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Samstag, 16. Februar 2019

Porträt der Woche

Chefin der edlen Töne

Von Regine Bönsch, Jens D. Billerbeck | 11. Oktober 2018 | Ausgabe 41

Michiko Ogawa ist Cheftechnologin der Gerätesparte von Panasonic und zugleich gefeierte Jazzpianistin.

2- Portrait (2)
Foto: J. D. Billerbeck

Michiko Ogawa, gefeierte Jazzpianistin und Chefin der Panasonic-Traditionsmarke Technics.

Musik ist immer dabei: Betritt Michiko Ogawa eine Bühne, etwa bei der alljährlichen Pressekonferenz des Elektronikkonzerns Panasonic auf der IFA, ertönt Klavier. Die zierliche Japanerin ist Vice President und Cheftechnologin der Gerätesparte des Konzerns. Darüber hinaus verkörpert sie die Wiederbelebung der Traditionsmarke Technics. Auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ist sie damit in der japanischen Managementwelt eine Ausnahmeerscheinung.

Michiko Ogawa

Musik begleitet die 56-Jährige seit ihrer frühesten Kindheit. Bereits mit drei beginnt sie Klavier zu spielen und lauscht den väterlichen Jazzplatten. „Ich bin mit den Großen der Jazzmusik aufgewachsen: Duke Ellington, Benny Goodman und andere. Deren Musik habe ich dann versucht nachzuspielen, Note für Note.“ Auch während ihrer Jugend bleibt sie der Musikrichtung treu, während Gleichaltrige eher Pop- und Rockmusik hören.

Doch statt der Musik als Hauptberuf entscheidet sie sich für ein Studium der Medizinelektronik. Nach ihrer Promotion 1986 geht sie als Toningenieurin in das Akustiklabor des Matsushita-Konzerns, der später zu Panasonic wird. Hier ist sie Teil jenes Teams, das den ultraschlanken Großmembran-Lautsprecher AFP 1000 entwickelt, der unter anderem in der Wiener Staatsoper eingesetzt wird.

Wie passen Medizin und Akustik zusammen? „Mich interessiert das Zusammenspiel von Musik und dem menschlichen Körper, der Rhythmus der Organe.“ Sie ist überzeugt, dass tiefe Frequenzen auf Menschen beruhigend wirken, während hohe eher Stress erzeugen.

Damit hat sie in Zeiten von MP3 und kleinsten In-Ohr-Kopfhörern einen schweren Stand, ist aber trotzdem überzeugt: „Auch junge Menschen erkennen heute einen guten Klang, wenn sie ihn auf hochwertigen Geräten hören.“ Und für hochwertigen Klanggenuss steht die Marke Technics. 2014, nur vier Jahre nach deren „Abschaffung“, beschloss Panasonic das Revival – mit Michiko Ogawa als Chefin.

Als Musikerin, die zudem mit dem absoluten Gehör gesegnet ist, verantwortet sie 2016 die Rückkehr des analogen Plattenspielers SL-1200 – auch wenn Ogawa anfangs selbst zweifelte, ob sich das Spitzenprodukt aus analogen Zeiten gegen die digitale Konkurrenz am Markt durchsetzen würde. Doch es funktioniert. Nach nur zwei Jahren dient der Plattenspieler heute als Referenz, an der sich auch digitale Produkte wie Bluetooth-Lautsprecher messen müssen.

Dem guten Klang, aber auch einem „menschzentrierten Design“ hat sich Ogawa verschrieben. Und, wie für Japaner üblich, liebt sie die Tradition. Grund genug für den Konzern, unter ihrer Anleitung in jener Stadt, die wie keine andere in Japan traditionelle Handwerkskunst mit Jugend verbindet, ein Designprojekt aufzusetzen: das Kyoto-Projekt. Da kommen Bluetooth-Lautsprecher in Gestalt einer Teekanne daher und Spülmaschinentüren erhalten die Holzhaptik eines japanischen Tempels.

Das Kyoto-Projekt stellte Ogawa auf der diesjährigen IFA in Berlin vor und noch viel mehr: Küchen- und TV-Geräte, Klimaanlagen, eine neue Brotbackmaschine – Panasonic mischt auch im 100. Jahr seines Bestehens fast überall mit. „Das Internet der Dinge wird unser Leben verändern“, davon ist sie überzeugt und steht damit mit beiden Beinen in der digitalen Welt.

Richtig leidenschaftlich wird die meist bescheiden lächelnde Topmanagerin dann, wenn es um die Musik geht. „Wenn ich Jazzmusik spiele, liebe ich die Improvisation. Diese Freiheit und Flexibilität, aus der neue Ideen heraus entstehen. Das ist etwas Wundervolles in der Musik.“ Und sie weiß, wenn neue Geräte entwickelt und designt werden, dann sind genau diese Eigenschaften gefragt: „Ingenieure müssen Zeit für Improvisation haben. Nur so kommen sie zu Inspirationen und sehen auch all das, was rechts und links der Strecke liegt.“

Wer sie auf die mehr als 1000 Männer anspricht, die weltweit unter ihrem Kommando stehen, erhält ein strahlendes Lachen als Antwort. Sie erlebt als Normalität, was in Japan, aber auch anderswo noch längst nicht durchgängig Realität ist. Daneben bleibt die Musik, die sie nach wie vor in ihrer knappen Freizeit pflegt – 14 CD-Einspielungen und viele Youtube-Videos verlangen nach einem straffen Zeitmanagement.

Ihre Work-Life-Balance funktioniere, wie sie im Gespräch erklärt. Da habe sich in Japan viel verändert. Bleibt ihr Wunsch nach mehr Frauen in Ingenieurpositionen in Nippon. „Darauf arbeiten wir hin, denn dadurch werden Produkte emotionaler.“ Entsprechende Förderprogramme gibt es mittlerweile – und eine, die als Vorbild taugt: Michiko Ogawa.