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Sonntag, 21. Januar 2018

Industrie

CO2-neutrale Produkte müssen Käufer finden

Von Stephan W. Eder | 16. November 2017 | Ausgabe 46

Das Pariser Weltklimaabkommen setzt die Dekarbonisierung auf die Agenda – auch für die energieintensive Großindustrie. Das Wichtigste ist, dass alle mitziehen.

w - Industrie und Klimaschutz BU
Foto: dpa Picture-Alliance/Marijan Murat

Energieintensiv: Rotterdam, Europas größter Hafen, will sich dekarbonisieren.

Auch für die energieintensiven Industrien, die Stahl, Zement, Glas oder Grundchemikalien herstellen, setzte der Weltklimavertrag von Paris aus dem Jahr 2015 die komplette Dekarbonisierung bis 2050 auf die Tagesordnung. Nur, wie soll das funktionieren?

Nico van Dooren erklärt, wie es gehen kann. Der Betriebswirt aus den Niederlanden hatte am Freitag letzter Woche bunte Flussdiagramme dazu zu einem Kongress des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie über die tief greifende Dekarbonisierung (deep decarbonisation) in den energieintensiven Industrien mitgebracht. Es sei der erste ganztägige Kongress zu diesem Thema, sagte Lars J. Nilsson, der einen Lehrstuhl für Umwelt- und Energiesystemstudien an der Universität im schwedischen Lund innehat.

Van Dooren macht den Eindruck, als ob er es ernst meint. Er ist Direktor für Energie und Industrie bei den Häfen Rotterdam. Sie sind der wichtigste Umschlagplatz für fossile Rohstoffe in Europa. Raffinerien, Chemiewerke, Kohlekraftwerke, LNG-Lager – aus diesem Gebiet vor den Toren Rotterdams entstammt nach van Doorens Angaben ein Fünftel der Treibhausgasemissionen unseres Nachbarlandes.

Im größten Hafen Europas sind rund 80 % der petrochemischen Industrie der Niederlande und große Stromerzeugungskapazitäten beheimatet. Da die Betriebsgesellschaft der Stadt und dem Staat gehört, macht van Dooren sich Gedanken, was er tun kann, damit die Niederlande ihre Klimaschutzverpflichtungen einhalten können.

Zusammen mit dem Wuppertal Institut haben sich die Hafenmanager an die Aufgabe gemacht, unter Einbeziehung der angesiedelten Firmen das Areal mit all seinen Aktivitäten schrittweise bis 2050 zu dekarbonisieren. Das hat 2016 angefangen mit der Einspeisung von Abwärme aus Raffinerien von Shell in das örtliche Fernwärmenetz. Bis 2020 wird die gesamte Beleuchtung auf LED umgestellt sein. In diesem Zeitraum wird auch das erste Kohlekraftwerk abgeschaltet werden; mittelfristig aber sollen alle – auch die modernsten – nur mit fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerke heruntergefahren werden.

Und natürlich will van Dooren die Möglichkeit negativer Emissionen nutzen, um mithilfe von „Carbon Capture & Storage“ Treibhausgase in ausgebeutete Öl- und Gasfelder der Nordsee zu verpressen und dort dauerhaft zu speichern. Die Felder liegen vor der Haustür des Hafens. Er weiß, dass die Technologie nicht unumstritten ist, macht aber deutlich, dass man es zumindest einmal probieren müsse. Die Machbarkeitsstudie für die Verlegung einer CO2-Pipeline im Hafengebiet mit Partnern als Teil der Nachhaltigkeitsstrategie der Hafengesellschaft hat daher begonnen.

Hierzulande kommen einem als Unternehmen aus der energieintensiven Industrie vorrangig Stahl, Chemie, Bergbau und Papier in den Sinn. Oft ist von der Elektrifizierung die Rede, wenn es um Klimaschutz geht. So lassen sich Gebäudesektor oder Mobilität durch die Nutzung von Ökostrom zunehmend dekarbonisieren – Stichwort Sektorenkopplung. Das aber dürfte für die energieintensiven Branchen als Königsweg, um Treibhausgasemissionen zu vermeiden, nicht unbedingt aufgehen.

Das zeigt ein Beispiel: Würde man in Europa die Produktionsprozesse in der chemischen Industrie völlig auf Strom umstellen, dann ergäbe sich für 2050 ein Strombedarf von jährlich 4900 TWh, so Thomas Wyns vom Institut für Europastudien in Brüssel. Das übertreffe die gesamte Stromerzeugung in der EU. Das Problem sind Branchenvertretern zufolge nicht unbedingt die Technologie und die Prozessumstellung.

Brigitta Huckestein, verantwortlich für Energie- und Klimapolitik bei BASF, verweist auf eine Studie des Dachverbands Dechema: Demnach gebe es für die chemische Industrie ziemlich viele Möglichkeiten, Treibhausgasemissionen zu verringern und ziemlich niedrige Emissionen zu erreichen. Das Problem, das die Branche sieht, ist das sogenannte Carbon Leakage – dass kohlenstoffintensive Prozesse ins Ausland verlagert werden, in dem nicht vergleichbar nachhaltig produziert wird.

„Falls Sie uns heute fragen, ob wir etwas auf einer Null-Emissions-Basis herstellen können, würde ich versprechen: Ja, geben Sie uns fünfzehn Jahre“, erklärt Christoph Sieverding, Leiter Umweltpolitik bei der Bayer-Tochter Covestro, „aber versprechen Sie uns dann bitte auch, diese Produkte in 15 Jahren zu kaufen.“

Diese Zusicherung sei essenziell, betonen auch Vertreter der Stahlbranche in Bonn: „Es kostet uns zwischen 20 Mio. € und 45 Mio. €, um überhaupt die erste Anlage zu bauen“, erklärt Eva Blixt, Chefberaterin in Umweltfragen von Jernkontoret, des Verbands der schwedischen Stahlindustrie. Die Organisation hat die Entwicklung eines Null-Emissions-Stahlfertigungsprozesses angestoßen. Das Problem: „Unsere Industrie hat sehr lange Investitionszyklen. Bis 2050 haben wir die Möglichkeit für eine neue Technologie nur eine einzige neue Anlage zu bauen.“ Die Branche, macht Blix deutlich, habe einen Schuss frei. Und der muss sitzen.

Die Gelder, die die Branche aufbringen muss, um ihre Prozesse und Produkte zu dekarbonisieren, sind erheblich. Für eine Pilotanlage im Projekt Carbon 2Chem wären zwischen 20 Mio. € und 40 Mio. € nötig. Eine erste Demonstrationsanlage in kommerzieller Größenordnung würde 100 Mio. € in Investitionen benötigen, sagt Görge Deerberg. Der stellvertretende Direktor des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) begleitet das Großforschungsprojekt. Innerhalb einer Branche seien diese Aufgaben kaum zu lösen, macht Deerberg deutlich: „Wir brauchen industrieübergreifende Zusammenarbeiten, zum Beispiel zwischen der Chemie-, der Stahl- und der Energieindustrie.“

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