behandelnden Ärzten eingesehen werden.

„Telemedizin wird bei uns nun als einer der ersten Dienste die Telematikinfrastruktur nutzen“, sagt Düsener von der Telekom. Andere Mehrwertanwendungen würden folgen. „Es bieten sich für Therapie und Versorgung künftig Möglichkeiten, an die wir heute noch gar nicht denken.“ Ganz ist der Glaube an fortschrittliche Technik also auch in Deutschland noch nicht verloren.